Mehr als Fetisch: Das glänzende Comeback von Lack und Vinyl

Kolumne3. November 2016, 08:00
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In den Sechzigern eroberte knautschiges PVC die Mode – in diesem Herbst ist es wieder da

Diesmal soll es hier um ein Material gehen, das der Fantasie seit jeher Flügel verleiht. Vinyl funktioniert dank seiner glänzenden Oberfläche in der Mode als Outfit-Politur. Wenn PVC sich in die Silhouette schummelt, sind Lack- und Leder-Assoziationen nicht weit. Denn von dem knautschigen Material, das seit Anfang der 30er-Jahre in kommerziellem Gebrauch ist, geht seither eine Magie aus: Es verleiht dem gesamten Outfit einen Touch futuristischer Sexyness – damals wie heute.

Bestes Beispiel: die legendären Stiefel des französischen Designers André Courrèges. Er zog seinen "Moon Girls" 1964 glänzende PVC-Stiefel an, denen dann alle nachliefen: Wer will schon nicht das Mädchen vom Mond, das Wesen vom anderen Stern sein? Die Stiefel von Courrèges jedenfalls gehörten damals zu den meistkopierten Schuhen der Saison, auch wenn der Franzose mit seiner Vinyl-Mania nicht allein dastand. Mary Quant, die damals die kürzesten Minis an der Themse schneiderte, experimentierte wie ihr Kollege mit knautschigen Oberflächen.

Auch im bürgerlichen Lager hatte man damals seine Freude an Lack-Oberflächen, im Film wickelten sich die schönsten Frauen in sie ein: Yves Saint Laurent zog Catherine Deneuve in "Belle de jour" einen schwarzen PVC-Trench über. Und Romy Schneider gab einige Jahre später in "Das Mädchen und der Kommissar" in einem gelackten Mantel die verruchte Lili.

So richtig weg war das vielversprechende Material zwar nie, heute ist es aber nicht nur etwas für offensichtliche PVC-Fetischisten aus der Abteilung "Lack und Leder".

Ziemlich normale Modefrauen führen auf Instagram reihenweise knappe Lack-Miniröcke, wie sie vor fünf Jahrzehnten von Mary Quant erfunden worden waren, spazieren.

foto: apa/afp/ bertrand guay
Roter Lackmantel bei Isabel Marant

Denn die Designer liefern derzeit jede Menge heiße Ware: Wenn es nach der französischen Designerin Isabel Marant geht, kommt Frau in diesem Herbst nicht um Lackrock, -hose und -mantel herum. Um Verwechslungen mit der "Lack und Leder"-Fraktion vorzubeugen, gilt gleichzeitig die Devise: hochgeschlossen. Bei Kenzo ein ähnliches Bild: Lackkleider werden hier über brave weiße Blusen gezogen.

foto: zara
Schwarze und rote Lackoberflächen bei Zara

Gleichzeitig scheint dem (wenig atmungsaktiven) Trend Potenzial für mehr eingeräumt zu werden. Retailer wie Zara haben schon günstige Varianten von Lackröcken und -mänteln aufgelegt. Für alle, die sich sonst nicht in einschlägige "Lack und Leder"-Abteilungen trauen. Oder einfach mal auf Tuchfühlung gehen wollen. (Anne Feldkamp, 3.11.2016)

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