Steuerzuckerl hält Nissan in Großbritannien

31. Oktober 2016, 05:30
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Nach der Nissan-Bestandsgarantie rufen auch Pharmakonzerne nach staatlicher Brexit-Unterstützung

Gestützt auf Zusicherungen von Premierministerin Theresa May, hat der Nissan-Konzern den Fortbestand seines erfolgreichen Automobilwerkes auf der Insel bestätigt. Nun wünschen sich auch Pharmagiganten wie Glaxo Smith Kline und Astra Zeneca eine zusätzliche Förderung von einer Milliarde Pfund (1,1 Milliarden Euro) pro Jahr, um ausbleibende Zahlungen aus Brüssel zu ersetzen.

Noch zu Monatsbeginn hatte die Regierungschefin Wirtschaftsvertreter mit harter Kritik an transnational tätigen Unternehmen erschreckt. Deren Steuervermeidungspraktiken seien unhaltbar; die globale Elite habe den Finanzcrash zwar verursacht, aber kaum darunter gelitten. "Wer Weltbürger sein will, gehört nirgendwo richtig dazu", sagte May auf dem Parteitag der Konservativen.

Unverhohlene Drohung durch Renault-Nissan-Chef

Die Intervention von Weltbürgern wie dem brasilianisch-libanesischen Chef von Renault-Nissan, Carlos Ghosn, scheint ein Umdenken bewirkt zu haben. Berichten zufolge drohte der Topmanager unverhohlen während eines Besuchs in der Londoner Downing Street mit der Schließung des Nissan-Werks in Sunderland. Daraufhin ließ May ihren Wirtschaftsminister Greg Clark schriftlich versichern, der Konzern werde vor etwaigen negativen Brexit-Folgen geschützt. Im Gespräch ist etwa ein Einfuhrzoll von zehn Prozent in EU-Länder, falls die Briten den Binnenmarkt verlassen.

Das Nissan-Werk in Sunderland hat für die britische Autobranche und die Region Nordostenglands hohe symbolische Bedeutung. Zu den 7.000 Arbeitern in der Fabrik gesellen sich 30.000 Arbeitsplätze bei Zulieferern, von denen rund die Hälfte in der Region angesiedelt sind. In den vergangenen 30 Jahren hat Nissan umgerechnet 4,1 Milliarden Euro in Sunderland investiert, das Werk gilt als produktivste Autofabrik in Europa. 60 Prozent der Produktion von jährlich rund einer halben Million Fahrzeugen ist für den Export in andere EU-Länder bestimmt.

Konkreter Deal wird bestritten

Nissan selbst und die Regierung bestreiten einen konkreten Deal, wohl nicht zuletzt aus Angst vor einem EU-Prüfverfahren. Politiker und Ökonomen kritisierten das Verfahren und die Vagheit der Vereinbarung. Die Regierung müsse aus Fairnessgründen die Einzelheiten offenlegen, verlangte die Labour-Opposition. May habe "einigen privilegierten Unternehmen ihre Brexit-Pläne mitgeteilt und den Rest von uns im Unklaren gelassen", ärgerte sich etwa Liberaldemokrat Tim Farron. Im Parlament wollen die Konservativen bis Jahresende zwar Debatten über "Leitprinzipien" des im Juni vom Volk beschlossenen EU-Austritts führen, eine Brexit-Abstimmung aber ist nicht vorgesehen.

Die britische Wirtschaft wuchs laut nationalem Statistikamt im dritten Quartal 2016 um 0,5 Prozent, deutlich mehr als von der Bank of England noch im August vorhergesagt (0,1). In der positiven Gesamtzahl sind jedoch Faktoren verborgen, die auf künftige Probleme hindeuten. So schrumpfte die stark exportorientierte verarbeitende Industrie um ein Prozent, obwohl das Pfund im gleichen Zeitraum um 15 Prozent absackte. Der Bausektor ging um 1,4 Prozent zurück. Die Inflation stieg auf ein Prozent, die Arbeitslosigkeit lag bei 4,9 Prozent.

Zentralbank-Gouverneur Mark Carney steht wegen seiner klaren Warnungen vor den negativen Folgen des Brexit unter Beschuss von EU-Hassern wie dem früheren Tory-Finanzminister Nigel Lawson. Sie drängen ihn zum sofortigen Amtsverzicht; hingegen will der Kanadier diese Woche lediglich bekanntgeben, ob er wie geplant 2018 oder doch erst nach Ablauf seiner achtjährigen Amtszeit 2021 in die Heimat zurückkehren will. (Sebastian Borger aus London, 31.10.2016)

  • Trotz EU-Austritts will Nissan in Großbritannien weiter investieren. So soll das neue Modell Qashqai in der Fabrik in Sunderland gebaut werden. Dafür erhält der Autobauer Steuerzuckerln von der Regierung.
    foto: afp / oli scarff

    Trotz EU-Austritts will Nissan in Großbritannien weiter investieren. So soll das neue Modell Qashqai in der Fabrik in Sunderland gebaut werden. Dafür erhält der Autobauer Steuerzuckerln von der Regierung.

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