"Mimosas": Aus der Zeit gefallen

28. Oktober 2016, 16:37
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Regisseur Oliver Laxe erzählt von einer Odyssee durch die Wüste Marrokos

Filmemachen sei für ihn ein religiöser Akt, eine Möglichkeit, sich dem Unbeschreiblichen zu nähern, sagt Oliver Laxe. Mimosas, der zweite Film des in Paris geborenen spanischen Filmemachers und Schauspielers, hat aber wenig gemein mit dem "transzendentalen Stil" etwa eines Robert Bresson, wie ihn Paul Schrader beschrieben hat: Es geht bei ihm nicht um eine kalte, rationale Alltagswelt, die durch einen irrationalen Akt durchbrochen wird. Stattdessen kann man Oliver Laxe eher in die Nähe von Werner Herzog rücken und seiner Suche nach einer "ekstatischen Wahrheit": Auch Laxe vermischt Dokumentarisches mit Fiktionalem und konfrontiert seine Protagonisten mit einer übermächtigen, ebenso berauschenden wie lebensbedrohenden Natur.

Winzig wirken in den Totalen von Mimosas die Mitglieder einer Karawane, die sich durch das marokkanische Atlasgebirge müht. Sie versuchen, eine Abkürzung in die Handelsstadt Sijilmasa zu finden. Ein alter, kranker Scheich treibt sie an, denn vor seinem Tod möchte er die Stadt erreichen, in der schon seine Vorfahren beerdigt wurden.

In der Wüste am Fuße des Gebirges predigt derweil der Laie Shakib vor Kollegen, einer Gruppe von Taxifahrern und Mechanikern. Er zieht weniger die Aufmerksamkeit wegen seiner eher wirren Worte auf sich, sondern wegen seiner fesselnden Performance. Denn Shakib ist eine Art heiliger Narr, eine Art verrückter Prophet, der sich von Allah berufen fühlt.

Shakib bekommt von seinem Chef die Aufgabe, den sterbenden Scheich sicher ans Ziel zu bringen – bis zu diesem Zeitpunkt hätte es auch sein können, dass beide Erzählstränge Jahrhunderte auseinanderliegen. Doch so taucht Shakib irgendwann wie aus dem Nichts vor der Karawane auf – ohne Taxi, aber mit dem unerschütterlichen Glauben, dass Allah ihnen den Weg weisen wird. Eine Odyssee durch das Gebirge beginnt.

Gesichter und Geschichten

Die immer wieder atemberaubenden Super-16-mm-Aufnahmen von Kameramann Mauro Herce transportieren den Zuschauer in eine Welt, deren Schönheit und Schrecken für einen Mitteleuropäer tatsächlich aus Zeit und Raum gefallen zu sein scheinen. Seien es die Bilder eines Bergsees bei Mondschein oder der Wüste im Sonnenuntergangslicht. Laxe, der seit zehn Jahren in Marokko lebt, hat passend dazu Laiendarsteller aus der Gegend gefunden, die eigentlich nicht sprechen müssen. Ihre Gesichter erzählen bereits Geschichten – in ihrer Expressivität erinnern sie an Darsteller aus Filmen von Pier Paolo Pasolini. Auch wenn sich viele Verbindungen zur Weltfilmgeschichte ziehen lassen – die Western von John Ford oder die Roadmovies des New-Hollywood-Kinos ließen sich noch nennen -, so ist Laxes Film doch ein faszinierend eigenständiges Werk geworden, das tatsächlich so etwas wie eine "ekstatische Wahrheit" zu vermitteln scheint. (Sven von Reden, 29.10.2016)

  • 31. 10., Urania, 18.00
  • 1. 11., Metro, 14.00
  • Goldener Staub: Langsam bewegt sich die Karawane in "Mimosas" durch die beeindruckende Landschaft Nordafrikas.
    foto: viennale

    Goldener Staub: Langsam bewegt sich die Karawane in "Mimosas" durch die beeindruckende Landschaft Nordafrikas.

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