Radikale Jugendliche – eine Herausforderung für Europa

31. Oktober 2016, 14:53
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In den EU-Ländern sind Programme zur Deradikalisierung von Jugendlichen angelaufen – mit unterschiedlichem Erfolg

Terroranschläge in Nizza und Brüssel, islamistische Kämpfer in Syrien: In vielen Fällen sind es jugendliche Migranten, oft aus der zweiten Generation, die von radikalen Ideologien beeinflusst werden und Terroranschläge verüben. Erst kürzlich sorgte in Österreich eine Studie mit der Erkenntnis für Aufsehen, dass 27 Prozent der jungen Muslime im Umfeld der Wiener Jugendzentren latent radikalisierungsgefährdet sind.

Bereits 2004 hat der Europäische Rat einen Plan zur Bekämpfung des Terrorismus beschlossen. 2014 verabschiedete die EU-Kommission eine Deklaration, in der die Mitgliedsstaaten aufgefordert werden, sich mehr um die Prävention von Radikalismus und Extremismus zu bemühen. Mittlerweile sind in vielen EU-Ländern entsprechende Antiterror- und Deradikalisierungsprogramme angelaufen.

Deradikalisierungszentren

In den vergangenen Jahren von schweren Terroranschlägen betroffen, eröffnete die französische Regierung Ende September das erste von zwölf Deradikalisierungszentren für Jugendliche, die für radikale Ideologien und Gewalt besonders anfällig sind. Das erste sogenannte Zentrum für Prävention, Integration und Wiedereingliederung liegt in Beaumont-en-Véron in der Region Pays de la Loire, rund 300 Kilometer südwestlich von Paris. Demnächst wird jede Region auf dem französischen Festland ein ähnliches Zentrum bekommen, in dem jeweils bis zu 25 Jugendliche im Alter von 18 bis 30 Jahren betreut werden sollen. Die Regierung hofft, dass diese zwölf Zentren in den nächsten zwei Jahren bis zu 3.500 gefährdete Jugendliche erreichen.

Die Aufnahme in die Zentren erfolgt freiwillig, in einem zehnmonatigen Programm sollen gefährdete Jugendlichen Kurse in französischer Geschichte, Religion und Philosophie besuchen. Auch ein Salutieren vor der französischen Flagge ist vorgesehen. Neben Einwohnern von Beaumont-en-Véron kritisieren auch Psychologen und Radikalisierungsexperten die Pläne: Die Regierung setze Maßnahmen ohne klare Methoden und mit einem ungewissen Ergebnis um.

Förderung statt Bekämpfung

Viel Kritik einstecken musste zuletzt auch die britische "Prevent"-Strategie zur Bekämpfung von Terror und Radikalisierung: Laut UN-Vertretern und NGOs begünstigt das von der konservativen Regierung ins Leben gerufene Programm eine Diskriminierung britischer Muslime. Eine aktuelle Studie der US-amerikanischen Open Society Justice Initiative zeigt, dass das Programm gegen die Menschenrechte junger Muslime in Großbritannien verstößt. Im Sommer kam zudem eine Studie der NGO Rights Watch UK zu dem Schluss, dass die "Prevent"-Strategie freie Meinungsäußerung unterdrückt.

Auch der UN-Sonderberichterstatter für Versammlungsfreiheit, Maina Kiai, fand für die britische Strategie keine guten Worte: Die "Prevent"-Strategie drohe durch Spaltung, Stigmatisierung und Entfremdung bestimmter Bevölkerungsgruppen den Extremismus zu fördern, statt ihn zu bekämpfen, teilte Kiai im Frühjahr mit. Muslimische Vereine in Großbritannien kündigten sogar an, ein Parallelprogramm zu der Initiative ins Leben zu rufen.

Inklusion für Jihadisten

Neue Wege der Deradikalisierung schlägt Dänemark ein: Aarhus, die zweitgrößte Stadt des Landes, bietet sogenannten Jihad-Rückkehrern ein Resozialisierungsprogramm an, das ihnen die Rückkehr in die Gesellschaft ermöglichen soll. Kriegsheimkehrer und Personen, die in den Jihad ziehen wollen, erhalten ein Dach über dem Kopf sowie Mentoren und eine psychologische Beratung, die ihnen helfen soll, schwierige Lebensentscheidungen zu meistern und Arbeit zu finden.

Das Programm sieht auch eine Unterstützung für betroffene Familien vor, die durch eine gegenseitige Vernetzung die Radikalisierungsgefahr mindern können. Die Stadtregierung pflegt sogar Kontakte zu der berüchtigten Aarhuser Grimhøjvej-Moschee, die die IS-Ideologie offen unterstützt. Obwohl öffentlich vielkritisiert, brachte diese inklusive Methode erste Ergebnisse: Zogen 2012 noch 31 vorwiegend junge Bewohner von Aarhus nach Syrien, war es 2015 nur einer. Alle 18 Aarhuser Jihad-Rückkehrer aus Syrien arbeiten mittlerweile mit dem Programm zusammen. (Nedad Memić, 31.10.2016)

  • Zwei Besucher einer Gerichtsverhandlung in Amsterdam im Dezember 2015. Angeklagt war eine radikale Gruppe, die Jugendliche für den Jihad in Syrien rekrutierte.
    foto: apa/epa/alexander schippers

    Zwei Besucher einer Gerichtsverhandlung in Amsterdam im Dezember 2015. Angeklagt war eine radikale Gruppe, die Jugendliche für den Jihad in Syrien rekrutierte.

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