Nachbeben löst erneut Angst in Mittelitalien aus

1. November 2016, 08:41
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Renzi verspricht 40 Millionen Euro für Soforthilfe nach Erdbeben – Obdachlose wollen ihre Dörfer nicht verlassen und verlangen Zelte statt Hotelzimmer an der Adria-Küste

Rom – Die Erde in Mittelitalien kommt nicht zur Ruhe. Um 8.57 Uhr ist am Dienstag ein Nachbeben mit der Stärke 4,7 gemeldet worden, das in den Regionen Marken und Umbrien bis nach Rom zu spüren war. Das neuerliche Beben sorgte für Angst unter der Bevölkerung, die die Nacht großteils in Zelten, Notunterkünften oder im Auto verbracht hatte.

Das Epizentrum lag zwischen den Gemeinden Acquacanina, Fiastra und Bolognola in der Provinz Macerata. "Es war ein weiteres schweres Erdbeben, wir sehen Staubwolken, weil es zu weiteren Einstürzen gekommen ist", kommentierte der Bürgermeister der bereits zerstörten Gemeinde Ussita, Marco Rinaldi.

Zivilschutz versorgt Obdachlose

Mehr als 15.000 Menschen seien in den Unterkünften des Zivilschutzes versorgt worden, teilte die Behörde am Dienstag mit. Die Zahl der Obdachlosen wird aber weit höher geschätzt. Einige von ihnen hatten die Nacht in einem Zug verbracht, den die Bahngesellschaft Trenitalia in den Städten Foligno und Fabriano zur Verfügung gestellt hatte.

Die Bewohner Norcias, Epizentrum des schweren Erdbebens am Sonntag, bekräftigten ihren festen Willen, in der zerstörten Gemeinde bleiben zu wollen. "Wir sind eine Berggemeinschaft und wollen nicht in Hotels an die Adria ziehen. Wenn wir von hier weggehen, stirbt die ganze Stadt. Wenn wir bleiben, können wir auf einen Neubeginn hoffen", sagte ein Bewohner der Benedikt-Stadt.

"Der Tourismus ist in Norcia zu Ende. Zwei unserer Hotels sind zerstört, weitere zwei im Stadtzentrum werden für die nächsten zehn Jahre nicht mehr zugänglich sein", berichtete Vincenzo Bianconi, Präsident der Hoteliers von Norcia. Trotz der schweren Schäden will Bianconi nicht aufgeben. "Wir hegen neue Projekte, wir wollen von der Landwirtschaft neu beginnen", sagte Bianconi.

Renzi verspricht kompletten Wiederaufbau

Nach dem schweren Erdbeben in Mittelitalien hat Ministerpräsident Matteo Renzi den Zehntausenden Obdachlosen schnelle Hilfe und einen kompletten Wiederaufbau zugesagt. 40 Millionen Euro stellte der Ministerrat am Montagabend für Soforthilfe nach dem neuen Erdbeben am Sonntag zur Verfügung.

Damit steigt der Betrag für das Erdbebengebiet in Mittelitalien, den die Regierung seit dem Erdbeben am 24. August mit Epizentrum Amatrice bereitgestellt hat, auf 130 Millionen Euro. Renzi erklärte, er erwarte sich von Brüssel eine Auflockerung der Defizitregel, da Italien für den Wiederaufbau in der Erdbebenregion mehrere Milliarden Euro aufbringen müsse. Italien zählt mit einer Staatsschuld von über 130 Prozent zu den Sorgenkindern der EU. Zugleich versprach Renzi volle Transparenz beim Wiederaufbau. "Kein einziger Cent wird verschwendet", erklärte Renzi am Montag.

Boden um 70 Zentimeter gesunken

Aufgrund des schweren Erdbebens ist der Boden im Epizentrumsraum um 70 Zentimeter gesunken. Dies berichteten Geologen, welche die Situation im Erdbebenraum überprüfen. In der Nacht auf Dienstag wurden über 100 Nachbeben gemeldet.

Besorgniserregend ist die Lage am Fluss Nera, der durch das Valnerina-Tal in der mittelitalienischen Region Marken fließt. Wegen Erdrutschen infolge des Erdbebens seien Felsen ins Wasser des Flusses gelangt. Die Gefahr von Überschwemmungen sei konkret, berichtete Marco Mancini vom Institut für Umweltgeologie. Am kommenden Wochenende wird in der Region mit starken Niederschlägen gerechnet.

Italiens Geologen drängen beim Wiederaufbau zerstörter Gebäude auf den Einsatz modernster antiseismischer Standards. "Wir verfügen heute über fortgeschrittene technisch-wissenschaftliche Kenntnisse, um Gebäude zu errichten, die starken Erdbeben standhalten können. Voraussetzung ist jedoch, dass man den Boden gut kennt. Erdbeben erinnern uns daran, dass man nicht bauen kann, ohne fundierte Kenntnisse über das Territorium und seine Geologie zu haben", meinte der Präsident der italienischen Geologen Gabriele Ponzoni. Wichtig sei es auch, den Druck auf die Politik zu steigern, damit die antiseismischen Baustandards erhöht werden, sagte Ponzoni. (APA, 1.11.2016)

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