"Hörbilder" am Feiertag über Otto Lechner: Poesie des Bodenständigen

1. November 2016, 08:44
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"Hörbilder spezial" um 10.05 Uhr auf Ö1 würdigt den Akkordeonisten

Ein einziges Mal habe er sich "wirklich verletzt", sagt Otto Lechner. "Da bin ich auf die U-Bahn-Schienen gefallen." Eilig hatte er es. "Weil ich die Schnellbahn erwischen wollte." Mit dem Stock tastete er sich von Pfeiler zu Pfeiler zum Ausgang der U4, erzählt der blinde Akkordeonist in Mahmoud Lamines Hörbilder spezial: Kafkas Gitterkäfig. Oder: Blind im Dienste der Musik am Feiertag um 10.05 Uhr auf Ö1. Am Ende des Bahnsteigs war kein Pfeiler, nur ein Abgrund. In den fiel Lechner hinein, stand auf, ging über die Schwellen zurück, wohl wissend, dass jeden Moment die U-Bahn kommen könnte. Mit einem Klimmzug hievte er sich hoch. "Ja, da war ich ganz gut." Und ob.

Und als er sich auf sicherem Boden wusste, setzte er sich erst einmal hin, blutig, wie er war: "Erst dann hat mich einer angesprochen."

Die Poesie des Bodenständigen erzählt und lebt Otto Lechner im Grunde genommen, seit er drei ist und das erste Mal ein Akkordeon in Händen hielt. Wie ihn das Instrument faszinierte, sein Leben formte, wie er es selbst formt, davon handelt dieses Feature. Das betrifft weiß Gott nicht nur den Kanari der Tante, der so beeindruckt vom Lechner'schen Schneewalzer war, dass ihn der Schlag getroffen hat, wiewohl er davor, offenbar rasend vor Verzückung, zwitscherte wie nie im Leben zuvor, und dann eben Licht aus.

Geformt hat und formen ließ sich auch Anne Bennent, mit der Lechner im niederösterreichischen Gars am Kamp direkt am Bahnhof lebt und ebenfalls zu Wort kommt ("Er ist zu etwas bestimmt worden. Zu etwas anderem"). Dazwischen Alltagstöne, einfahrende Züge, Geschirrgeklapper, das Reiben der Pfeffermühle, Kafka und Akkordeon. Wer braucht schon mehr. (Doris Priesching, 1.11.2016)

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    foto: www.corn.at
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