Blattsalat: Patriotisch wie noch nie

29. Oktober 2016, 10:00
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Die "Krone" überkugelt sich zum Nationalfeiertag. "Zur Zeit" wirft sich für Donald Trump ins Zeug

Es konnte nicht ausbleiben. Zum Nationalfeiertag erschien die "Kronen Zeitung" mit einem Cover in Rot-Weiß-Rot und der Balkenschrift: Wir sind stolz auf Österreich. Am Tag zuvor hat "Der Standard" eine Umfrage präsentiert, aus der hervorging, dass es mit dem Patriotismus zum Nationalfeiertag nicht gar so weit her ist, was man durchaus nicht negativ sehen muss. 38 Prozent der Männer und 26 Prozent der Frauen hegen danach patriotische Gefühle, bei Österreichern über 50 sieht es etwas patriotischer aus.

Für die "Krone", die für sich bei jeder Gelegenheit in Anspruch nimmt, Österreich und die Seele seiner Bewohner schlechthin zu repräsentieren, überkugelte sich der geschäftsführende Chefredakteur unter dem Titel Rot-weiß-rot wie noch nie!, und ein Redakteur reproduzierte unter dem Titel Nationalfeiertag im politischen Nebel den politischen Nebel in seinem Kopf. Der Chefredakteur beteuerte: Wir haben mehr als genug Grund, zu feiern und stolz zu sein auf diese Nation, vermied aber peinlich die näherliegende Gegenfrage, ob diese Nation auch Grund habe, auf die "Kronen Zeitung" stolz zu sein. Österreich-Patriotismus besteht für ihn vor allem in "Krone"-Chauvinismus. Die "Kronen Zeitung", von Fans wie Kritikern als typisch österreichisch bezeichnet, ist mit Sicherheit die österreichischste aller Zeitungen, ein tautologisches Gütesiegel, das Patriotismus als eine Frage der Tagesverfassung bestätigt: So rot-weiß-rot wie heute aber waren wir wahrscheinlich noch nie.

Die gute Küche und die berühmten Musiker

Der Umfrage des "Standard" hielt die "Krone" eine aus dem Stegreif zitierte entgegen. Halt, Stolz und Identität geben den Österreichern immer noch unsere schönen Berge und Seen, die Neutralität, die gemütliche Lebensart - von der in der täglichen "Krone" -Berichterstattung nicht viel zu lesen ist -, die gute Küche und die berühmten Musiker der Vergangenheit. Dieses Ranking ist das seit Jahrzehnten unveränderte Ergebnis regelmäßig durchgeführter Umfragen zur Lage der Nation. Wobei offen bleibt, ob die berühmten Musiker wirklich vor der gemütlichen Lebensart rangieren und die gute Küche nicht doch vor der Neutralität kommt.

Zur Untermauerung dieses Wertekatalogs wurden sinnfrei Äußerungen diverser Politiker und Schriftsteller zusammengestoppelt, darunter ohne jede Relativierung oder Distanzierung auch Jörg Haiders Satz von Österreich als einer "ideologischen Missgeburt". Die "Krone" lässt auch an einem Nationalfeiertag eine Person nicht fallen, die einst ihr Liebling war und der sie offenbar noch heute nachtrauert.

Andres Mölzer in "Zur Zeit"

Hält sie doch an ihren parteipolitischen Vorlieben unwandelbar fest, selbstverständlich bei aller Unabhängigkeit. Am Tag vor dem Nationalfeiertag schickte Michael Jeannée Post an den lieben Norbert Hofer, um ein kräftiges Bingo zum "So wahr mir Gott helfe"-Slogan auf Ihren neuen Wahlplakaten loszuwerden. Die Vermutung ist nicht leichtsinnig, das kräftige Bingo Jeannées könnte Hofer in der Leserschaft mehr bringen als die parteiamtlich angeforderte Hilfe Gottes.

Kein Patriotismus, der nicht über andere Vaterländer Schlechtes zu sagen wüsste! So brutal entlarvt wurden Yankees und puritanische Heuchelei schon lange nicht, wie diese Woche von Andreas Mölzer in "Zur Zeit". Dass derselbe Donald Trump, so sehr sein Bild von den linken Medien auch verzerrt werden mag, nicht gerade ein vornehmer Gentleman ist, steht nun außer Zweifel. Gerade aber im Amerika der sich fast schon ins Unerträgliche steigenden Political Correctness dürfte es aber auf breite Bevölkerungsschichten erfrischend wirken, wenn da so einer redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Dass der gute Mann zeitlebens ein "Womanizer" war, so quasi eine Mischung zwischen Gunter Sachs und Richard Lugner, wusste man auch. Dass er nunmehr just über sexistische Sprüche stolpern soll, ist aber doch nur erklärbar angesichts der typischen US-amerikanischen Prüderie.

Angriff auf den Liebling

Und das ist nicht alles. Dazu kommt auf der zeitgeistig fortschrittlichen Seite der Gesellschaft in den Schichten der städtischen gebildeten und weltläufigen Gesellschaft als komplementäre Erscheinung die Political Correctness, die nicht minder verlogen und puritanisch ist. Gipfel der Heuchelei aber, dass sich eben jener Schwarzenegger nunmehr empört von Donald Trump abwendet, der seine Kennedy-Clan-Gattin jahrelang betrog, indem er seinen Testosteronüberschuss an der eigenen Haushälterin abarbeitete. Dieser Angriff auf ihren Liebling kann den Patrioten in der "Krone" nicht gefallen. Günther Traxler, 29.10.2016)

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