Fotografien: Schnappschuss ins Blaue

31. Oktober 2016, 09:04
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Fotos zeigen erstaunlich präzise, wie die Zeit verstreicht. Es sei denn, es gibt niemanden, der über Ort und Datum einer Aufnahme Auskunft geben kann

Wien – Mehrere Häuser, auf den Dächern liegt Schnee, ein kahler Baum und ein Stück Zaun, im Vordergrund könnte sich ein Teich abzeichnen – die Qualität des Schwarz-Weiß-Fotos ist schlecht, es wirkt wie eine verblichene Erinnerung. Wer es aufgenommen hat, ist unbekannt, aber seit dem Drücken des Auslösers dürften Jahrzehnte vergangen sein.

foto: simo
Wo und wann wurde dieses Foto aufgenommen?

Der Film steckte in einem alten Fotoapparat, der auf einem Wiener Flohmarkt um fünf Euro zu haben war. Ein Glücksfall, doch nur ein einziges Bild war überhaupt brauchbar und öffnete das unbekannte Zeitfenster. Das ist ungewöhnlich. Denn üblicherweise führt uns das Wissen um ein Aufnahmedatum verlässlich vor Augen, wie die Zeit vergeht. Ohne Fotografien wüssten wir nicht, wie unsere Eltern als Kinder ausgesehen haben. Fotos zeugen vom Rückgang der Gletscher, vom Wachsen der Städte und beweisen, dass Trends wie etwa Karomuster immer wiederkommen.

Die "blaue Bella"

Um das Aufnahmedatum unseres Fotos einzugrenzen, sind Nachforschungen bei Secondhand-Händlern und in Archiven vonnöten. Die Kamera selbst ist eine Schönheit, und so heißt sie auch: Bella, hergestellt von der deutschen Firma Bilora. Die Produktion von Fotoapparaten war in der mehr als 100-jährigen Firmengeschichte ein Intermezzo, Bilora ist heute auf Zubehör wie Stative, Blitzgeräte und Taschen spezialisiert.

Das vorliegende Modell 3c wird wegen seiner Farbe auch die "blaue Bella" genannt. Wie schon das Design verrät, wurde sie in den 1950er-Jahren hergestellt, konkret von 1955 bis 1958. Es gab eine ganze Bella-Serie, und das war kein Zufall. Italien war nach dem Zweiten Weltkrieg im deutschsprachigen Raum das gelobte Urlaubsland, "bella" ein häufiges Vokabel in Schlagern und Illustrierten. Unsere aus Metall und Chrom gefertigte Sucherkamera war Massenware, billig in der Anschaffung und für damalige Verhältnisse unkompliziert in der Handhabung: Entfernung wählen, Blende auf "Sonnenschein" oder "bewölkt" einstellen, aus drei vorgegebenen Belichtungszeiten wählen, klick, fertig.

Heute 1,2 Milliarden Fotos täglich

Geschichte haben andere Hersteller wie Leica oder Rollei geschrieben, doch viele Produzenten setzten damals auf simple Amateurkameras und begründeten das Zeitalter der Schnappschüsse, das noch lange nicht vorbei ist. Über soziale Netzwerke im Internet werden mittlerweile täglich 1,2 Milliarden Fotos hochgeladen, schätzt das auf Informationstechnologie spezialisierte Unternehmen Kleiner Perkins Caufield & Byers im Silicon Valley.

Unser Flohmarktfund ist zwar ein Exportprodukt, Angaben zur Blendeneinstellung sind auf Englisch, die einzustellende Entfernung ist in Feet angegeben. Der eingelegte Film lässt aber darauf schließen, dass das Foto zumindest nicht in Übersee entstanden ist. Der Schwarz-Weiß-Film Agfa Isopan ISS wurde von der deutschen Firma Agfa für den europäischen Markt hergestellt; ein 127er-Mittelformat-Rollfilm, der in der blauen Bella Negative in der Größe von vier mal 6,5 Zentimeter liefert. Für gerade einmal zwölf Aufnahmen. Zum (unfairen) Vergleich: Für moderne Digitalkameras hat der Hersteller SanDisk gerade eine Speicherkarte mit einem Terabyte Datenvolumen angekündigt, das reicht je nach Auflösung der Aufnahmen für 200.000 bis zehn Millionen Fotos.

Der Agfa Isopan ISS wurde für "die schnelle Aufnahme bei schlechtem Wetter" und für "Theateraufnahmen während der Vorstellung" empfohlen. Die Produktionszeit reichte von 1939 bis 1960, Restposten gingen vermutlich noch einige Zeit danach über die Ladentische. Unser unbekanntes Foto dürfte also tatsächlich irgendwann zwischen Ende der 1950er- und Mitte der 1960er-Jahre entstanden sein.

Filmmaterial auf Nitratbasis

Ein Labor für die Entwicklung zu finden war nicht einfach. Nicht nur weil die Branche nicht mehr auf das extrem rare Format ausgelegt ist, sondern weil es sich möglicherweise um Filmmaterial auf Nitratbasis handelt. Das ist hochbrisant, kann sich angeblich ab 38 Grad Celsius selbst entzünden. In Filmdosen gelagert kann sich zersetzender Nitrofilm zu einer regelrechten Bombe werden, weshalb er in Deutschland unter das Sprengstoffgesetz fällt. Historisch bedeutsame Negative und Filme werden auch in Österreich klimatisiert gelagert.

Obwohl es seit Anfang des 20. Jahrhunderts immer wieder zu Brandkatastrophen in Kinos gekommen war, wurde das gefährliche Trägermaterial erst in den 1950er-Jahren verboten. Klaus Kramer, ein auf Fotorestaurierung und -konservierung spezialisierter Anbieter aus Deutschland, meint, dass nahezu alle vor 1952 verarbeiteten Filme auf Nitratmaterial basieren. Je nach Lagerbeständen könnten diese bis etwa 1960 verwendet worden sein.

Als der Film sicher wurde

Die darauf folgenden sicheren Filme trugen meistens (aber nicht immer) am Rand die Aufschrift "Safety" oder "Safety Film". Unser Agfa Isopan ISS hat diese Kennzeichnung nicht. Da der Allgemeinzustand aber noch sehr gut ist, sah ein Wiener Spezialfotolabor kein Risiko. Das einzige brauchbare Negativ befand sich auf der locker gewickelten Spule ganz innen, wo es am besten geschützt war. Alle anderen Aufnahmen dürften über die Jahre durch vermutlich mehrfaches Öffnen der Kamerarückwand den Tageslichttod gestorben sein.

Die Auswertung erfolgte digital: Das Bild wurde also nicht im Dunkelkammerverfahren belichtet, sondern das Negativ gescannt und dann per Bildbearbeitung ins Positiv konvertiert. Mit dieser Methode schicken heute viele Fotografen ihre analogen Schätze auf die Zeitreise ins digitale Archiv. (Michael Simoner, 30.10.2016)

  • Die "blaue Bella"  wurde von Bilora in Deutschland zwischen 1955 und 1958 hergestellt.  In der am Flohmarkt gekauften Kamera war ein Rollfiilm der Marke Afga Isoapn ISS.
    foto: simo

    Die "blaue Bella" wurde von Bilora in Deutschland zwischen 1955 und 1958 hergestellt. In der am Flohmarkt gekauften Kamera war ein Rollfiilm der Marke Afga Isoapn ISS.

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