"Hebei, Taipei": Die Geister der Geschichte

31. Oktober 2016, 13:49
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Regisseur Li Nien-hsiu betreibt Spurensuche in China

Die wichtigsten Stationen seines Lebens trägt Li Chung-hsiao auf der Haut: "Reclaim China" steht da in chinesischen Schriftzeichen, und außerdem signalisiert eine Tätowierung, dass er ein Leben lang nicht ruhen wird, bis Mao Tse-tung seiner gerechten Bestimmung zugeführt ist. Ob das nun der Fall ist, da der Große Vorsitzende der kommunistischen Partei in China lange tot ist?

Li hat ihn jedenfalls überlebt. Im hohen Alter von 85 Jahren umgibt er sich immer noch mit nackten Schönheiten (in Bildern und auf der Wand) und mit einer Plastikpuppe, die ihm als Ersatz für pornografische Filme dient. Es sind jedoch nicht so sehr die Geister des Begehrens, die ihn umtreiben, sondern seine Geschichte.

Li hatte ein Leben, in dem die Gewalt sich eingeprägt hat, die im 20. Jahrhundert die Entwicklungen in China bestimmt hat. Seine Tochter Li Nien-hsiu nimmt ihren Vater als Zeugen, macht sich mit ihm auf den Weg in die Vergangenheit. So kehrt er, den es nach Taiwan verschlagen hat, erstmals nach sechzig Jahren in seine Heimatprovinz Heibei zurück.

Mönch, dann Kämpfer

In der Stadt Tianjin nahm alles 1939 mit einer großen Überschwemmung seinen Anfang. Die Krankheiten, die danach ausbrachen, raubten Li seine Mutter. Danach schlug er sich einfach durch: als Mönch, später als Kämpfer für die Kuomintang, jene Fraktion, die schließlich der kommunistischen Armee unterlag.

An manchen Stellen von Hebei, Taipei kann man sich an das Buch Das rote Kornfeld des Literaturnobelpreisträgers Mo Yan erinnert fühlen: Li Nien-hsiu führt in eine nebelige Landschaft, in der brackige Wasserläufe voller Gift an Orte gemahnen, an denen einmal ein Warlord haltgemacht haben mag. Manche Erkundungen enden im nirgendwo; als die Regisseurin und ihr Vater endlich das Grab der Mutter nahe einem verschwundenen Landgotttempel gefunden zu haben glauben, hören sie, dass im "Großen Sprung" (während der Kulturrevolution) alles eingeebnet worden war.

Wer nach einem Sinn in der Geschichte sucht, wird ihn hier nicht finden. Hebei, Taipei lässt allenfalls erkennen, wie stark die Überlebenskraft von Menschen ist, die dort, wo es eigentlich um große Fragen geht (welche Wege führen in eine glückliche Zukunft?), mit kalten Botschaften abgefertigt werden: "Dann raub' eben jemanden aus." So die Aufforderung eines Kuomintang-Kommandanten, als Li ihn darauf hinwies, dass er Waffen hatte, aber nichts zum Essen.

Dieser schillernde Zeuge lässt Hebei, Taipei zu einem exzellenten Beispiel eines neueren historiografierenden Kinos werden, das sich der Geschichte "von unten" nähert und den Fakten und Jahreszahlen eine "lange Dauer" hinzufügt – nicht die der großen Strukturen, die Fernand Braudel im Sinn hatte, sondern die eines nackten Lebens. (Bert Rebhandl, 31.10.2016)

2. 11., Metro, 19.00

  • Li Chung-hsiao, schillernder Protagonist von "Hebei, Taipei".
    foto: viennale

    Li Chung-hsiao, schillernder Protagonist von "Hebei, Taipei".

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