Dem nächsten Tag eine Chance geben

31. Oktober 2016, 13:57
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Karl und Josefine Schopf haben beide Kinder verloren. Vergangenes Jahr wussten sie nicht mehr, ob sie weiterleben wollen. Jetzt geht es bergauf

Wien – Um Karl Schopfs Hals baumelt ein großes silbernes Kreuz. Manchmal hält er es fest, ohne es zu bemerken. Mit fester Stimme erzählt der 67-Jährige, wie schwer es für ihn ist, das Bild seines älteren Sohnes Thomas aus dem Kopf zu bekommen, als er ihn tot in seiner Wohnung fand. Eine Arterie zwischen Magen und Darm war geplatzt, anschließend ist er innerlich verblutet.

Für Karl und Josefine Schopf war das der Anfang der Hölle auf Erden, vor allem, weil sie das alles schon einmal durchmachen mussten: Vor 32 Jahren ist ihr zweiter Sohn Mario bei einem Unfall verstorben. Mario spielte bei einer Pferdestatue, die im Hof stand. Eine Schraube war locker, die Statue kippte um und auf das Kind. Die Eltern fielen in ein Loch. Den Lebensalltag zu bewältigen wurde zu einer großen Belastung, die Traurigkeit zurückzudrängen zur Hauptaufgabe. Damals konzentrierten sie sich auf Thomas. "Man fühlt sich wie ein Roboter, jeden Tag", sagt Josefine Schopf. Nach und nach fand die Familie wieder in ihr Leben zurück.

Mut gefasst

Josefine Schopf hatte sich ihre Pension anders vorgestellt. Das Verhältnis von Thomas und seinen Eltern war eng, man traf sich regelmäßig, oft schaute der Sohn am Abend nach der Arbeit vorbei. Obwohl Thomas dies anfangs verweigerte, gab es sogar Überlegungen, gemeinsam ein Haus zu kaufen. "Wer will schon mit seinen Eltern zusammenziehen?" fragt Herr Schopf und lächelt ein bisschen. Nach und nach hätte Thomas sich aber damit angefreundet. Dass es dazu nicht kommen konnte, daran ist niemand oder das Schicksal schuld.

In jedem Fall ist es schwer zu ertragen, beide Kinder zu verlieren. Die beiden kämpfen seither mit einer schweren Depression. Bei Josefine und Karl Schopf nahm die Traurigkeit eines Tages derart Überhand, dass sie nicht mehr wussten, warum sie noch weiterleben sollten. "Wir waren wirklich erledigt", sagt Herr Schopf und sieht seine Frau an. "Wir waren so weit, dass wir uns etwas antun wollten."

An dem Tag, als Thomas verstarb, war nicht nur die Polizei anwesend, sondern auch ein Kriseninterventionsteam, das auf solche Schicksalsschläge spezialisiert ist. Sie gaben den Schopfs die Nummer des Kriseninterventionszentrums. Und diese fassten den Mut, sich dorthin zu wenden, als sie keinen Ausweg mehr sahen. "Das war unser Glück", sagt Karl.

Anlaufstelle für Krisen

Das Krisenzentrum ist eine Einrichtung, die auf psychosoziale Krisen und Suizidverhütung spezialisiert ist. Menschen aller Altersgruppen, aus allen Gesellschaftsschichten und mit den verschiedensten Problemlagen können sich dorthin wenden, wenn sie nicht mehr weiterwissen. "Wir zwei haben gesagt, wir erledigen alles, und dann gehen wir", sagt Josefine. "Wir waren ganz unten. Wir wollten nicht mehr."

Für viele Menschen ist es eine große Hürde, Hilfe von Fremden in Anspruch zu nehmen. Oft scheitert es daran, seinem Leben noch eine Chance zu geben. Josefine Schopf fällt es meistens ein bisschen schwerer als ihrem Mann, über das Erlebte zu sprechen. Trotzdem sagt sie, dass sie nicht mehr hier sitzen würden, wenn sie die Hilfe nicht in Anspruch genommen hätten. Sie wissen beide, wie schnell so etwas gehen kann.

Neuen Rhythmus finden

Langsam lernen die Schopfs, mit ihrem Schmerz umzugehen und einen neuen Rhythmus zu finden. Jeder Tag ist eine neue Herausforderung. Auch Medikamente spielen eine wichtige Rolle. Josefine Schopf ist es wichtig, dass andere Menschen wissen, dass es keine Schande ist, Hilfe zu brauchen: in Form von Medikamenten und in Form von Therapie. Die Schopfs verreisen viel, gerade sind sie aus Cinque Terre zurückgekommen. Auch Wandern gehen sie gern. Das tut ihnen gut, auch wenn es manchmal schwer ist, weil sie vieles an Thomas erinnert. Sie unternehmen wieder Dinge um ihrer selbst willen. Zweimal im Monat gingen die beiden in den letzten Monaten zur Therapie, jetzt probieren sie es vierteljährlich.

Josefine Schopf kennt nach wie vor Tage, an denen sie sich denkt: "Es reicht. Ich mag nicht mehr." Was man an so einem Tag tut, an dem man nicht mehr mag? Raus aus der Wohnung, Freunde anrufen, schauen, dass man nicht allein ist – auch wenn man sich dazu zwingen müsse, sagt Karl Schopf.

Ein bisschen leichter

Wenn eine akute Krise auftritt, sind sie bereit, sich Hilfe zu holen. Gerade jetzt, wenn es draußen grauer wird, wissen sie, dass es wieder schwerer werden wird. "Manchmal habe ich geglaubt, das alles nimmt nie ein Ende. Obwohl sie das nie geglaubt hätten, fühle es sich jetzt anders an. Ein bisschen leichter.

"Wir haben 32 Jahre lang gekämpft wegen Mario und werden jetzt weiterkämpfen", sagt Josefine zu ihrem Mann: "Stimmt's?" – "So machen wir das", sagt Karl. Thomas habe immer gewollt, dass sie verreisen. "Und jetzt schauen wir uns die Welt an", sagt Karl. Josefine nickt. (Vanessa Gaigg, 31.10.2016)


Hilfe: Notrufnummern für Krisensituationen

Kriseninterventionszentrum (Mo–Fr 10–17 Uhr): 01/406 95 95
Psychiatrische Soforthilfe (0–24 Uhr): 01/313 30
Rat und Hilfe bei Suizidgefahr: 0810/97 71 55
Sozialpsychiatrischer Notdienst: 01/310 87 79
Telefonseelsorge (0–24 Uhr): 142
Rat auf Draht (0–24 Uhr, für Kinder & Jugendliche): 147
Männernotruf Steiermark: 0800/246 247
Sorgentelefon für Kinder, Jugendliche und Erwachsene (Mo–Sa 14–18 Uhr): 0800/20 14 40

  • Gerade wenn es draußen wieder grauer wird, kann es schwierig werden, allein eine persönliche Krise zu überwinden. Doch es gibt professionelle Hilfe.
    foto: carsten brüning

    Gerade wenn es draußen wieder grauer wird, kann es schwierig werden, allein eine persönliche Krise zu überwinden. Doch es gibt professionelle Hilfe.

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