Prozess um Gewalt in der Familie: Der geraubte Hochzeitsschmuck

1. November 2016, 12:38
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Ein 26-Jähriger soll seiner Noch-Gattin gemeinsam mit seiner Mutter goldene Armreifen und Münzen vom Körper gerissen haben. Beide leugnen

Wien – Der Schöffenprozess gegen Yusuf Y. und seine Mutter zeigt deutlich, wie unterschiedlich Integration in die westliche Gesellschaft funktioniert. Beide sind österreichische Staatsbürger, der 26-Jährige in Wien geboren. Er ist Mindestsicherungsbezieher, hat eine Lehre abgebrochen und benötigt für komplexere Sätze die Türkisch-Dolmetscherin. Seine Mutter hat keine Ausbildung und spricht kein Wort Deutsch.

Vorsitzender Thomas Spreitzer und die beiden Laienrichter müssen entscheiden, ob die von Y.s Noch-Ehefrau erhobenen Vorwürfe stimmen. Die beiden sollen ihr kurz nach der Hochzeit den traditionellen Goldschmuck, den es als Geschenk gab, geraubt haben. Beim Erstangeklagten kommen weitere Anklagepunkte dazu: Er soll seine Frau erpresst haben, ihm ein Motorrad zu kaufen, und er soll sie in einem Bowlingcenter geschlagen haben.

Angeklagte erscheinen verspätet

Y. gibt sich offenbar Mühe, von Beginn an einen möglichst schlechten Eindruck auf das Gericht zu machen. Die beiden Angeklagten erscheinen erst mit 35 Minuten Verspätung. "Tut mir leid, es war was mit dem Auto", erklärt Y. dem Vorsitzenden. "Warum haben Sie dann nicht die öffentlichen Verkehrsmittel genommen?" – "Der Fahrschein ist so teuer." – "Der kostet 2,20 Euro." – "Es dauert so lange." – "Ich muss das auch jeden Tag machen."

Der Angeklagte wechselt trotz wiederholter Aufforderung von Spreitzer und seiner Schriftführerin, Türkisch zu sprechen, immer wieder in ein Sprachgemisch zurück. Fragen beantwortet er eher ungern, stattdessen kommen weit ausholende Geschichten. Als Ausgleich unterbricht er trotz Ermahnungen immer wieder den Vorsitzenden, schnauzt die Staatsanwältin an, sie brauche nicht zu lachen, und unterhält sich immer wieder mit seiner Mutter.

Beide leiden auch an Gedächtnisschwund– sie müssen von Spreitzer daran erinnert werden, dass sie vor 13 Monaten schon eine bedingte Vorstrafe ausgefasst haben. Sie sollen eine Liebschaft des Erstangeklagten attackiert haben – gemeinsam mit dem Vater und einer Schwester.

Im Internet kennengelernt

Die Vorgeschichte des aktuellen Verfahrens: Y. lernte seine Frau, ebenfalls türkischstämmig, via Internet kennen. Nach drei Monaten war man verlobt, dann wurde rasch geheiratet. Von Familie und Bekannten gab es bei der Hochzeit für die Braut 18 Goldreifen und sechs Goldmünzen – im Wert von insgesamt rund 10.000 Euro.

Die Mutter behauptet, die Pretiosen würden traditionell beiden Eheleuten gehören. Kurz darauf erklärt sie aber, die Geschenke seien ohnehin an die Gäste zurückgegeben worden. Den Sinn einer solchen Sitte kann sie nicht erklären. Auch nicht, warum die Schwiegertochter und die Privatbeteiligtenvertreterin sagen, der Schmuck gehöre traditionell immer der Frau allein.

Die Zweitangeklagte streitet kategorisch ab, die Schwiegertochter beraubt zu haben. Zwei bis drei Wochen nach der Hochzeit soll die nämlich in der Wohnung der Schwiegereltern von ihrem Mann gepackt worden sein, damit ihr die Zweitangeklagte die Armreifen herunterziehen konnte.

Angeklagter vermutet Intrige

Y. leugnet ebenfalls und vermutet gemeinsam mit seiner Verteidigerin Irene Pfeiffer eine Intrige der Frau, um bei der mittlerweile laufenden Scheidung bessere Karten zu haben. Er behauptet auch, der Schmuck sei bei seiner Frau, ein Teil sei an die Verwandten zurückgegeben worden, da die Ehe nicht funktionierte.

