"Doctor Strange": Der eingebildete Doktor als Frischblutzufuhr

Video29. Oktober 2016, 12:00
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Filmneuling im Marvel-Franchise mit einer guten Botschaft: Auch die Frechen retten die Welt

Wien – Der beste Arzt kann einem nicht helfen, wenn man sich selbst für diesen hält. Wenn man nach der Operation aufwacht und sieht, dass der Kollege die Finger an beiden Händen mit ungefähr zwei Dutzend Stahlstiften fixiert hat. Als der Welt bester Neurochirurg ist das dann kein Luxusproblem, sondern der Beginn einer echten Krise – die sich als mindestens so abgrundtief erweist wie die Schlucht, in die man wegen ehrgeiziger Ablenkung durch Patientenbefunde seine Luxuskarosse gesteuert hat.

foto: marvel
Am Rad der Zeit: Benedict Cumberbatch.

Doch mit dem arroganten Doktor (Benedict Cumberbatch) geht es wieder bergauf – zunächst zwar nur nach Nepal, wo der eingebildete Kranke sein Heil auf dem Himalaja sucht. Gute Luft und ein wenig asiatischer Mystizismus haben noch niemandem geschadet, außerdem erwartet ihn dort in einem Tempel eine glatzköpfige, jahrhundertealte Zauberin (Tilda Swinton), die dem Zivilisationsmüden die Beine nach vorne und den Astralleib nach hinten richtet.

Was den gemeinen Kinogänger zu Recht nicht interessiert, aber alle im Superheldenuniversum sich aufgehoben Fühlenden natürlich als Vorwissen mitbringen: Doctor Stephen Strange ist der Neue. Und es steht außer Frage, dass er demnächst in den erlauchten Kreis der Avengers aufgenommen werden wird, denn diese leiden, obwohl oder gerade weil sie sich auf der Leinwand wie die Karnickel vermehren, mittlerweile unter ziemlichen Abnützungserscheinungen und brauchen dringend Frischblutzufuhr. Da kommt der Arztschnösel gerade recht.

Renitenter Frechdachs

Doctor Strange, inszeniert vom Drehbuchautor Scott Derrickson, der sich bislang als Regisseur mit Arbeiten wie The Exorzism of Emily Rose, dem Remake des Scifi-Klassikers The Day the Earth Stood Still, und zuletzt dem Horrorthriller Deliver Us from Evil eher keinen Namen machte, setzt dementsprechend auf Distinktion. Und das bedeutet, dass die in ihrer Farbenpracht längst eintönig gewordene Marvel-Ästhetik vor allem mit zusätzlichen visuellen Gimmicks aufgemotzt wird. Und es sich hervorragend trifft, dass es der Medizinmann dank zweiten Bildungswegs mit der Zeit aufnehmen kann.

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Kaum hat das böse Energiewesen (Dormammu!) – ein glühender Schädel, der aus der Fernsehzeit der Star Trek-Saga stammen könnte – also seine von Mads Mikkelsen mit Pferdeschwanz angeführte irdische Schar entsandt, um die Menschheit für alle Ewigkeit vom Pein der Zeit zu befreien, sieht es in New York fast so gut aus wie in Christopher Nolans Inception. Da klappen ganze Straßenzüge himmelwärts, verbiegen sich die Raumachsen und geben sich als Zeitlöcher aus. Immer dieser Ärger mit den Dimensionen. Aber im Vergleich zum bisherigen Look der Avengers-Reihe macht das immerhin schon einen Unterschied.

Doctor Strange zeigt aber auch, wie schnell Selbstironie in Slapstick kippen kann – der eigenwillige Waffenmantel mit Stehkragen, der beim Doktor den Arztkittel ablöst, kann jedenfalls manchem Radaubruder buchstäblich zum Verhängnis werden, während der New Avenger vor allem im Vergleich zur seriösen X-Men-Reihe, die zuletzt die Apokalypse prophezeite, wie ein aufsässiges Springinkerl das Raum-Zeit-Gefüge durcheinanderwirbelt.

Neben seinem Mantel wird der Doktor aber auch seine Renitenz bis zuletzt nicht mehr ablegen, und das ist die gute Botschaft: Auch die Frechen retten die Welt. (Michael Pekler, 29.10.2016)

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