Vor dem Tod kommt das Sterben

1. November 2016, 11:19
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Wem die Gunst gegeben ist, der hat noch Zeit, in seinem Leben aufzuräumen. Eva hat ihren Frieden gefunden. Zwei Briefe hat sie noch geschrieben, sie werden nach ihrem Tod aufgegeben

Zuerst ist die Verzweiflung da und der Schock: Diagnose Krebs. Ein zweites Mal, nach vier Jahren der Ruhe. Die Krankheit schien schon überwunden. Dann kommt das Aufbäumen, das Nichtwahrhabenwollen. Die Hoffnung, dass es nicht so ernst ist, aber auch die Ahnung: Das Ende kommt. Ganz bestimmt. In absehbarer Zeit.

Das Hadern und die Wut. Warum gerade ich? Die Verdrängung und die Depression, der Rückzug, die Isolation, die Freunde gehen. Hilflosigkeit auf allen Seiten. Das Schweigen. Die Zeit wird knapp. Was ist aus ihr geworden?

Eva hat ihr spätes Glück gefunden. Mit 60 Jahren hat sie ein zweites Mal geheiratet, einen Seelenverwandten, wie sie sagt. Endlich angekommen, Zeit zu zweit. Ein Jahr später kam der Brustkrebs. Sie habe nicht aufgegeben, vor allem ihrem Mann zuliebe. "Ich habe wirklich gekämpft", sagt Eva. Jetzt nicht mehr. Vor einem halben Jahr kamen die Metastasen. Dann war alles klar.

foto: matthias cremer
Eva hat die Verzweiflung, die Angst und die Tränen hinter sich gelassen.

Eva hat die Verzweiflung, die Angst und die Tränen hinter sich gelassen. Sie wartet auf ihr Ende. Gelassen, ruhig und friedlich.

Eva ist jetzt 66 Jahre alt. Sie sitzt in einem gemütlichen Polstersessel auf der Palliativstation der Caritas Socialis am Rennweg in Wien, sie trägt eine Haube, die ihren kahlen Kopf bedeckt, hinter der Brille funkeln wachsame, freundliche Augen. Eva freut sich über den Kaffee, den die Schwester bringt. Schwer zu glauben. Aber es ist Zeit zu gehen. Wir reden über den Tod. Vielleicht noch Wochen, vielleicht auch nur Tage. Das weiß niemand, auch Eva nicht.

Zeit hat für sie an Bedeutung verloren. Auch das Leben. "Ich klammere nicht mehr." Ein paar schöne Tage will sie noch haben, nichts Aufregendes: sitzen, ein paar Zeilen lesen, Ruhe haben. Sie genieße die Herzlichkeit, mit der ihr im Hospiz begegnet wird. "Die Gedanken sind langsam geworden", sagt sie. Fixpunkte sind die Mahlzeiten und die Besuche ihres Mannes.

"Mein Mann leidet mehr als ich", erzählt sie. Er versuche, den Starken zu spielen. "Es geht ihm nicht gut, aber er zeigt das nicht." Ihr Mann versuche, alles für sie zu machen. "Ich werde seine Unterstützung brauchen", sagt sie. Nach einer Pause: "Ich bin froh, dass er mich nicht verlassen hat."

Eva möchte noch einmal nach Hause, nur für ein paar Tage, wenn das geht. Mit ihrem Mann allein sein, mit ihm Zeit verbringen. Vielleicht einmal noch spazieren gehen. Ein Spaziergang durch die Lobau, so wie früher, als sie stundenlang gewandert sind. Aber das wird sie nicht schaffen. "Aber ich komme keine zehn Meter mehr, ich bin schwach." Es ist auch nicht wichtig. Zu nahe ist das, worauf sie sich einstellt. Zum Sterben wird sie wieder ins Hospiz kommen. Das ist ihre Perspektive, das gibt ihr Sicherheit.

foto: matthias cremer
Vielleicht einmal noch spazieren gehen. Ein Spaziergang durch die Lobau, so wie früher, als sie stundenlang gewandert sind.

Das Sterben ist Teil des Lebens, Eva nimmt das an. Danach kommt der Tod. "Ich hatte lange genug Zeit, mich darauf vorzubereiten." Keine Wehmut, keine Tränen, keine Trauer. Eva ist pragmatisch.

Sie war bereits beim Bestattungsunternehmen, hat auch ihren Mann dorthin geschleppt, wie sie sagt. Sie lacht: "Der Arme." Alles ist vorbereitet. "Ich will es auch ihm leichter machen." Sie hat Ordnung gemacht, das Leben hinter sich aufgeräumt. Nicht alles konnte sie erledigen, es bleibt auch ein Schmerz zurück, aber jetzt ist es Zeit, einen Schlussstrich zu ziehen. "Ich hoffe, dass es nicht mehr allzu lange dauert, das ist auch belastend."

Eva hat auch Briefe geschrieben. Darüber wollte sie eigentlich nicht reden. Wir kommen dennoch drauf. Gibt es etwas, das sie bereut, was sie lieber anders gemacht hätte? Was man eben fragt, wenn man einer Frau gegenübersitzt, die am Ende ihres Lebens steht. Hat sie Resümee gezogen? Sucht sie Verzeihung? Will sie verzeihen? Gehört das dazu, wenn man in seinem Leben Ordnung macht und abschließt?

