Totengedenken: Picknick auf den Gräbern der Ahnen

2. November 2016, 09:00
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Dezidierte Totengedenktage wie Allerseelen sind auf dem Balkan fast unbekannt. Stattdessen wird mit Anzeigen erinnert

Sarajevo – Die Frau auf dem Schwarz-Weiß-Foto mit dem Kopftuch, darunter die streng nach hinten gekämmten Haare, scheint wie eine historische Figur in die bosnische Tageszeitung "Oslobodenje" geraten zu sein. "Mit Liebe und Dankbarkeit in bleibender Erinnerung an sie", haben die Söhne Anto und Iljko in der Traueranzeige für Janja Baric geschrieben. Und das, obwohl Frau Baric bereits im Jahr 1971 verstarb, also vor 45 Jahren.

Auf dem Balkan sind Todesanzeigen für längst Verstorbene üblich. Sie überwiegen oft die Todesanzeigen der jüngst Verstorbenen. Das hat auch damit zu tun, dass es in der christlichen Orthodoxie keine Totengedenktage wie Allerheiligen und Allerseelen gibt, erklärt der Südosteuropa-Experte Karl Kaser von der Universität Graz das Phänomen.

Gedenken am Todestag

Deshalb wird das jährliche Gedenken an die Verstorbenen am Todestag selbst begangen. Die anderen große Religionsgruppen – also Muslime und Katholiken – haben die öffentliche Form des Totengedenkens in den Zeitungen offenbar von den Orthodoxen übernommen.

Früher hätten Muslime die Todesanzeigen ohne die Fotos der Angehörigen in den Zeitungen geschaltet, doch in der jugoslawischen Zeit sei die bildliche Darstellung dann auch unter Muslimen weniger verpönt geworden, erzählt Kaser.

"Traditionell wird in der Orthodoxie im ersten Jahr viermal der Verstorbenen gedacht, eine Woche nach dem Tod, am 40. Tag danach, ein halbes Jahr und ein Jahr danach", erklärt Kaser. Verwandte, Nachbarn und Bekannte werden dann zum Totenmahl eingeladen. Auch ein Priester kommt zuweilen.

Orthodoxes Seelenproblem

Hinter den Riten stehen Vorstellungen über das, was nach dem Leben kommt. "In der Orthodoxie tut man sich schwerer, an eine abstrakte Seele zu denken, die man nicht sieht", so Kaser. "Die Seelen der Verstorbenen bleiben in irgendeiner Form für die Lebenden präsent. Deswegen stellen die Leute auch gerne Kerzen, Speisen, Wein oder Schnaps auf die Gräber, damit es der Tote schön warm hat und genährt wird."

Kaser führt dieses Denken auch auf Ahnenkult zurück. So seien etwa die Feste der Hausheiligen – genannt Slava – ursprünglich Ahnenverehrungen gewesen. Die Slava sind für Orthodoxe auf dem Balkan oft wichtige Feierlichkeiten, manche feiern vier Tage lang.

"Mit Slava hat die orthodoxe Kirche die Ahnenverehrung inkorporiert", so Kaser. "Ursprünglich hat man bei den Festen der Hauspatronen die Vorfahren in der Abstammungslinie aufgerufen und an sie gedacht." Der Historiker spricht in diesem Sinne von einem "verchristlichten Ahnenkult". Dahinter stecke die Vorstellung, dass die Ahnen "mächtig" seien, dass sie imstande seien, Gutes zu tun, aber auch umgekehrt negativ auf die nachfolgenden Generationen wirken könnten. Totengedenken sind demnach auch Bitten um eine wohlwollende Haltung.

Loyalität nach innen

Natürlich geht es bei den Zusammenkünften anlässlich des Totengendenkens auch um die Familie, also die Loyalität nach innen. "Die Feste sind wichtig für den Gruppenzusammenhalt, sie sind eine rituelle Bekräftigung, dass man sich gegenseitig unterstützt", so Kaser. Auch bei Muslimen kommen die Angehörigen sofort nach dem Tod zu Besuch – oft werden diese Familien richtiggehend belagert. Man will den Hinterbliebenen nicht in seinem Schmerz alleinlassen.

Interessant ist auf dem Balkan, dass die islamischen Friedhöfe oft mitten in der Stadt liegen, sie wirken wie Parks, Menschen setzen sich gern an die Gräber und essen auch dort. Die Toten scheinen so viel mehr in die Gemeinschaft der Lebenden integriert zu sein. Die Blumenwiesen zwischen den weißen Grabsteinen erinnerten an Paradiesvorstellungen, meint Kaser dazu. Auf dem Balkan stehen auch oft Blumen auf den Gräbern der Muslime.

Kulturen färbten ab

In den Golfstaaten würde diese kulturelle Ausformung des Islam als Häresie gelten, in Bosnien-Herzegowina ist sie völlig normal. Es gibt sogar bosnische Muslime, die darauf Bedacht nehmen, oberhalb welcher Stelle des Begrabenen – etwa zu dessen Füssen oder beim Kopf – welcher Blumenschmuck stehen soll. Und es gibt auch solche, die Kerzen an den Gräbern ihrer Angehörigen anzünden. Die verschiedenen Kulturen haben eben aufeinander abgefärbt.

In den Golfstaaten wären Blumen auf muslimischen Gräbern Häresie. Auf dem Balkan haben die Gläubigen der Religionen wechselseitig Riten übernommen. (Adelheid Wölfl, 2.11.2016)

  • In den Golfstaaten wären Blumen auf muslimischen Gräbern Häresie – nicht aber in Bosnien.
    foto: adelheid wölfl

    In den Golfstaaten wären Blumen auf muslimischen Gräbern Häresie – nicht aber in Bosnien.

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