"The Seasons in Quincy": Swinton und die Kunst, einen Apfel zu schneiden

30. Oktober 2016, 07:00
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Langzeitprojekt und Vier-Jahreszeiten-Film: Der legendäre Schriftsteller, Maler und Kunstkritiker John Berger hat im französischen Dorf Quincy von Freunden mit der Kamera Besuch bekommen

"History cannot have its tongue cut out", so schrieb John Berger einmal. Das Schweigen der Väter über den Krieg ist eine von vielen Verbindungen zwischen dem 80-jährigen britischen Schriftsteller, Maler und Kunstkritiker und der Schauspielerin Tilda Swinton, auch sie Kind eines Soldaten.

Im tiefsten Winter, kurz vor Weihnachten, sitzen Berger und Swinton, am selben Tag geboren, 35 Jahre auseinander und seit 20 Jahren befreundet, in seiner Küche im französischen Dorf Quincy (Bergers Wohnort) und reden über ihre Väter. Berger zeichnet, Swinton macht Apple-Crumble. Dabei schneidet sie die Äpfel genau so, wie es Berger von seinem Vater bildhaft erinnert – in Viertel schneiden, das Kerngehäuse herausnehmen, schälen. Eine Reenactment-Miniatur als gemeinsames Wiedererleben.

Ways of Listening heißt der erste Teil von The Seasons in Quincy: Four Portraits of John Berger, eine Anspielung auf Ways of Seeing, Bergers berühmte BBC-Fernsehserie (und das gleichnamige Buch) aus den 1970er-Jahren. Regisseur ist Colin MacCabe, Autor und ehemaliger Produzent der Filme von Derek Jarman, produziert hat das Vier-Jahreszeiten-Projekt das Derek Jarman Lab. Einmal wird das Gespräch mit einem kurzen Filmausschnitt aus Christopher Roths Baader (2002) bebildert. Von Roth stammt der zweite Teil, Spring, darauf folgt die als TV-Sendung in Szene gesetzte, wenig geglückte Diskussionsrunde A Song for Politics (Bartek Dziadosz und MacCabe), den Abschluss bildet Swintons Harvest. Immer wieder berühren sich die einzelnen Teile, Figuren und Motive zirkulieren.

Mensch-Tier-Betrachtungen

Der erste und der letzte Teil sind aufmerksame – und dabei taktile – Beobachtungen. Die Bilder wollen nicht illustrieren, vielmehr fangen sie eine Gegenwart ein, in der sich Menschen sehr bewusst und mit geschärften Sinnen begegnen. Ganz anders der mal beiläufige, mal gespreizte Thesenfilm Spring. Ausgangspunkt ist Bergers berühmter Essay Why Look at Animals? Roth filmt Landschaften und Tiere, als da wären Kühe, Pferde, Ziegen, mitunter sehr nah, Berger ist nur über den Text anwesend. Der Film denkt ihn weiter, unter anderem mit Derridas Tier-Mensch-Betrachtungen, zwischendurch sprechen zwei stilbewusste Frauen in die Kamera, und auch die Begriffe flirren godardesk umher.

In Harvest findet The Seasons in Quincy wieder zur anfänglichen tagebuchartigen Form zurück. Swinton ist in Begleitung ihrer rothaarigen Teenager-Zwillinge Xavier und Honor zu Besuch. Die Kinder bringen Eier aus dem schottischen Hühnerstall mit und pflücken in Andenken an Bergers verstorbene Frau Beverly Himbeeren im Garten. Swintons tiefe Verbindung zu Berger scheint sich in den achtsamen Kindern fortzusetzen. Der Kommunikationsabbruch der Väter wird revidiert: Es geht darum, etwas weiterzugeben. (Esther Buss, 29.10.2016)

  • 1. 11., Urania, 11.00
  • 2. 11., Stadtkino, 18.30
  • John Bergers berühmter Essay, gelesen von einem Pavian: In "The Seasons in Quincy" wird der Autor unter anderem von Tilda Swinton besucht. Mit Kindern und Hühnereiern.
    foto: viennale

    John Bergers berühmter Essay, gelesen von einem Pavian: In "The Seasons in Quincy" wird der Autor unter anderem von Tilda Swinton besucht. Mit Kindern und Hühnereiern.

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