John Scofield: Jazzer im Countrygehege

Gespräch2. November 2016, 05:30
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Auf seinem jüngsten Album unterzieht der US-Gitarrist Countrysongs einer Bebop-Behandlung

Nicht als Experte, sondern als langjähriger Fan nähert sich einer der Großen der modernen Jazzgitarre auf "Country For Old Men" einem Genre an, das unter Jazzern schon einmal für gerümpfte Nasen sorgt. "Ich bin kein Country-Gitarrist, aber ich mag diese Musik, seit ich begonnen habe Gitarre zu spielen", so Scofield beim Gespräch im renommierten New Yorker Jazzclub Blue Note. Dort stellte der einstige Sideman von Miles Davis gleich an mehreren Abenden seine Country-Annäherungen live vor.

foto: universal/nicolas suttl
Beweist auf seinem neuen Album viel Gespür für Country Music: Jazzgitarrist John Scofield.

Die Barrieren zwischen den Genres sind für Scofield nicht ausschließlich musikalischer Natur. Jeder Jazzmusiker kenne Beispiele für schönen Country-Gesang, so wie gute Countrymusiker sicher schon Jazz gehört hätten, der sie beeindruckt. "Die Kluft existiert, weil Countrymusiker weiße Südstaatler waren und die Jazzmusiker schwarze Südstaatler, die von den Weißen versklavt wurden."

Das spiele in der Wahrnehmung noch heute eine Rolle. Man müsse sich eingestehen, dass viele Jazzer und Countrymusiker in den USA an den entgegengesetzten Enden des politischen Spektrums stünden. "Das trennt große Musiker voneinander", so der an der Ostküste aufgewachsene Scofield. "Ich bin nicht oft in Nashville, aber wenn ich dort bin, habe ich den Eindruck, dass es viele Trump-Schilder gibt."

Seine erste Berührung mit der Country Music verdanke sich aber den Hippies in den 60er-Jahren, Gruppen wie den Byrds oder den Beatles, die Songs von Buck Owens coverten. "Es mag überraschend sein, wie viele Jazzmusiker Country Music schätzen, besonders die Typen im Süden." So habe ihn der Jazzpianist Mulgrew Miller einmal überrascht, als er Stücke von Floyd Cramer, einem der Architekten des Nashville-Sounds, spielte: "Er hatte wirklich das Feeling dafür."

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John Scofield spielt James Taylors von George Jones bekannt gemachten "Bartender Blues".

Ray Charles habe alles durcheinandergewirbelt, als er begann, R&B-Versionen von Country-Stücken zu spielen. Unter dem Titel "That's What I Say" widmete er Charles bereits 2005 ein eigenes Tribute-Album. "Aber umgekehrt hat auch ein Country-Musiker wie Hank Williams ganz sicher Blues in seinen Phrasierungen, und Merle Haggard liebte Bebop ", so der Gitarrist.

Für seine Country-Interpretationen hat sich Scofield vor allem am Gesang der Originalaufnahmen orientiert. So liebe er speziell den "Deep Country, dieses Südstaaten-Ding" von Musikern wie Hank Williams oder George Jones, die er sein ganzes Leben lang gehört habe. Eine Hörerfahrung, die so wie der Blues auch sein Bending beeinflusst hat, das für ihn charakteristische Ziehen der Gitarrensaiten, mit dem er geradezu vokale Qualitäten auf der Gitarre entfaltet. Kein Wunder, dass sich Scofield aufs Beste auf den "Twang" versteht, jene nasalen Gitarrenklänge, die zum Country gehören wie der Hut zum Cowboy.

Dass Country oft fröhliche Musik mit ziemlich traurigen Texten zusammenführt, gehört für den Gitarristen zu den großartigsten Aspekten dieser Musik. Die Lyrics auswendig zu können, sei auch für einen Nichtsänger wie ihn alles andere als belanglos: "Wenn man die Wörter kennt, formen sie die Melodie auf eine andere Art und Weise." So habe es ihm auch bei Jazz-Standards, die er anfangs nur in den Instrumentalversionen von Leuten wie Miles Davis oder Charlie Parker kannte, sehr geholfen, die ursprünglich gesungenen Versionen kennenzulernen.

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Wie Scofield sind auch seine Mitstreiter beim "Country For Old Man"-Projekt, Organist Larry Goldings, Drummer Bill Stewart und Bassist Steve Swallow, keine Countrymusiker, aber Jazzer mit hoher Country-Affinität, die sich einiges einfallen ließen. So wurde Hank Williams' Klassiker "I'm So Lonesome I Could Cry" im Geiste John Coltranes zu einer schwerelosen Improvisation über einen einzigen Akkord eingedampft, während Songs wie Merle Haggards "Mama Tried" harmonisch aufgepeppt wurden: "Wenn man nur die Country-Akkorde lässt, würde jegliche Bebop-Improvisation seltsam klingen. Es war mir aber wichtig, dabei das Country-Feeling aufrechtzuerhalten."

Die größte Überraschung des Albums ist Shania Twains als zarte Ballade interpretierter Nashville-Pop-Hit "You're Still The One", für Scofield schlichtweg "ein brillanter Song". Den Spaß an der Improvisation einmal zur Seite, sei es bei seinem jüngsten Projekt nämlich vor allem um eines gegangen: "Ich liebe es ganz einfach, diese schönen Melodien zu spielen." (Karl Gedlicka aus New York, 2.11.2016)

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