Wie die Zeit in den Kinderkopf kommt

28. Oktober 2016, 19:16
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Erst nach und nach lernen Kinder, zwischen gerade andauernden Vorgängen und schon abgeschlossenen zu differenzieren

Wien – Stella erzählt, dass sie gestern mit ihrer Oma im Freibad war. Es hatte zehn Grad. Flunkert die Dreijährige? "Stella sagt ,gestern' bei allem, was in der Vergangenheit liegt. Ob es eine Stunde oder ein halbes Jahr her ist", erklärt die Mutter des Mädchens. Ähnlich vereinfacht spricht Stella von der Zukunft: Alles, was noch vor ihr liegt, ist "am Nachmittag". Etwa auch das Schlafengehen nach dem Abendessen. Differenziertere Zeitangaben kennt sie noch nicht.

Mit ihrem aktuellen Wissensstand passt Stella genau in ein Schema, das Hartmut Kasten dargestellt hat. Dem deutschen Entwicklungspsychologen und Frühpädagogen zufolge sind Kinder bis zu Beginn des zweiten Lebensjahres ganz im Hier und Jetzt, und ihre Sprache ist darauf begrenzt, was sie um sich wahrnehmen.

Erst nach und nach lernen Kinder, zwischen gerade andauernden Vorgängen und schon abgeschlossenen zu differenzieren. Ein Vordenker, der die Entwicklung des Zeitverständnisses von Kindern schon in den Siebzigern untersuchte, war Entwicklungspsychologe Jean Piaget. Kasten zufolge können Kinder etwa zu Beginn des fünften Lebensjahres Wörter wie "vorher" und "danach" richtig verwenden.

Philippa, bald vier Jahre alt, kann die Erklärung, dass sie noch zweimal schlafen muss, bis es übermorgen ist, schon verstehen. Das Wort "übermorgen" allein ist für sie aber noch wenig hilfreich.

Abstraktes Denken lernen

Je abstrakter eine Frage oder ein Thema, desto weniger können Kinder damit anfangen. "Kinder sind in etwa ab zehn Jahren dazu fähig, abstrakt zu denken", sagt Eva Zoller Morf. Sie ist Leiterin der Schweizerischen Dokumentationsstelle für Kinder- und Alltagsphilosophie (s'Käuzli) und hat Erfahrung damit, wie es ist, mit Kindern über schwer Begreifbares wie Zeit zu sprechen – beziehungsweise zu philosophieren: "Früher ist man davon ausgegangen, dass Erwachsene alles wissen und es den Kindern beibringen müssen. Beim Philosophieren mit Kindern geht man davon aus, dass Kinder die Möglichkeit haben, auf ihre Fragen eigene Antworten zu suchen", erklärt Zoller Morf.

Es gehe darum, Kinder zu ermutigen, Antworten zu finden, mit denen sie sich vorläufig zufriedengeben. Dabei sei wichtig, an Alltagserfahrungen anzuknüpfen. Bezüglich der Zeit könnten zum Beispiel abstrakte Vorstellungen Erwachsener Kinder kaum fesseln. "Jedoch mit der Frage, wo die Zeit sei, wenn wir wieder mal behauptet haben, wir hätten keine Zeit, dürften viele etwas anzufangen wissen", sagt Zoller Morf.

Schaltkreise im Gehirn

Damit der Mensch zu zeitlichen Angaben, wie Erwachsene sie machen, überhaupt fähig wird, müssen in den ersten Lebensjahren verschiedene Schaltkreise im Gehirn entstehen und sich unterschiedliche Formen der Informationsspeicherung herausbilden. So beschreibt es die US-Neurobiologin Lise Eliot im Buch Was geht da drinnen vor? Laut Eliot können sich kleine Kinder gut an bestimmte Fakten und Details eines Ereignisses erinnern, doch woher sie die Kenntnisse haben oder wann etwas passiert ist, wissen sie noch so gut wie nie. Das "Quellengedächtnis", wie Psychologen es nennen, ist laut Eliot nämlich eine der am langsamsten reifenden Gedächtnisformen (und im Alter wiederum eine der ersten, die nachlassen).

Das Losgelöstsein von der eingeteilten Zeit gibt Heranwachsenden die Fähigkeit, im Hier und Jetzt aufzugehen. "Kinder leben eigentlich ihren Rhythmus, aber in dem Moment, wo sie die Uhr lernen und in die Schule müssen, werden sie davon entfremdet", kritisierte Karlheinz A. Geißler, Zeitforscher und emeritierter Professor für Wirtschaftspädagogik, einmal in einem Berliner Zeitung-Interview. Entwicklungspsychologe Kasten beschreibt es so, dass sich mit dem Kindergartenbesuch das vollständige Eingebundensein von Kleinkindern ins Hier und Jetzt lockert, da sie dann durch den Tagesablauf immer wieder herausgerissen werden – etwa durch gemeinsame Mahlzeiten.

"Urlange"

Zeitforscher Geißler zufolge ist das Wort "Zeit" neben "Mama" das am häufigsten verwendete Substantiv der deutschen Alltagssprache. Lena, regelmäßige Kindergartenbesucherin, kann bereits etwas mit dem Begriff anfangen. Die bald Vierjährige sagt: "Zeit ist, dass die Sonne sich in die Erde dreht" Dieser Vorgang dauere "urlange": "Man muss sehr lange warten." Lena behauptet von sich, dass sie gern warte, da sie wolle, dass es noch länger dauert. "Es ist eigentlich immer wieder so schnell", erklärt Lena. Warum? Wofür hat sie denn nicht genug Zeit? "Zum Spielen mit meinen Freunden." (Gudrun Springer, 28.10.2016)

  • "Zeit" ist neben "Mama" laut Zeitforscher Karlheinz A. Geißler das am häufigsten verwendete Substantiv der deutschen Alltagssprache.
    foto: apa / dpa / patrick pleul

    "Zeit" ist neben "Mama" laut Zeitforscher Karlheinz A. Geißler das am häufigsten verwendete Substantiv der deutschen Alltagssprache.

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