Wolfgang Bergmann: Geheim geweiht

28. Oktober 2016, 16:25
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Die Kirche und das Frauenpriestertum: Wolfgang Bergmann verpackt das Coming-out der geheim geweihten Priesterin Katja in eine Liebesgeschichte mit dem krebskranken Daniel. Ein Vorabdruck

Prag (September 1990)

Die Wohnung ließ Katja mit allen Möbeln zurück. Von all den Gegenständen, die sie mitnahm, wollte sie das Hochzeitsbild ihrer Eltern zuallerletzt einpacken. Bevor es so weit war, kniete sie auf dem Wohnzimmerboden nieder. Knien hatten sie in der Wohnung immer vermieden. Dann legte sie sich flach auf den Bauch, die übereinandergelegten Hände boten sich als Kissen für ihre Stirn. In dieser Demutshaltung hatte sie vor ihrer Priesterweihe in ihrem geheimen Versammlungsraum vor dem ausgesetzten Allerheiligsten verharrt. In dieser Haltung verehrte sie jetzt ihren Hausaltar, erinnerte sich an ihre Weihe und wollte sich ihren Eltern nahe fühlen. Gott nahe fühlen. Wie vertraut war ihr dieser Boden, dieser Geruch. Sie sehnte sich nach dem typischen Knarren, das ihr Vater auslöste, wenn er durch die Wohnung ging. Auch fühlte sie ein Stück Kälte in sich aufsteigen und glaubte riechen zu können, dass die Wohnung mit leeren Schränken aufgehört hatte, ihre Heimat zu sein. Heimat und zugleich Gefängnis in einem feindlichen Regime. Dann streckte sie ihre Arme weit zur Seite und drückte ihre beiden Handflächen fest in den Boden. Sie wollte Gott berühren, indem sie seine Welt festhielt. Sie presste mit der Stirn noch fester auf den Teppich, um ihre Ergebenheit auszudrücken.

"Was?"

Dieses Wort stieg langsam in ihr auf.

"Was? Was hast du mit mir vor?"

Diese Frage hatte sie immer beschäftigt. In der Versammlung. Was verlangte Gott? Was war ihr Schicksal? Mutter und Vater waren schon vorausgegangen. Hatten es überstanden. Auf schreckliche Weise überstanden. Sollte sie Angst haben? Angst vor der Prüfung selbst, oder nur Angst, nicht zu bestehen? "Hier liege ich, deine Dienerin ist bereit", dachte sie. "Was? Was hast du mit mir vor?" Sie legte den Kopf zur Seite, spreizte die Fingerspitzen, um den Boden noch besser zu spüren – und schlief ein.

Wien (Mai 1991)

"Und hast du Schnupfen bekommen?", stichelte Lena als Eröffnung.

"Nein, aber Krebs", antwortete Daniel trocken. Fast war er erleichtert, dass sie ihm durch ihren Einstieg die Möglichkeit gegeben hatte, das sofort loszuwerden.

Die Stille war lang.

"Red' doch keinen Scheiß."

"Hätt' ich gerne, dass es nur ein Spaß ist, geht aber leider nicht."

"Du, das reden wir nicht am Telefon. Um 9 im S'Parks?"

"OK."

"Dann bis später. Hab' dich lieb."

Da war es wieder, dieses "Hab' dich lieb". Eine intime Formulierung, ja. Aber kein "Ich liebe dich". Nur eine Vorstufe. Ein sich Einlassen mit Vorbehalt. Und doch eine herzhafte Umarmung mit einer Andeutung von mehr. Aber das Mehr hatte Lena noch nie über die Lippen gebracht. Nicht im Alltag und nicht im Bett. Daniel musste sich aber zugeben, dass er es auch noch nie gesagt hatte.

Das S'Parks im Hilton war ihr Stammlokal geworden. Nicht wegen der Speisen, nicht wegen der Stimmung dort. Sondern weil die Gefahr, von jemandem gesehen zu werden, gegen null ging. Die Einheimischen mieden das Hotelrestaurant. Die Touristen waren ungefährlich. Auch das schlecht geschulte Personal machte nicht den Eindruck, sich mit der österreichischen Szene auszukennen. Die Klimaanlage war leider – wie meist – zu kalt eingestellt, was bei Daniel die Angst auslöste, er könnte sich vor seiner wichtigen Operation noch verkühlen. Das Lokal war entweder von Reisegruppen überfüllt oder, wie heute, gähnend leer. Daniel mochte beides nicht, im Zweifel aber lieber die Anonymität in der Masse.

"Grabesstille", dachte Daniel unwillkürlich.

Lena und Daniel hatten sich zur Begrüßung länger umarmt als sonst. Sie vermieden Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit. Beide bestellten sie rasch und lieblos. Daniel begnügte sich mit Spinat und Spiegelei, weil ihm die Ärzte rieten, bis zur Operation nur noch Breiiges zu konsumieren. Lena blieb bei den Salatvariationen mit gegrillten Garnelen. Beim Wein allerdings sparten sie nicht und tranken in großen Schlucken – Pinot Grigio aus dem Collio.

