Signal an die EU: Türkei macht bei Zeitumstellung nicht mit

28. Oktober 2016, 13:27
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Offiziell will die Türkei Energie sparen. Doch es gibt auch politische Gründe

Athen/Ankara – Beim jüngsten Parteitag hat er nach Manier erzkonservativer Muslime die Hand der Ehefrau des früheren Partei- und Regierungschefs Ahmet Davutoğlu nicht geschüttelt. Dafür legte Berat Albayrak, der türkische Energieminister und Schwiegersohn von Staatspräsident Tayyip Erdoğan, mit feinem Lächeln die eigene Hand ans Herz. Nun bringt er sein Land auf arabische Gebetszeit. Denn am Sonntag wechselt die Türkei praktisch die Zeitzone. Die Umstellung zur Normalzeit im Winter macht die konservativ-religiöse Regierung in Ankara nicht mehr mit. Statt Osteuropäischer Zeit (EET) gilt nun Greenwich plus drei Stunden. Das ist die westrussische oder Arabische Standardzeit (AST): also Mekka statt Athen oder Bukarest für die Türken.

Das religiöse Motiv hinter dem Zeitzonenwechsel liegt für viele Türken auf der Hand. Häufig gab es im Fastenmonat Ramadan Streitereien unter Gläubigen über den wahren Beginn von Auf- und Untergang der Sonne. Für die Frommen zählen Mekka und Medina, die heiligen Städte des Islam, die einst unter dem Protektorat des Osmanischen Reichs standen. Nicht zufällig trägt Berat Albayrak nach dem Vorbild türkischer Historienserien einen Vollbart, ebenso wie sein Schwager Bilal Erdoğan.

14 Jahre AKP-Regierung haben der türkischen Gesellschaft ihren Stempel aufgedrückt. An Handreichungen für eine konservative Lebensführung hat es während all der Zeit nie gefehlt: vom Verzehr des richtigen Brots – Weißbrot macht dick und entspricht nicht der türkischen Tradition, so lehrte Erdoğan – über die saftigen Steuern auf Alkohol bis zur Aufforderung an die Türkinnen, lautes Lachen in der Öffentlichkeit zu unterlassen, aber mindestens drei Kinder zu gebären.

Dauerärger mit der Zeitumstellung

Das jährliche Drehen an der Uhr, erstmals 1925 aus Europa importiert, ärgerte die Konservativ-Frommen immer schon. Bereits Albayraks Vorgänger, der langjährige Energieminister Taner Yıldız, machte sich für die Aufgabe der Winter- und für die Beibehaltung der Sommerzeit stark. Die Türken sollen früher schlafen gehen, so empfahl er, damit sie früher mit der Arbeit beginnen können. Logisch war das nicht. Bleiben die Uhren nun auf Sommerzeit, wird es im Winter noch später hell und auch später dunkel. In Istanbul wird die Sonne dann erst gegen acht Uhr morgens auf- und gegen 18 Uhr untergehen.

Yıldız hatte seinerzeit aber eine Studie in Auftrag gegeben, um die möglichen Ersparnisse in der Türkei bei der Beibehaltung der Sommerzeit im Winter zu berechnen. Sie sind heute offiziell das Argument für den Wechsel der Zeitzone, wenn die europäische Sommerzeit in der Nacht auf Sonntag endet. 2,3 Terawattstunden oder fast eine Milliarde Lira – derzeit umgerechnet 300 Millionen Euro – sollen damit zwischen November und März eingespart werden. Die Berufsvereinigung der Elektroingenieure in der Türkei bezweifelt das. Sie weist auf den zusätzlichen Energiebedarf am Morgen hin, wenn sich die Berufstätigen in der Dunkelheit auf den Weg machen müssen.

Kritik aus der Wirtschaft

Auch Exporteure und Finanzdienstleister in der Türkei kritisieren die Abkoppelung von Europa. Wenn in London um neun Uhr morgens die ersten Büroangestellten kommen, gehen ihre türkischen Handelspartner zum Mittagessen. Und die Börse in Istanbul schließt dann bereits nachmittags um halb drei britischer Zeit.

Ideal war die Osteuropäische Zeit für die Türkei allerdings nie. Festgelegt wird die EET durch den 30. Längengrad. Er läuft durch İzmit am Ende des Marmarameers, weit im Westen des Landes. Doch drei Viertel der Türkei liegen östlich dieser Grenzmarke. Der astronomische Mittag oder die wahre Ortszeit ist in einem großen Teil des Landes also deutlich verschoben. Ende der 1970er-Jahre galt deshalb schon für einige Zeit der 45. Längengrad als Maß für die Zeitzone der Türkei. Er läuft durch die östliche Provinz Iğdir an der Grenze zu Armenien. Dabei bleibt es nun: Die Türkei ist GMT+3, auf den Osten ausgerichtet, nicht auf Europa.

Signal an EU

Als ein politisches Signal an die EU will die türkische Regierung ihren Zonenwechsel auch verstehen. Erdoğans Schwiegersohn fasste die Entscheidung nach dem gescheiterten Putsch im Juli, verärgert über die Kritik aus Europa an den Massenverhaftungen in der Türkei und die – wie Ankara es sieht – mangelnde Solidarität der Europäer mit der demokratisch gewählten Regierung.

Gefolgt ist dem nur der türkisch verwaltete Norden von Zypern. Auf der geteilten Insel ticken ab Sonntag auch noch die Uhren anders. Einen Trost hat die Minderheit der politisch liberalen Türken: Schon im Frühjahr, wenn die Uhren in der EU vorgestellt werden, rückt die Türkei wieder näher an Europa. (Markus Bernath, 28.10.2016)

  • Der historische Uhrturm in Izmir wird am Sonntag nicht umgestellt.
    foto: ap/darko vojinovic

    Der historische Uhrturm in Izmir wird am Sonntag nicht umgestellt.

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