Eva erzählt das ohne Wehmut. Aber mit Bedauern. Es sei kein einfaches Leben gewesen, das sie geführt hat. Sie hat viel erlebt, nicht alles sei schön gewesen. Eva kommt aus Polen, dort hat sie ihren ersten Mann kennengelernt. Mit 19 hat sie geheiratet, nach der Matura, statt zu studieren. Das war keine gute Entscheidung, sagt sie. "Ist das jetzt Thema Ihres Artikels?" Sie macht es dazu. Zwei Söhne, ein paar Jahre in Kuwait, die Trennung. Das war schmerzhaft. Zurück in Polen, konnte sie nicht mehr Fuß fassen, wanderte nach Wien aus.

Die beiden Söhne ließ sie zurück. Dem folgte ein Zerwürfnis, das nie wieder gekittet werden konnte. Es gab sporadischen Kontakt mit den Söhnen, immer seltener, die Vorwürfe waren bitter. Ein paar Anläufe noch, aber keine Aussöhnung. "Ich habe damit abgeschlossen."

Das Leben war ein ständiger Kampf. Aber das Positive überwiegt. Sie sei viel gereist, habe Sprachen gelernt, viele Menschen kennengelernt, hat schließlich einen Beruf gefunden, der ihr Freude gemacht hat: Sie war Krankenpflegerin in einem kleinen Spital in Wien. Sie hat ihren zweiten Mann gefunden. "Dann ist es richtig schön geworden." Bis die Diagnose kam.

Als sie sich auf das Sterben vorbereitet hatte, hat sie Briefe an ihre Söhne geschrieben. Viele Versuche, immer länger. Es sind dutzende Briefe geworden, Eva hat sie alle verworfen. Sie konnte nicht erklären, was passiert ist und warum. Es sind schließlich zwei kurze Briefe geworden, an jeden Sohn einen. "Ich habe sie immer in meinen Gedanken und in meinem Herzen gehabt." Ihr Mann wird die Briefe zur Post bringen, wenn sie gestorben ist.

foto: matthias cremer
Gibt es etwas, das sie bereut, was sie lieber anders gemacht hätte? Was man eben fragt, wenn man einer Frau gegenübersitzt, die am Ende ihres Lebens steht.

Jetzt, beim Reden, erzählt Eva noch etwas, was sie eigentlich auch nicht erzählen wollte. Ihr Mann weiß das nicht. Sie habe sich umbringen wollen. Paradox klingt das. Aus Angst vor dem Tod. Im Krankenhaus war sie verzweifelt, die Schmerzen, die Therapien, die Behandlung durch Ärzte und Pfleger. "Ich habe nur geweint." Sie sei nicht als Mensch wahrgenommen worden. Wie eine senile und entmündigte Person.

Immer schwächer sei sie geworden. "Ich wollte mich nicht quälen bis zur letzten Minute und elendiglich zugrunde gehen." Dann habe sie eine Patientenverfügung verfasst, alle Therapien abgebrochen und einen Entschluss gefasst. "Bevor sie mich hier umbringen, bringe ich mich selber um. Aber ich habe diesen Gedanken nie ausgesprochen."

Durch einen Zufall habe sie vom Hospiz der Caritas erfahren, Kontakt aufgenommen. Vor zehn Tagen ist sie aufgenommen worden. "Hier hört man mir zu, es gibt Leute, die meine Hand halten. Ich habe meine Ruhe. Aber jetzt müssen wir aufpassen, dass wir keine Werbebroschüre schreiben", sagt Eva und lacht. "Ich kann das Hospiz niemanden als Perspektive empfehlen", antworte ich, ein unbeholfener Scherz, der nicht ankommt.

"Da muss ich Ihnen widersprechen", sagt Eva ernst, "ich kann das schon empfehlen." Sie winkt der Schwester auf dem Gang zu. Die Schwester winkt fröhlich zurück. Es ist unheimlich. Hier wird gestorben. Und dennoch so viel gelacht. Die Menschen sind freundlich. Nur die Angehörigen schleichen gedrückt durch die Gänge.

Eva ist ehrlich dankbar für die Aufmerksamkeit und die Wärme, die ihr hier entgegengebracht werden. So seltsam es klingen mag: Die Frau wirkt zufrieden. Sie ruht in sich. Die Angst habe sie überwunden, "ich lasse sie nicht mehr zu". Sie sei ins Reine gekommen. Mit sich, mit dem Leben, mit den anderen. "Ich weiß jetzt, was kommt."

Sie wird sterben, und sie ist froh zu wissen, dass es hier sein wird. Der Tod ist kein Phänomen, sondern eine Tatsache. Er hat nichts Spektakuläres an sich, und dennoch bleibt er ein Geheimnis für diejenigen, die zurückgelassen werden.

"Alles ist unwichtig geworden", stellt Eva fest. Sie lächelt. Die Zeit hat keine Dimension mehr. "Es ist nicht leicht, die richtigen Worte zu finden, um Ihnen das zu erklären", bedauert sie. "Was ist schon Zeit? Aber das ist jetzt Ihr Problem." Das Gespräch hat sie sehr gefreut, sie bedankt sich. "Vielleicht geht es sich noch aus, dass ich Ihren Artikel lese." Nicht, dass das wichtig wäre. (Michael Völker, 31.10.2016)

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