Etwas monoton schilderte Daniel seine Spitalserlebnisse, den beklemmenden Befund und den zeitlichen Fahrplan. "Ich hab' mich bei einer Bekannten im Gesundheitsministerium erkundigt", begann Lena, "Darmkrebs hat die besten Heilungschancen."

"Statistisch gesehen bin ich zu jung, überhaupt die Krankheit zu bekommen – und habe sie bekommen. Da kann ich ja wohl auch abkratzen, obwohl das statistisch gesehen nicht vorgesehen ist." Daniel wunderte sich, dass er seine Gedanken so offen aussprach. Und so bitter. Wollte er Lena wirklich damit belasten? Oder wollte er einfach ihre Fürsorge herausfordern? Er wusste es selbst nicht.

"Flinte ins Korn werfen, das war doch noch nie dein Stil", reagierte Lena schroffer, als sie wollte.

Daniel war schon vor dem Treffen unsicher gewesen.

Er wusste weder, ob er von Lena verlangen konnte, von einer sehr losen Affäre in eine Beziehung überzugehen, wo es darum ging, den Partner im Kampf auf Leben und Tod zu stützen, noch war er sich sicher, ob er das wollte. Einsamkeit war allerdings das Letzte, was er sich wünschte. Eine wirkliche Beziehung, das war ihm, so musste er sich eingestehen, bisher jedoch nicht gelungen.

"Du, ich hab' das zeitlich nur so reingepresst, ich muss dann gleich wieder los", unterbrach Lena die Stille, die schon viel zu lange dauerte.

"Hab' ich nicht noch einen Bade-Gutschein einzulösen?"

"Der verfällt ja nicht."

"Bist du noch mit Georg verabredet?", eigentlich war der Name von Lenas Dauerliaison tabu.

"Was soll das jetzt, wirst du jetzt auf einmal besitzergreifend?"

Daniel biss sich auf die Zunge.

Lena griff nach seiner Hand: "Krankheiten sind nicht dazu da, um Menschen an sich zu binden", sagte sie ein wenig streng. Und: "Ich will dich als Kämpfer sehen." Zum Abschied drückten sie sich deutlich weniger als zur Begrüßung. Das "Ich hab' dich lieb", das sie ihm ins Ohr flüsterte, klang wie immer. Nur der Abgang war hastiger als sonst.

Bis zur Operation blieben Daniel nur sieben Tage, um einen Ausfall für zumindest zwei Monate zu organisieren. Zwei Monate im besten Fall, wenn keine Chemotherapie notwendig werden sollte. Totalausfall, finaler Ausfall im schlechtesten Fall. Daniel gebrauchte für sich solche Umschreibungen für das eigentlich Unfassbare. Das enge Zeitkorsett nahm ihm eine Last. Er hatte weniger das Gefühl, handeln zu müssen, als geschehen zu lassen. Sein Schicksal lag in anderen Händen. Wenn er in dieser Stimmungslage war, ging er wie auf Watte, freute sich, wenn die Sonne schien, und war zufrieden mit den glücklichen Stunden seines bisherigen Lebens. Auch ein sehr kurzes Leben wäre im Vergleich zu dem unendlichen Leid, zu der unendlichen Armut anderswo immer noch privilegiert verlaufen. Dann wieder spürte er die triste Kälte beim Blick auf das Nichts. Seine erste Sorge war schon, er könne vielleicht die Operation nicht überleben. Zwar wurde ihm versichert, dass es sich dabei um Routine handle, vergleichbar einer Blinddarmoperation. Aber die Vorstellung, dass zumindest eine Fingerspanne des Darmes einfach herausgeschnitten wurde, dass dann das Kanalrohr in seinem Inneren dauerhaft eine Nahtstelle hatte, erschütterte ihn existenziell. Das Einschlafen, besser das Wegbrechen in die Narkose, in dieses traumlose Nichts, empfand er schon als Sturz in den Tod, bei dem es nicht sicher war, durch ärztliche Kunst zurückgeholt zu werden. Und dann diese mangelnde Bilanz. Was hatte er schon vorzuweisen? Kein Haus gebaut, keinen Baum gepflanzt, kein Kind gezeugt. Vor allem kein Kind gezeugt. Was bedeutete es, dass mit ihm, dem Einzelkind, nach dem frühen Unfalltod seiner Eltern, seine Familienlinie ausstarb? Bedeutete es überhaupt etwas? Natürlich hatte er gelebt, gern gelebt, aber hatte sein Leben nicht erst begonnen? Hatte er nicht nur oberflächlich gelebt?

