Midlifecrisis: Die Sache mit dem Porsche und andere Krisen

28. Oktober 2016, 19:15
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Es ist nicht nur ein Klischee: Wenn die Lebenszeit zur Hälfte erreicht oder gar überschritten ist, machen Menschen die seltsamsten Dinge

Eine der komischsten und zugleich berührendsten Szenen in der schon leicht überwuzelten Hollywood-Schmonzette "Moonstruck" ("Mondsüchtig") ist jene, in der die elegant ergraute Olympia Dukakis allein in ihr Lieblingsrestaurant geht, voll Bitterkeit im Herzen ob der Untreue ihres ebenfalls nicht mehr taufrischen Gemahls. Dort trifft sie auf einen distinguierten Herrn im "besten Alter", den seine deutlich jüngere Freundin erstens mit einem Glas Rotwein begießt und ihm zweitens den Weisel gibt.

Frau Dukakis fragt den verlassenen Liebhaber, warum sich Männer so oft junge Geliebte zulegen. Und er antwortet: "Weil wir Angst vor dem Tod haben."

Als "Mondsüchtig" 1987 ins Kino kam, konnte weder Mann noch Frau mit der beschriebenen Szene etwas anfangen. Nun, fast dreißig Jahre später, wird plötzlich alles klar: Hier ist von der heißen Panik die Rede, die dich befällt, wenn du an einem bestimmten Geburtstag deines Lebens draufkommst, dass du vermutlich nicht mehr so lange leben wirst, wie du schon gelebt hast. Wenn dir auffällt, dass deine Haut nicht mehr fällt wie früher (geschweige denn gewisse andere Körperteile), und wenn du heimlich recherchierst, wie man am iPhone die Schrift größer macht.

Midlife-Crisis nennt man das, und von Scheibbs bis Nebraska weiß jeder sofort, was gemeint ist. Dabei ist die Mittelalter-Krise ein relativ junges Phänomen. Erstmals hat die amerikanische Autorin Gail Sheehy 1974 in ihrem Buch "In der Mitte des Lebens" diese psychische Unsicherheit benannt. Seither hat die Welt nicht mehr aufgehört, über Midlife-Krisen zu reden und/oder sie anderen anzudichten.

Gipfel und Talfahrt

Forscher haben die Volksmeinung, nur Männer seien davon betroffen, längst ins Reich der Mythen verwiesen. Britische Wirtschaftswissenschafter stellten vor kurzem sogar die These auf, dass die Zufriedenheit aller Menschen in allen (industrialisierten) Ländern wie eine U-Kurve verlaufe. Ist der Mensch so um die 20, erklimmt er einen ersten Gipfel der Zufriedenheit. Von da an geht's bergab, bis zur Talsohle, die Mann und Frau so mit 42 bis 45 erreichen. Mit 70 kann man es dann in Sachen Zufriedenheit wieder mit den Zwanzigjährigen aufnehmen.

Frauen begegnen dem Tief in der Lebensmitte häufig mit einer Art von Selbstbestrafung: grausame Diäten, manische Besuche im Fitnesscenter, intensive, oft schmerzhafte und teure Beziehungen zu Verjüngungsspezialisten aller Art.

Männer durchpflügen das Tief zumeist anders. Zwar betreiben auch sie oft wie verrückt Sport – manch 50-Jähriger ist fitter als viele 25-Jährige –, aber auch vermehrt durch Signale nach außen: Seht her, was ich noch alles kann! Wer das für ein Klischee hält, soll sich einmal im Bekanntenkreis umhören.

Der Klassiker, schon oft erlebt: Mann beginnt eine Affäre mit einer deutlich jüngeren Frau, manchmal sogar verbunden mit einer weiteren Familiengründung. Immer beliebter: das halsbrecherische Abenteuer, etwa mit dem Motorrad durch die Wüste, zu Pferd durch die Steppe (sollen auch schon Frauen gemacht haben), Heli-Skiing in Russland oder Kanada, einmal den Mount Everest besteigen – die Möglichkeiten sind unendlich.

Schmerzfrei Porsche fahren

Die Lieblingsgeschichte zum Thema sei Freund K. gewidmet. Dieser ist vor kurzem 50 geworden und hat, nach hiesigen landesüblichen Neidmaßstäben, alles erreicht: eine Firma gegründet, ein Haus gebaut, zwei gesunde Kinder gezeugt. Obendrein führt er ein, wie er meint, ökologisch bewusstes und nachhaltiges Leben, er ist politisch interessiert und kümmert sich um seine Mitmenschen. Und um seinen Porsche.

Der Porsche war sein Traum, zum 50er musste der realisiert werden. K. erträgt allerlei für diese Leidenschaft, etwa das Gehänsel seiner männlichen und die Verachtung seiner weiblichen Bekannten, die sich weigern, in den Angeberschlitten einzusteigen. Egal. Der Porsche wird liebevoll gepflegt. Und selten gefahren. K. hat's nämlich mit den Bandscheiben, und zu denen ist der Porsche eher gemein. K.s nächstes Ziel ist, schmerzfrei im Porsche zu fahren. Das beschäftigt ihn, und er hat keine Angst mehr vor dem Tod. Seine Frau ist beruhigt. (Petra Stuiber, 29.10.2016)

  • Autos sind schon bei kleinen Buben sehr beliebt. Im Laufe der Jahre müssen die fahrende Gefährte mancher Männer aber dann oft etwas größer und lauter werden.
    foto: apa / epa / michele limina

    Autos sind schon bei kleinen Buben sehr beliebt. Im Laufe der Jahre müssen die fahrende Gefährte mancher Männer aber dann oft etwas größer und lauter werden.

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