Delphine de Vigan: Nichts als die Wahrheit!

29. Oktober 2016, 07:00
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Realität oder Fiktion, metaliterarisches Spiel oder Psychothriller? Delphine de Vigan verteidigt in ihrem neuen Roman "Nach einer wahren Geschichte" die Imagination

Sie hatten oder haben Krebs und leben noch? Schreiben Sie darüber! Sie wurden als Kind missbraucht, hatten ein Burnout, mussten mit dem Suizid eines Angehörigen fertigwerden und/oder waren auf dem Jakobsweg? Schreiben Sie darüber! Denn jeder Buchhändler weiß: Erwachsene lieben Erlebnisbücher. Kein Wunder, dass sich Romanautoren immer mehr unter Druck gesetzt fühlen. Und genervt sind von
der immer gleichen Leserfrage: "Haben Sie das, was Sie erzählen, wirklich erlebt?" Die französische Autorin Delphine de Vigan, Jahrgang 1966, hat den Statusverlust der Fantasie zum Thema ihres neuen Romans gemacht.

Man muss die Gattung betonen, denn das Werk unternimmt alles, um sich als Tatsachenbericht auszuflaggen. Das betrifft nicht nur den Titel (Nach einer wahren Geschichte), sondern auch seine Ich-Erzählerin, die natürlich nicht zufällig den Namen Delphine trägt und Schriftstellerin ist. Die Roman-Delphine hat wie die reale mit einem autobiografischen Buch über ihre Mutter gerade ihren Durchbruch erzielt; das Vorbild ist Vigans letzter Roman Das Lächeln meiner Mutter von 2013.

Vigans neuer Roman inszeniert sich als autobiografischer Bericht über die Zeit danach: Was folgte, jedenfalls für die Roman-Del phine, war eine Übergangsphase, voller Verletzlichkeit und Unsicherheit, nicht zuletzt aufgrund verstörender Leserreaktionen und anonymer Anfeindungen. Aber auch mit ersten Ideen für ihren nächsten Roman, der nie geschrieben wird. Denn Delphine gerät in eine Schreibkrise, die immer schlimmer wird und sie für Jahre arbeitsunfähig macht. Bald führt schon das Öffnen eines neuen Word-Dokuments zu Brechreiz, und selbst das Schreiben von Einkaufszetteln wird ihr unmöglich.

Zum Glück hat Delphine L., ihre neue beste Freundin und Retterin in der Not. L. ist gleichermaßen selbstbewusst wie faszinierend. Und praktischerweise nicht nur eine exzellente Kennerin von Delphines Werk, sondern auch noch von Beruf Ghostwriterin. Kurzerhand zieht sie bei Delphine ein, erledigt für die blockierte Autorin erst den Bürokram, dann die Mails an Freunde, schließlich verfasst sie ein überfälliges Vorwort für eine Maupassant-Ausgabe. Alles nur, damit sich Delphine ganz auf ihren neuen Roman konzentrieren könne – versteht sich.

Delphine und L. – das ist die Geschichte einer "schrittweisen Behexung". Wie eine Spinne webt die mysteriöse L. – ein Wortspiel mit dem französischen "Elle" (sie) – um die immer hilflosere Delphine ihr Netz, isoliert sie von ihren Freunden, wird zur unentbehrlichen Gesprächspartnerin, endlich zu ihrer Doppelgängerin. Dass sie weniger eine Hilfe als vielmehr die Ursache für Delphines "writer’s block" ist, wird erst in der Rückschau klar, nach der gewaltsamen Selbstbefreiung aus L.s Bann.

Denn was die Schriftstellerin blockiert, sind L.s flammende Reden über Delphines Werke und ihr neues Projekt – von dem L. nichts hält. Sie, die selbsternannte Vertreterin von Delphines Leserschaft, hält Autoren für "menschliche Bomben mit erschreckender Zerstörungskraft". Und fordert von der Ich-Erzählerin, dass sie auch künftig ihr Intimstes nach außen kehrt, statt in die "Komfortzone" zurückzukehren und wieder "Pappkameraden" zu erfinden, die man "wie Papiertaschentücher" wegwerfen kann. "Schreiben gibt es nur als Schreiben über sich. Das Übrige zählt nicht."

Also "Wahrheit" statt "Erfindung"? Das Reale habe "die Eier, viel weiter zu gehen", hört die an sich selbst zweifelnde Delphine einen Jugendlichen in der Metro sagen, obwohl sie weiß, dass Realität ohne Fiktion und Verdichtung literarisch nie zu haben ist. Beim Nachdenken über diesen Konflikt verliert die Autorin ihr Schreibvermögen wie Kleists Knabe seine Anmut beim Anblick seines Spiegelbildes.

Vigans Roman ist ein gelungener Zwitter: gleichermaßen ein raffiniertes metareflexives Spiel um Wahrheit, Erfindung und Identität wie ein packender Psychothriller. Letzterer geschult etwa an Altmeister Stephen King, aus dessen Romanen (vor allem aus Misery) die Autorin mehrere Mottos übernimmt; wenig über raschend werkelt Roman Polanski schon an einer Verfilmung. Nach einer wahren Geschichte, in Frankreich mit dem Prix Goncourt des Lycéens ausgezeichnet, ist vor allem auch eine eindrucks volle Verteidigung der literarischen Imagination. Denn, in Delphines Worten: "Ein Realitätszertifikat macht den Roman nicht besser." Ausgenommen, ein fingiertes. (Oliver Pfohlmann, Album, 29.10.2016)

Delphine de Vigan, "Nach einer wahren Geschichte". € 23,– / 350 Seiten. Dumont-Verlag, Köln 2016

  • Delphine de Vigan spielt ein Spiel mit Wahrheit und Erfindung.
    foto: afp/apa/joel saget

    Delphine de Vigan spielt ein Spiel mit Wahrheit und Erfindung.

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