Sehr penibel ordnete er seine ohnehin unbedeutenden Habseligkeiten. Er schrieb ein Testament, in dem er seinen Onkel, der sein Vormund gewesen war, als Erben einsetzte, er bezahlte alle Rechnungen und erinnerte sich, dass der Malermeister im Vorjahr um 10.000 Schilling zu wenig verrechnet hatte. Er hatte den Irrtum damals nicht aufgeklärt mit schlechtem Gewissen. Nun schrieb er ein paar Zeilen, dass er dies bei Durchsicht alter Unterlagen gesehen habe und er selbstverständlich für die tadellose Leistung nichts schuldig bleiben wollte. Und überwies die Summe.

Tagebucheintragung (Rom 20.4.1989)

Es beeindruckt mich noch immer, wie viel Marmor in den Palästen ist, antikes Mobiliar. Beeinflusst diese Atmosphäre auch den Inhalt? Dann der Altersschnitt: Weißes Haar dominiert. Nur Männer. Auch das bestimmt die Atmosphäre. Alle klerikal gekleidet. Bei genauer Unterscheidung kann man erkennen, dass die etwas Fortschrittlicheren häufiger im Anzug gehen, aber natürlich immer mit römischem Kollar. Alle anderen im Talar. Die Bischöfe mit dem violetten Zingulum. Der Vorsitzende Kardinal in Purpur. Bei den Italienern alles perfekt maßgeschneidert. Der alte Ostbischof vernachlässigt sein Äußeres am meisten. Auch ein paar schräge Szenen gehören zum Alltag: Tatsächlich küssen sich einige Bischöfe zur Begrüßung wechselseitig die Ringe und fassen sich etwas länger an den Armen, als man es gewohnt ist. Aber das Wort Homosexualität ist im Vatikan tabu, allerdings nur das Wort.

Die heutige Sitzung war mehr eine Informationsveranstaltung. Die Kommissionsmitglieder sollten auf einen gemeinsamen Stand dazu gebracht werden, was man eigentlich von der Geheimkirche weiß. Schwerpunkt war die CSSR, weil hier das Problem am größten ist. Die ursprüngliche Idee war, für jeden Bischof einen geheimen Schattenbischof zu weihen, der im Falle der Deportation des amtierenden das Amt weiterführen konnte. Die Kommunisten kennen natürlich die Achillesferse des kirchlichen Systems, zumindest des katholischen und der orthodoxen Kirche: Gibt's keine Bischöfe mehr, können keine Priester geweiht werden – gibt's keine Priester, gibt's einen Großteil der Sakramente nicht. So kann man die Kirche binnen einer Generation austrocknen. Dagegen war die Geheimkirche das Verteidigungskonzept.

Jede Weihe sollte jedoch immer nur im Auftrag Roms erfolgen. Aber der Heilige Vater gab später auch die persönliche Ermächtigung, im Falle einer Isolation der Kirche Weihen ohne römischen Auftrag vorzunehmen. Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 schien einigen Geheimbischöfen diese Voraussetzung gegeben zu sein. Sie befürchteten eine baldige Zerschlagung der gesamten kirchlichen Struktur.

Den Akteuren wurde bald klar, dass man im Untergrund eine Kirche nicht in der gewohnten Struktur führen konnte. Ein Bischof leitet manchmal eine Diözese mit mehr als 500 Priestern und oft über einer Million Gläubigen. Das ist im Geheimen nicht administrierbar. Daher begann geradezu eine Inflation an Weihen. Es bildeten sich "Kirchenfamilien", wo ein Bischof nur rund 10 bis 20 Priester überblickte. Jeder sollte nur möglichst wenige Personen persönlich kennen, um im Enttarnungsfall und bei Folter nicht allzu viel preisgeben zu können. Ein gewisser Felix Janitschek soll dabei als Geheimbischof am eifrigsten Weihen vorgenommen haben.

Mir raste das Herz bei diesen Schilderungen. Das hörte sich wie ein Krimi an. Aber einige Mienen wurden immer verkniffener. (Wolfgang Bergmann, Album, 29.10.2016)

Wolfgang Bergmann, geb. 1963, studierte Theologie und war nach seiner Zeit bei Caritas und Erzdiözese Wien 17 Jahre lang Geschäftsführer des STANDARD. Er wechselt im Jänner ins Belvedere.

Wolfgang Bergmann, "Geheim geweiht". € 18,80 / 200 Seiten. Wieser-Verlag 2016.

Das Buch wird am 14. 11. um 18.30 Uhr im Hansen (Wiener Börse) präsentiert.

  • Hinter dem Eisernen Vorhang wurden Frauen zu Priestern geweiht. Illustriert vom Maler Raphael Bergmann, Bruder des Autors.
    bild: raphael bergmann

    Hinter dem Eisernen Vorhang wurden Frauen zu Priestern geweiht. Illustriert vom Maler Raphael Bergmann, Bruder des Autors.

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