"The Color Line": Die unsichtbaren Farben jenseits der Segregation

31. Oktober 2016, 08:43
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Das Musée du quai Branly zeigt in der sehenswerten Ausstellung die Auswirkungen und Einflüsse der Rassentrennung in den USA auf die Kunst. Dabei werden Künstler vor den Vorhang geholt, die in Europa noch immer wenig bekannt sind

Die Flagge, die am Eingang der Ausstellungsräume im Musée du quai Branly gehisst wurde, ist bekannt. Es ist die African American Flag, die David Hammons angelehnt an die Pan-African Flag entwarf. In Hammons Flagge sind die Stars and Stripes der US-Flagge in Rot, Schwarz und Grün gehalten. Es ist die Flagge jener, die keine hatten, die Flagge jenes Teils der Bevölkerung, der hinter einer hartnäckigen Grenze lebt: hinter der Color Line, der sogenannten "Rassengrenze".

Der lange Weg bis 1964

The Color Line ist der Titel der Ausstellung über afroamerikanische Künstler und die Segregation, also jene Zeit zwischen den 1860er-Jahren, als Sklaverei per Gesetz abgeschafft wurde, und 1964, als der Civil Rights Act dieselben Bürgerrechte für alle festschrieb und Rassismus auf dem Papier abschaffte. Den Begriff Color Line prägte Frederick Douglass 1881 in einem noch heute lesenswerten, so betitelten Aufsatz gegen Vorurteile und Diskriminierung. Douglas gründete wenig später die National Association for the Advancement of Colored People (NAAPC).

Die Segregation wirkt freilich noch heute in den USA nach. Rassistische Polizeigewalt belegt das etwa und der Autor und Journalist Ta-Nehisi Coates beschreibt das in seinem Buch Between The World And Me, das in den USA monatelang auf der Bestsellerliste stand, anschaulich und für viele schockierend. Die von Daniel Soutif kuratierte Schau The Color Line beleuchtet die "Rassengrenze" in der Kunst mit über 600 Originaldokumenten und Arbeiten von schwarzen Künstlern und Künstlerinnen. Viele sind in Europa trotz ihrer künstlerischen Leistungen immer noch wenig bekannt. Etwa Elizabeth Catlett, die 2012 fast 97-jährig als Ehrendoktorin von sechs Unis starb und schon in den 1940ern die doppelte Diskriminierung schwarzer Frauen abbildete. Ihr Linolschnitt I Have Special Reservation zeigt Rosa Parks im Bus.

Eine andere große Frau ihrer Zeit war Lois Mailou Jones, die in den 1920ern eine einflussreiche Vertreterin der Harlem Renaissance war. Ihr Gemälde Mob Victim mit einem ergrauten Mann, dem die Hände mit einem groben Strick gefesselt wurden, prangerte die Lynchjustiz an, der über hundert Jahre lang Tausende zum Opfer fielen, bis in die 1980er!

Um ein Vorreiter für afroamerikanische Kunst zu werden, musste Henry Ossawa Tanner seine Heimat verlassen. Er reiste 1891 nach seinem Studium nach Paris, wo er 1937 auch starb. In Frankreich wurden Tanner höchste Ehren zuteil. Das Musée du quai Branly, das sich vor allem Kunst aus Afrika, Ozeanien, Asien und den beiden Amerikas verschrieben hat, besitzt ein Bild von Tanner, das ihm der französische Staat noch zu Lebzeiten abkaufte: Die Auferweckung des Lazarus. Bei Besuchen zuhause in den USA ermutigte Tanner andere afroamerikanische Kollegen, nach Europa zu gehen. Mehr als 200.000 Afroamerikaner taten das – allerdings in Uniform während des Ersten Weltkrieges.

Ihnen widmete Whitfield Lovell die Installation Autour du monde. Schlecht ausgerüstet, unzureichend ausgebildet und rassistischen weißen Offizieren unterstellt, wurden sie daheim nach ihrer Rückkehr nicht als Helden gefeiert. Manche wurden sogar in ihrer Uniform gelyncht. Horace Pippin kehrte aus diesem Krieg aber mit einem Skizzenbuch zurück in die USA und wurde ein anerkannter Maler, der in seinem Werk die Segregation erörterte.

Farbe im Gesicht

Neben Zeitungen und Urkunden sind es rassistische Werbesujets oder Karikaturen, die den Alltag zwischen Stereotypen, despektierlichen Darstellungen oder Black-Facing-Theater vor Augen führen. Die Tradition, für die sich weiße Schauspieler schwarze Farbe ins Gesicht schmierten, hinterfragte der schwarze Schauspieler Bert Williams zu Beginn des 20. Jahrhunderts in seiner Arbeit. Er beeinflusst bis heute bildende Künstler wie Michael Ray Charles.

Der Ikone der Bürgerrechtsbewegung Martin Luther King jr. wird in einem Porträt von Reginald A. Gammon jr. gehuldigt. Schwarzen Frauen setzte man am Ende der Ausstellung mit The Origin of the Universe von Mickalene Thomas ein Denkmal: Es ist ein großformatiges Bild der gespreizten Beine einer schwarzen Frau, in dessen Zentrum die Vagina thront, gekrönt von Schamhaaren aus schwarzen Steinen. (Colette M. Schmidt aus Paris, 31.10.2016)

Bis 15. Jänner

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Musée du quai Branly in Paris

  • Der große Martin Luther King jr. in einem Gemälde von  Reginald A. Gammon, der selbst Teil der Bürgerrechtsbewegung war.
    foto: kent pell / adagp paris

    Der große Martin Luther King jr. in einem Gemälde von Reginald A. Gammon, der selbst Teil der Bürgerrechtsbewegung war.

  • African American Flag von David Hammons.
    foto: david hammons

    African American Flag von David Hammons.

  • Whitfield Lovells Installation "Autour du monde".
    foto: musée du quai branly / gautier deblonde

    Whitfield Lovells Installation "Autour du monde".

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