Filmfestival: In den Wäldern

Blog1. November 2016, 11:21
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Protokoll der jüngsten magnetischen Beobachtungen auf der Viennale

Kurz hält man es für eine Verschnaufpause, wähnt ein visuelles Löschblatt vor sich: Bewegtbildaufenthalt im Wald. Aber die Schatten und Schattierungen im wilden Grün haben ihren ästhetischen Reiz und Erholungsfaktor längst erweitert – die Wälder sind hier Gegenstück, Spielpartner. In "The Ornithologist" ("O Ornitólogo") als Leinwand des gesamten Handlungsverlaufs und Geburtsstätte mysteriöser Begebenheiten. Unberechenbarkeit hat sich selten logischer angefühlt; labyrinthische Verführung in Scope.

Damien Manivels "Le Parc" und Alessandro Comodins "I tempi felici verranno presto" ("Happy Times Will Come Soon") treten in kompakterem Format in Erscheinung, finden ihre Wälder aber nicht minder eindrücklich vor. Während man sich im tageszeitig zweigeteilten "Le parc" auf einem Spaziergang mit Miguel Gomes und Pedro Costa glaubt (die Auflösung einer frisch gekeimten Liebe führt zu Widerstand, Traumflucht, bizarrer Nachtaktivität), beschäftigt sich Letzterer mit einer sanftäugig-explorativen, raufend-räuberischen Bande, die sich in ein Märchenhybrid verwebt. Beide kommen mit wenigen Worten aus, lassen Körper und Bewegungen sprechen in Wäldern, die Arenen sind, mal wertbeladen, mal zur Suche freigegeben.

Viva "Sieranevada"!

Wortreich und weit unzähmbarer scheint das urbane Leben aufzutreten: Christi Puius neues Werk ist ein mikropolitisches Füllhorn. Die Synopsis von "Sieranevada" liest sich wie ein familiäres Feiertagsdebakel, wahrscheinlich zerstörerisch und doch zu lustvoll, um es zu vermeiden. Das Patriarchenbegräbnis versammelt die Großfamilie, der Tod ist mehr Anlass als Verhandlungsfaktor, der Tote erhält nicht mehr Aufmerksamkeit als unser Kameraauge. Die Rituale werden abgespult, auf Relevanzebenen wird erquicklich gepfiffen. In diesem Taubenschlag wird kaum ein Thema ausgespart; die Figuren entfalten ihre Eigenheiten, fein gezeichnet auf den Punkt, in beeindruckender Beiläufigkeit. In der fließenden Kamerabewegung erkennt man sich als Voyeur innerhalb des intimen Familienkammerspiels, die eigene Beobachterposition hält den Abstand nur in der Kommentarlosigkeit, die Situationen sind klaustrophobisch. Erstaunlicherweise möchte man trotz allem Teil dieser Temporärfamilie bleiben, der Film ist ein Faszinosum. (Fransa Routhin, 1.11.2016)

Fransa Routhin schreibt, studiert Architektur und arbeitet für Film und Theater.

Zum Thema

  • O Ornitólogo, João Pedro Rodrigues, 2016
    foto: viennale

    O Ornitólogo, João Pedro Rodrigues, 2016

  • I tempi felici verranno presto, Alessandro Comodin, 2016
    foto: viennale

    I tempi felici verranno presto, Alessandro Comodin, 2016

  • Le Parc, Damien Manivel, 2016
    foto: viennale

    Le Parc, Damien Manivel, 2016

  • Sieranevada, Cristi Puiu, 2016
    foto: viennale

    Sieranevada, Cristi Puiu, 2016

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