Gottfried Bechtold: Über Zeit, Bewegung und Stillstand

30. Oktober 2016, 12:00
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Im Lentos Kunstmuseum in Linz wird der Vorarlberger Künstler mit einer spektakulären Personale gewürdigt

Linz – Eine Gruppe japanischer Touristen steht vor dem Lentos und lauscht aufmerksam der Ansage aus dem Lautsprecher, wonach sich der Künstler Gottfried Bechtold gerade auf dem Königsplatz befinde. Zunehmend ratlos sucht sie auf dem elektronischen Stadtplan von Linz. "Where the hell is Königsplatz?"

foto: reinhard haier
Gottfried Bechtolds "Crash Porsche" (2001) vor dem Lentos. Die Betonabgüsse des legendären 911 verwandeln ein Symbol für Geschwindigkeit in eine Skulptur als perfekte Form des Stillstands.

Tja, gute Frage. Der Königsplatz befindet sich nämlich sechshundert Kilometer entfernt in Kassel. Und dort wiederum war Gottfried Bechtold 1972 100 Tage anwesend. Sein akustisches Kunstprojekt für die Documenta 5 – in 15-minütigen Intervallen ertönte während der von Harald Szeemann kuratierten und vielleicht bis heute aufregendsten Documenta eine Durchsage mit seinem aktuellen Aufenthaltsort – wurde nun für seine Lentos-Ausstellung neu aufgenommen.

Vermutlich haben sich die japanischen Besucher (und nicht nur sie) auch über die Wahlplakate vor dem Museum gewundert. Ob grün, schwarz, blau oder pink: Ein immer gleicher Kandidat (Bechtold selbst) wirbt mit demselben schlichten Slogan "Unser Mann". Einer für alle? Die Idee zu dieser Plakatserie hatte Bechtold schon 1989. Sie hat in Zeiten der intelligenzbeleidigenden Populismuswettrennen österreichischer Parteien nichts an politischer Brisanz eingebüßt.

So geht Haltung. Und so geht politische Kunst. Der Vorarlberger Künstler Gottfried Bechtold (70) ist ein Großmeister der Infragestellung von (Seh-)Gewohnheiten, Denkmustern, Überzeugungen. Was ist Zeit? Und wie wirklich ist die Wirklichkeit? Posierte er 1971 für seine Reisebilder tatsächlich in Jugoslawien oder England vor seinem Porsche – oder doch nur in einem Vorarlberger Dorf? Darf man dem trauen, was man sieht? Sieht man nur das, was man will – oder, wie Goethe sagte, nur das, was man weiß? Und muss man tatsächlich alles, etwa die physikalischen Gesetze, im Kopf haben, um von der martialischen Poesie der 21 Meter langen, aus sieben Stahlträgern bestehenden Schiene Kofler betört zu sein?

Diese auf zwei Böcken gestützte Schiene ist Beleg für die genau errechnete Grenze des Machbaren. Nur ein wenig länger, und sie würde brechen. Bereits leise Berührungen könnten derartige Schwingungen auslösen, dass sie durch den Raum schnellt.

Die Stahlschiene, eine Art Linie im Raum, ist wie ein Wegweiser in Bechtolds Pluriversen aus Kunst und Wissenschaft, Experiment und Spielerei, Geschwindigkeitsrausch und Stillstand, Technikversessenheit und Handwerk, aus Selbstreferenz und Publikumsbefragung, aus Aneignung und Ermächtigung, aus Konzept-, Objekt- und Medienkunst, Minimal und Land Art, Rauminstallationen und Ready-mades. Und ja, es sind sehr männliche Welten.

foto: reinhard haider

Tiefenpsychologische Grundierungen, wie sie für viele österreichische Künstler seiner Generation typisch sind, interessieren ihn nicht: "Ich gehöre eher dem angloamerikanischen Denken an und versuche, Befindlichkeiten herauszunehmen oder zumindest hintanzuhalten." Mathematik diene ihm als "Rettungsanker und Rückgrathilfe". Aber dann wäre da auch noch der Zufall, wie bei seiner dreiteiligen Installation aus dem Jahr 1982, bestehend aus dem Bronzeabguss eines hockenden Buben, Streichhölzern und Leuchtstoffröhren. Dem Knaben scheinen die Hölzchen aus der Hand geglitten zu sein. Die Leuchtstoffröhren an der Decke entsprechen der zufälligen Anordnung der Zündhölzer auf dem Boden, in dem sich wiederum die Lichtkörper spiegeln.

Zeit, Raum, Kraft, Dynamik, Veränderung: Bechtold ist ein Erweiterungskünstler. Einer, auf den die (mittlerweile schon etwas inflationär verwendete) Zuschreibung "Grenzüberschreiter" maßgeschneidert scheint. Von der Fotografie zum Video zur konzeptuellen Zeichnung zur Auqarellskizze zur erweiterten Skulptur.

Kuratorin Margareta Sandhofer zieht keine chronologische Schneise durch Bechtolds überbordendes, alle Grenzen der Mittel, des Materials, der Medien, der Stile überschreitendes Oeuvre – keine epische Nacherzählung, sondern Stationentheater.

Das ist gut so. Sie teilt ihren subjektiven, manchmal sprunghaften Blick auf das Werk und ermöglicht so eine gleichermaßen überraschende wie sinnliche Expedition – etwa zu den Ready Maids, einer Serie von Ready-mades aus Astgabeln, die Bechtold, nachdem er die Oberfläche behandelt und poliert hat, wie kopflose Frauenkörper gruppiert. Ein Ready-made monumentalen Ausmaßes ist die Silvretta-Staumauer, die Bechtold 2002 mit riesigen Edelstahllettern signierte und damit einen martialischen Zweckbau zum Kunstwerk erklärte.

Formale Radikalität

Innen-außen, wahr-falsch, Illusion-Realität: Geradezu bahnbrechend sind Bechtolds frühe Videos, die in ihrer formalen Radikalität, ihrer medienkritischen Präzision und ihrem klugen Witz viele junge Kunstschaffende recht altbacken daneben ausschauen lassen.

Spektakulär sein nicht realisierter Entwurf für Herkules: Von 1980 bis 1987 tüftelte Bechtold daran, im Wiener Palais Liechtenstein, dem Ex-Quartier des Museums moderner Kunst, die Nase einer Hercules C-130 mitten in das barocke Deckenfresko Apotheose des Herkules zu stecken.

foto: © mumok
Projekt Herkules (Modell), 1980/1987 Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien

Natürlich fehlen auch die Porsches nicht, spätestens mit seinen Betonabgüssen des legendären 911 erlangte er internationales Aufsehen. Im Lentos ist die mit schwarzer Farbe überzogene Karosserie eines Porsches, betitelt mit In memoriam Jochen Rindt, in zwei weiße Rollenräder geklemmt. Wenn, dann kann er nur um die Längsache rollend fortbewegt werden.

Mobilität und Erstarrung: gleich daneben auf einem Sockel ein zu einer Skulptur schrottgepresster Porsche; "Ich habe diese Verdichtung als extreme Beschleunigung aufgefasst, zwischen acht und zehn Minuten, dann war der Porsche eine abstrakte Skulptur".

Und der berühmte Betonporsche? Gibt es auch. Vor dem Lentos steht ein Crash Porsche aus dem Jahr 2001: interessantes Fotomotiv nicht nur für die japanischen Touristen auf der Suche nach dem Königsplatz. (Andrea Schurian, 30.10.2016)

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