Wie Klimaschutz den Verkehr zunehmend in die Mangel nimmt

Analyse30. Oktober 2016, 12:00
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Neben dem Straßentransport sollen künftig auch Luft- und Schifffahrt zur CO2-Minderung beitragen. Mehr als ein erster Schritt ist das nicht

Wien/Brüssel/London – Dieser Oktober scheint der beste in Sachen Klimaschutz ever – zumindest auf den ersten Blick. Vor drei Wochen gab es den Beschluss der internationalen Luftfahrtbranche, den Treibhausgasausstoß ab 2021 zu deckeln. Mitte des Monats dann die Meldung, dass die klimaschädlichen Fluorkohlenwasserstoffe Schritt für Schritt aus Kühlschränken verbannt werden. Nun folgt die internationale Schifffahrt, die erste Schritte zu mehr Klimaschutz setzen will.

Das heißeste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen, das nach 2015 heuer noch getoppt werden dürfte, könnte langsam auch eingefleischte Klimawandelleugner skeptisch stimmen. Skeptisch, ob sie richtig liegen in ihrer Ansicht, der Klimawandel habe ausschließlich natürliche Ursachen, menschliches Tun spiele keine Rolle. Dass dringend gehandelt werden sollte, wird von kaum jemandem mehr bezweifelt. Die Geister scheiden sich aber wie so häufig am Wie.

Druck erhöhen

Dass der Druck auf den Verkehr erhöht werden muss, wenn die ehrgeizigen EU-Ziele einer CO2-Reduktion bis 2030 von 40 Prozent, verglichen mit 1990, erreicht werden soll, liegt auf der Hand. Schließlich sind Verkehre in der Luft, auf dem Wasser und zu Lande für knapp ein Viertel der weltweiten Emissionen von klimaschädlichem Kohlendioxid (CO2) verantwortlich. Während der Stromsektor und die Industrie in Europa seit 2008 über den Emissionshandel ihren Beitrag zum Klimaschutz leisten, war Verkehr bisher nicht direkt erfasst.

Der Transportsektor ist der Bereich, bei dem Änderungen am stärksten und direktesten auf die Lebensgewohnheiten der Menschen wirken. "Da traut sich die Politik für gewöhnlich nicht drüber", sagte ein EU-Beamter in Brüssel dieser Tage hinter vorgehaltener Hand dem STANDARD. Es kommt hinzu, dass der Verkehr auch das ökonomische Rückgrat der Union ist und Einschränkungen desselben mannigfaltigste Auswirkungen haben.

Billigtickets Grund für Flugboom

Zynisch könnte man sagen, dass die von Brüssel in den vergangenen Jahrzehnten vorangetriebene Liberalisierung des Luftverkehrs das große Problem erst geschaffen hat, um dessen Behebung man nun bemüht ist. Durch die stark gesunkenen Flugtarife hat sich der Flugverkehr vervielfacht. Das hat zur Folge, dass die Emissionen in der Luft trotz zunehmend spritsparender Motoren und leichterer Maschinen kontinuierlich steigen.

Spiel über die Bande

EU-Verkehrskommissarin Violeta Bulc will das Problem durch ein Spiel über die Bande in den Griff bekommen. Luftverkehr sei wie die Schifffahrt ein weltweites Phänomen und sollte folglich global angegangen werden, sagt sie. Die aus Slowenien stammende Kommissarin begrüßt den Anfang des Monats in Montreal erzielten Durchbruch, wonach der Treibhausgasausstoß in der Luftfahrt ab 2021 auf dem Stand 2015 eingefroren werden soll.

Die Vereinbarung, die von der Internationalen Zivilluftfahrtorganisation nach jahrelangem Tauziehen erreicht wurde, gilt bis 2035 und soll zunächst auf freiwilliger Basis umgesetzt werden. Ab 2027 sollen die Vorgaben verpflichtend sein. Nicht nur NGOs kritisieren, dass sich Airlines durch Kompensationsgeschäfte freikaufen können. Bulc hingegen sieht einen ersten Schritt in die richtige Richtung.

Weniger Schwefel im Schiffsdiesel

Bleibt noch die Schifffahrt. Der Umweltausschuss der Internationalen Schifffahrtsorganisation hat sich am Freitag in London darauf verständigt, ab 2020 weltweit nur noch Treibstoffe einzusetzen, die höchstens 0,5 Prozent Schwefel enthalten.

Und beim Straßenverkehr? Da setzt Bulc unter anderem auf Digitalisierung und Elektrifizierung, verbunden mit der Hoffnung, dass der benötigte Strom zu einem möglichst hohen Teil aus erneuerbaren Quellen stammt. Das gilt auch für den Zugverkehr – die einzige Transportart übrigens, bei der die CO2-Emissionen seit 1990 sinken. (Günther Strobl, 30.10.2016)

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