Ökonom: "Zeit zu haben ist ein Statussymbol"

Interview31. Oktober 2016, 09:01
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Wie sich der Wert der Zeit ermessen lässt und warum sich Menschen als von ihr Getriebene fühlen, erklärt der deutsche Ökonom Andreas Wagener

STANDARD: Physiker, Philosophen, Künstler rätseln seit jeher über das Wesen der Zeit. Beißen sich auch Ökonomen an ihr die Zähne aus?

Wagener: Die Frage, ob es sie gibt, ob sie umkehrbar ist, ob wir uns in einem Zeitkontinuum in vierdimensionalem Raum befinden – das interessiert uns Ökonomen weniger. Wir gehen davon aus: Zeit ist linear und sie verstreicht.

STANDARD: Lässt sich der Wert der Zeit ökonomisch messen?

Wagener: Ich glaube ja. Nicht in dem Sinne, dass ich eine Stunde einheitlich mit zehn Euro gleichsetze. Aber was verschiedene Verwendungsmöglichkeiten hat, und dazu gehört auch Zeit, lässt sich unterschiedlichen Wertigkeiten zuordnen. Weiters kann ich ihren Ablauf bewerten: Wie lange bin ich bereit, auf etwas zu warten?

STANDARD: Zeit an sich ist doch alternativlos. Sie verrinnt ohnehin.

Wagener: Das Alternativlose wird oft ausgeblendet. Man meint zwar, Zeit gespart oder auf einem Zeitkonto angelegt zu haben – es ist jedoch nie die gleiche Zeit, die gespart oder getauscht wurde. Das stellt uns im Alltag vor keine allzu ernsten Probleme, weil wir davon ausgehen, dass wir morgen oder in einem Jahr ohnehin noch da sind. Aber in größeren Dimensionen gedacht, bestehen da doch gewisse Unsicherheiten.

STANDARD: Wo liegt die historische Bruchstelle, ab der Menschen die Zeit immer knapper wurde?

Wagener: Im Übergang von der mittelalterlichen Welt in die Moderne. Es begann mit der Entwicklung von Uhren, mit der getakteten, von der Naturzeit unabhängigen Zeit. Dazu die industrielle Revolution mit ihrer Arbeitsteilung und Spezialisierung. Sie führte dazu, dass die Arbeitsschritte synchron, auf jeden Fall regelmäßig erfolgten. Auch das Aufkommen des Protestantismus spielt hinein, wo Arbeit höheren Wert erhielt, ihr Erfolg Ausweis von Gottgefälligkeit wurde. Plötzlich war Zeitmanagement auf individueller und gesellschaftlicher Ebene weit stärker erforderlich als früher.

STANDARD: Allzu viel Zeitüberfluss war aber wohl auch Steinzeitmenschen nicht vergönnt ...

Wagener: Ich war nicht dabei. Aber vermutlich gab es damals keine Trennung zwischen Arbeit und Freizeit, wo man von acht bis fünf Beeren sammeln oder Mammuts erlegen musste. Es war eben ein permanenter Kampf ums Überleben. Natürlich ging man dann Beeren ernten, wenn sie reif waren. Zeit wurde jedoch nicht gemanagt, sondern sie war bedarfsorientiert. Dass wir sie in unterschiedliche Verwendungsrichtungen aufteilen und diese wiederum stark miteinander konkurrieren, ist ein modernes Phänomen.

STANDARD: Stimmt die Rechnung: je weniger Zeit, desto höher der materielle Lebensstandard?

Wagener: Das ist die empirische, historische Beobachtung. Aber wir haben ja nur eine Geschichte – daher nur eine Stichprobe vom Umfang eins. Da wird es schwer, zu verallgemeinern. Auffällig ist: Ab der Phase, in der Zeit gemanagt wurde, beobachten wir ein Abheben aus der Subsistenz- in die Wohlstandsökonomie. Ob das zwangsläufig so sein muss, ist eine andere Frage.

STANDARD: Zeitnot ist also der Preis, den wir für Wachstum und Wohlstand zahlen?

Wagener: Auf Umfang der Stichprobe eins kann man das so sehen.

STANDARD: Wobei Armut alles andere als mehr Zeit impliziert.

Wagener: Leute mit existenziellen Sorgen sind in größerer Zeitnot als jene der Mittelschicht. Der Anteil an Zeitstress, an Sorge um den Lebensunterhalt ist in unteren Einkommensschichten höher.

STANDARD: Generell ist die Lebenserwartung stark gestiegen, Europäer haben so viel Urlaub wie nie. Warum fühlen sich dennoch so viele als Getriebene?

Wagener: Wegen der vielen Möglichkeiten. Es ist wie im Supermarkt, wenn man nicht weiß, was genau man will und von der Vielfalt erschlagen wird. Das Risiko, Fehler zu machen, das Falsche zu wählen, erscheint höher als beim Greißler, der nur eine Sorte Wurst hat. Und obendrauf die sozialen Medien: Wir erfahren, was andere Leute gerade Tolles mit ihrer Zeit machen und wir zugleich verpassen. Das permanente Auswählenmüssen und Vergleichenwollen machen tendenziell unzufrieden.

STANDARD: Welche Lehren lassen sich aus der Zeitökonomie für Wirtschaft und Sozialstaat ziehen?

Wagener: Zeit ist eine Ressource, deren Bewertung genauso wichtig ist wie jene aller anderen. Ich würde aus ihr aber nicht ableiten, dass Sozialismus oder Kapitalismus bessere Wirtschaftssysteme sind.

STANDARD: Mehr Zeit zu haben scheint jedenfalls eine Sehnsucht unserer Zeit zu sein.

Wagener: Zeit zu haben auf sichtbare Art und Weise ist Statussymbol. Von früh bis spät im Büro herumzuhängen, der Managerstress – das war früher. Heute gehen erfolgreiche Leute nachmittags golfen. Menschen, die hohe gesellschaftliche Wertschätzung genießen, sind jene, die alles unter einen Hut bringen, ohne gestresst zu wirken. Zeigen zu können, dass man angeblich Zeit hat, gilt im 21. Jahrhundert als Erfolgsausweis. (Verena Kainrath, 29.10.2016)

Andreas Wagener (49) ist deutscher Ökonom, Finanz- und Sozialwissenschafter. Seit 2006 ist er Professor für Volkswirtschaftslehre am Institut für Sozialpolitik an der Leibniz Universität Hannover.

  • Andreas Wagener: "Zeit ist eine Ressource, deren Bewertung genauso wichtig ist wie jene aller anderen."
    foto: ap/kirsty wigglesworth

    Andreas Wagener: "Zeit ist eine Ressource, deren Bewertung genauso wichtig ist wie jene aller anderen."

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