Wiener Forscher digitalisierten die ersten Zeitungen Europas

31. Oktober 2016, 12:26
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Die Sammlung der Wiener "Fuggerzeitungen" zählt zu den bedeutendsten Beständen handgeschriebener Nachrichten. Sie wurden nun digital erschlossen

Wien – Bisher galt das Jahr 1605, als in Straßburg die erste gedruckte Wochenzeitung erschien, als Beginn des periodischen Zeitungswesens in Europa. Geht es nach der Historikerin Katrin Keller von der Uni Wien, muss die Geburtsstunde der europäischen Presse jedoch neu diskutiert werden: In einem Forschungsprojekt konnte sie nachweisen, dass sich das moderne Nachrichtenwesen bereits früher entwickelte.

Schon vor Beginn der gedruckten Zeitungen gab es Nachrichtenmeldungen auf einzelnen Blättern, die von sogenannten "Novellanten" für wohlhabende Abonnenten gesammelt und handschriftlich verfasst wurden. Am bekanntesten sind die sogenannten "Fuggerzeitungen": eine Sammlung von 16.000 "Zeitungen", die sich zwei Brüder aus dem berühmten Kaufmannsgeschlecht der Fugger im späteren 16. Jahrhundert aus aller Welt nach Augsburg schicken ließen. Die von den Gebrüdern Fugger gesammelten Nachrichten in deutscher und italienischer Sprache sind in der Österreichischen Nationalbibliothek archiviert.

Frühe Medienlandschaft

In einem Projekt des Wissenschaftsfonds FWF hat Keller mit ihrem Team die Fuggerzeitungen digitalisiert und damit der internationalen Forschung zugänglich gemacht. Außerdem wurden rund 10.000 darin genannte Personen sowie 5.500 Orte in Registern erfasst. Mit ihrer Arbeit konnten die Forscher belegen, dass die Sammlung nicht wie bisher angenommen ein – wenn auch sehr bekanntes und umfangreiches – Einzelstück, sondern Teil der europäischen Medienlandschaft der Frühen Neuzeit war. Ein Vergleich Kellers hat nämlich gezeigt, dass es etwa in Dresden, Wolfenbüttel, Leipzig und Weimar identische Zeitungen gab. Allerdings war der Empfängerkreis mit ein paar Dutzend Abonnenten recht überschaubar, so Keller.

Mit den Fuggerzeitungen sei aber"das erste kommerzielle Nachrichtenmedium Europas" entstanden. Sie würden damit den Beginn des regelmäßigen Konsums von Nachrichten im deutschsprachigen Raum markieren. Zudem würden sie zeitlich genau das Vorfeld der Entstehung der gedruckten Zeitung zwischen 1568 und 1605 dokumentieren.

Internationales Netzwerk

Im Zuge der Digitalisierung der Fuggerzeitungen konnten Keller und ihre Kollegen außerdem zeigen, dass es schon im späteren 16. Jahrhundert ein "beachtliches Informationsnetzwerk" in Europa gab. Als damalige Nachrichtenzentren konnten die Forscher Rom, Venedig, Augsburg, Köln, Antwerpen, Wien und Prag ausmachen. Manche Nachrichten seien aber auch aus Indien, Nordafrika und dem Nahen Osten gekommen.

Auch wenn sich die Fuggerzeitungen äußerlich freilich von heutigen Zeitungen unterschieden – es handelte sich um einzelne, beschriebene Blätter – bildeten sie doch schon einige Sparten moderner Medien ab. Großteils waren es Meldungen über militärische Ereignisse, wichtige Vertragsverhandlungen, fürstliche Hochzeiten oder politische Entwicklungen in Europa. Dazu kamen Berichte über Entdeckungsfahrten nach Übersee, seltener auch über religiöse Konflikte sowie Sensationsmeldungen über Morde oder Ähnliches. (APA, red, 31.10.2016)

  • Ausschnitt aus einer "Fuggerzeitung" vom 23.06.1585.
    foto: fuggerzeitungen.univie.ac.at

    Ausschnitt aus einer "Fuggerzeitung" vom 23.06.1585.

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