Stadtzentren: "Mischmasch" als Erfolgsrezept

29. Oktober 2016, 10:00
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Wien will eine Stadt der kurzen Wege sein. Dafür braucht es lebendige Stadtzentren

Wien – Kirche, Gemeindeamt, Schule, Wirtshaus und Greißler. Das sind die Zutaten klassischer Dorfzentren auf dem Land – zumindest sahen sie früher so aus. Heute dominieren oft Geschäftszeilen an den Ortsrändern. Weiteres Merkmal einer klassischen Dorfmitte: Auf dem Weg zwischen Greißler und Gemeindeamt trifft man Leute, kommt ins Reden und geht auf einen Kaffee – was wiederum zu Belebung und Austausch beiträgt.

foto: wien museum
1834 verewigte Rudolf von Alt den Stephansdom auf Leinwand. Der Stephansplatz gilt als das Urzentrum Wiens. Neu hinzugezogene Wiener haben oft andere Prioritäten.

In einer Millionenstadt wie Wien bietet sich freilich ein differenzierteres Bild. Der Fachbereich örtliche Raumplanung der TU Wien (Leitung Rudolf Scheuvens) hat im Auftrag der Stadt eine Studie zum Status quo der Zentrenlandschaft erstellt. Einerseits hat man sich der Frage historisch genähert. Hier spielt der erste Bezirk eine wesentliche Rolle, das Urzentrum Wiens, das bis Mitte des 19. Jahrhunderts von einer Stadtmauer umgeben und in erster Linie auf die Bedürfnisse von Fußgängern abgestimmt war. Fußläufig erreichbare Märkte und Geschäftshäuser zeugten davon, die zum Teil noch erhalten sind.

Mit der zunehmenden Mobilität, Stichwort Inbetriebnahme der Straßenbahnen, entstanden die linear geprägten Zentrenstrukturen der Geschäftsstraßen abseits der Inneren Stadt. "In diesem Ausmaß eine Wiener Besonderheit", wie Stefan Groh, Studien-Co-Autor, zum STANDARD sagt. Es entwickelten sich Erdgeschoßzonen mit zentralen Funktionen – etwa auf der Lerchenfelder Straße.

foto: daniel dutkowski
Auch so kann ein Stadtzentrum aussehen. In der Breitenfurter Straße 12. Bezirk steht die Erreichbarkeit mit dem Auto im Vordergrund. (Korrektur: Ursprünglich war in der Bildunterschrift Stadlau als Aufnahmeort angegeben.)

Zeitsprung in die 1970er-Jahre: Geprägt durchs Auto, zogen viele Zentrenstrukturen in die Vororte. Die Shopping City Süd (SCS) in Vösendorf ist dafür ein prominentes Beispiel. Dasselbe gilt für Großraumdiskotheken oder Kinoanlagen, die heute oft noch in der Peripherie zu finden sind.

Viele kleine Bausteine

Das Ergebnis all dieser Perioden ist ein "Mischmasch" an Zentren – oder "Zentrenbausteinen", wie die TU-Forscher sagen. Bahnhöfe oder große Bürostandorte zählen auch dazu. "Wir haben eine Stadtstruktur mit Relikten aus den verschiedenen Jahrzehnten", sagt Groh. "Das alles muss zusammengehen mit dem politischen Willen, eine klimafreundliche Stadt zu bauen." Im Stadtentwicklungsplan (Step) 2025 ist festgehalten, "die vorhandene Zentrenvielfalt zu stärken und Impulse für wirtschaftliche Prosperität wie auch für Lebensqualität zu setzen".

Die TU-Forscher schließen daraus, dass es in Zukunft darum gehen werde, Zentrenstrukturen wieder aktiv in die Stadtstruktur einzugliedern und Zentrenbausteine zu "reurbanisieren". Sie haben einige Empfehlungen formuliert. Darin heißt es etwa, dass man vorhandene Strukturen nutzen müsse, wie das bei den Märkten der Fall sei. Aktuell erwachen etwa der Volkertmarkt oder der Meidlinger Markt zu neuem Leben. Mit der Verdichtung der Stadt würden auch die zum Teil ungenutzten Geschäftsstraßen als Raumpotenzial an Wert gewinnen, glauben die Autoren. Gefragt sei ein kreativer Umgang.

foto: daniel dutkowski
Die Reindorfgasse im 15. Bezirk haben sich die Bewohner "selbst angeeignet" und zu neuem Leben erweckt.

Groh nennt mit der Reindorfgasse im 15. Bezirk ein Beispiel, wo das bereits funktioniert. Zahlreiche Kreativbetriebe haben sich wieder in der Straße, die vor der Motorisierung bekannt für ihre Handwerksbetriebe war, angesiedelt. Zum Teil hätten sich die Anrainer die Gasse "selbst angeeignet", sagt Groh, aber auch unterstützende Maßnahmen der Stadt hätten gegriffen. Das Reindorfgassenfest ist heute weit über die Bezirksgrenzen hinaus ein Begriff.

Auch in neuen Stadtteilen wie der Seestadt Aspern zeige die Stadt Experimentierfreude. Gerade neue Stadtteile tun sich oft schwer, eine lebendige Infrastruktur aufzubauen – also mehr zu sein als reine Bettenburgen. In der Seestadt lautet das Motto Geduld. Am Anfang rechnen sich die Erdgeschoßzonen zwar möglicherweise nicht, eingeplant wurden sie aber.

foto: stefan groh
In der Seestadt Aspern werden Zentrenbausteine miteingeplant. Ob die belebenden Maßnahmen greifen werden, wird sich erst in einigen Jahren herausstellen.

Was tut die Stadt nun mit den Ergebnissen der Studie? Kurt Mittringer von der zuständigen MA 18 (Stadtentwicklung und Stadtplanung) sagt, dass die Untersuchung ihm und seinen Kollegen vor allem hinsichtlich neu hinzugezogener Wienerinnen und Wiener aufschlussreiche Erkenntnisse gebracht habe. Für Ureingesessene möge der Stephansplatz samt Dom ein logisches Zentrum sein, andere Bewohner suchten aber vielleicht eher nach konsumfreien Zonen, um sich dort in der Freizeit aufzuhalten.

Dynamische Entwicklung

Bis Anfang 2018 will die Stadt, die in engem Austausch mit München, Hamburg und Berlin steht, die Ergebnisse nun zu einem Zentrenkonzept zusammenführen. Wobei man prozesshafter denken will als in den Jahrzenten zuvor, weil sich das Stadtbild immer dynamischer entwickle. So sei etwa noch unklar, ob es wie in der Vergangenheit einen Stadtplan geben wird, in dem alle Zentren oder Zentrenbausteine eingezeichnet sein werden – oder ob man nicht eher eine Art Leitfaden zur Entstehung von Zentren anbieten werde. (Rosa Winkler-Hermaden, 29.10.2016)

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