"City of Jade": Graben der Hoffnungslosen

28. Oktober 2016, 16:40
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Midi Z begleitet seinen fremden Bruder aus Myanmar mit der Kamera

Die zerklüftete Landschaft liegt in gelben Nebelschwaden verborgen. Aus dem Off stellt Regisseur Midi Z die Szenerie als jenen sagenumwobenen Ort vor, in dem seine Eltern und sein Bruder den großen Reichtum gesucht haben und den er nun zum ersten Mal mit eigenen Augen sieht. Tatsächlich ist das Wenige, das man sehen kann, wenig einladend, wirkt das zerfressene Tal wie von einer unheilbaren Krankheit gezeichnet. Ähnlich verhält es sich mit der Beziehung zu seinem Bruder, die Midi Z in Fei cui zhi cheng (City of Jade) dokumentiert.

Aufgewachsen sind die beiden in Myanmar, wo es zu Zeiten der Militärherrschaft für viele nur zwei Wege gab, ihre Lebensbedingungen spürbar zu verbessern: Man konnte im Kachin-Staat nach Jade suchen oder sich ins Ausland absetzen. Zhao De-chin entschied sich für die erste Variante und verschwand für fast zwei Jahrzehnte aus dem Blickfeld seiner Familie. Gerüchte besagten, er wäre reich geworden, tatsächlich brachte ihn seine Drogensucht nach Jahren der Erfolglosigkeit ins Gefängnis. Sein wesentlich jüngerer Bruder ging nach Taiwan und wurde Filmemacher.

Schwierige Schürfarbeiten

Die politischen Umwälzungen in ihrer Heimat brachten Zhao schließlich die Freiheit, und der staatliche Jade-Abbau in der Grenzregion zu China kam zum Stillstand. Kleine, selbstständige Gruppen von Glücksrittern suchen nun in dem offiziell aufgelassenen Schürfgebiet nach grünem Gestein. Dabei ist die Arbeit nicht nur kräftezehrend und meist erfolglos, sondern wird auch von den immer wieder aufflammenden Kampfhandlungen um den Kachin-Staat erschwert. Für Zhao, der den Großteil seines Lebens hier verbracht hat, erscheint die Rückkehr der einzige mögliche Schritt. Für Midi Z, der ihn mit der Kamera begleitet, sind die Schluchten und sein Bruder gleichermaßen fremd. Sein Blick bleibt entsprechend distanziert.

Während er die Geschichte der Region und die damit stets verknüpfte Familienhistorie in rudimentären Zügen schildert, zeigt er, wie die Arbeiter mit Hammer und Meißel Steinbrocken herauslösen, und befragt seinen Bruder nach dessen Vergangenheit. Beide Schürfarbeiten erweisen sich als schwierig, ein Scheitern ist mehr als nur wahrscheinlich. Familie, Politik und persönliches Glück werden als untrennbar miteinander verknüpft erkennbar, das Leben als Kampf, der bis zum letzten Atemzug gekämpft werden muss. (Dorian Waller, 29.10.2016)

31. 10., Urania, 16.00

  • Das Schürfen nach dem grünen Gestein hat seine Spuren nicht nur in der Landschaft hinterlassen, sondern auch in der Familie von Midi Z.
    foto: viennale

    Das Schürfen nach dem grünen Gestein hat seine Spuren nicht nur in der Landschaft hinterlassen, sondern auch in der Familie von Midi Z.

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