"In der Scheidungsvereinbarung haben Sie sich aber bereiterklärt, ihrer Frau 14.000 Euro zu zahlen", hält ihm Spreitzer vor. "Hat das Geld was mit dem Goldschmuck zu tun?" Die erste Antwort: "Kann sein." Der seltsame Zusatz: "Sie hat gearbeitet, war ohnehin nie daheim." Kurz darauf rudert er zurück: "Ich weiß nicht, warum ich die 14.000 Euro zahle."

Auch während seiner Befragung sammelt Y. eher keine Pluspunkte beim Senat. Gelegentlich spielt er mit seinem Handy, einmal sagt er: "Es gibt in Österreich leider ein paar Gesetze, die mir nicht gefallen."

Schläge auf Überwachungsvideo

Den einzigen Anklagepunkt, zu dem er sich schuldig bekennt, ist die Körperverletzung im Bowlingcenter. Bei der Polizei hat er noch von "einer leichten Ohrfeige" gesprochen. Ungünstig für ihn, dass es auch ein Überwachungsvideo gibt, das Spreitzer vorführt.

Dort sieht man deutlich, dass der erste Schlag mit einer Wucht geführt wird, dass die Frau fast von der Bank fällt, dann gibt es weitere Angriffe, die, wie auch ein Zeuge berichtet, dazu geführt hätten, dass der Kopf der Frau hin und her gewackelt sei.

"Warum machen Sie das?", fragt der Vorsitzende. "Wir haben uns getroffen, sie hat mich nicht aussprechen lassen. Sie hat mich provoziert, gesagt, ich sei kein richtiger Mann. Ich war ein Jahr lang fertig, sie hat ja auch unsere Tochter mitgenommen."

Arbeitskollegin riet zur Anzeige

Der Auftritt der Frau und einer Arbeitskollegin von dieser zeigt, dass es logischerweise kein Naturgesetz gibt, wie sich Menschen mit Migrationshintergrund verhalten. Beide Frauen sprechen Deutsch, die Arbeitskollegin hat dem Opfer geraten, Anzeige zu erstatten, als ihr einmal blaue Flecken an den Oberarmen der Frau aufgefallen sind.

Die Arbeitskollegin sorgt dann für eine Ausdehnung der Anklage. Sie schildert, wie sie einmal mit der Gattin des Angeklagten telefoniert habe. "Da hat er ihr offenbar plötzlich das Handy aus der Hand genommen und zu mir gesagt, er reißt mir und meinem Mann den Mund heraus, wenn er uns findet und ich seine Frau nicht in Ruhe lasse."

Der Angeklagte leugnet auch diesen Vorwurf. Ja, das Telefonat habe es gegeben. Es sei aber darum gegangen, dass die Kollegin zum Einlegen von Gemüse vorbeikommen wollte. "Ich habe zu ihr nur gesagt, ob ihr Mann weiß, dass sie zu uns kommt." In seiner Urteilsbegründung nimmt Spreitzer später darauf Bezug: "Ich weiß ja nicht, was das überhaupt für eine Verantwortung sein soll? Es geht doch den Mann nichts an, wen seine Frau besucht! Das zeigt ja schon Ihre Einstellung!"

Opfer nun in Mutter-Kind-Heim

Die ruhig und glaubwürdig auftretende Noch-Ehefrau schildert die Schläge, die Kontrolle durch die Familie, den Druck. Nachdem sie zurück zu den Eltern gezogen war, lauerte ihr Y. weiter auf, mittlerweile ist sie in einem Mutter-Kind-Heim untergebracht.

Für den Senat, der zwischen Aussage und Aussage entscheiden muss, ist die Sache klar: Er glaubt den Angeklagten nicht. Y. wird, nicht rechtskräftig, zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt, seine Mutter zu 19 Monaten.

"Ihre Frau hat ihr Martyrium durchaus glaubwürdig geschildert", erklärt der Vorsitzende dem Erstangeklagten, der ihn immer wieder unterbrechen will. "Sie haben durch Ihr Verhalten auch hier zum Ausdruck gebracht, dass Sie die Werte einer liberalen Gesellschaft nicht teilen." Y. versuche, sich unglaubwürdig in eine Opferrolle zu bringen. "Aber Gewalt in der Familie ist kein Kavaliersdelikt, das muss spürbare Konsequenzen haben", begründet Spreitzer die Entscheidung für eine unbedingte Haftstrafe. (Michael Möseneder, 1.11.2016)

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