Marc Wittmann: "Pünktlichkeit geht zulasten des Erlebens"

Interview29. Oktober 2016, 08:00
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Warum wir das Gefühl haben, dass die Zeit immer schneller vergeht, und welche Faktoren unsere Zeitwahrnehmung bestimmen, erforscht der deutsche Psychologe Marc Wittmann

STANDARD: Herr Wittmann, wir haben kein eigenes Organ für Zeitempfinden – wie nehmen wir also wahr, dass die Zeit vergeht?

Marc Wittmann: Die Zeitwahrnehmung ist vielschichtig, wesentlich sind dabei aber zwei Dimensionen: die momentane Wahrnehmung und die Erinnerung. Je mehr wir auf die Zeit achten, etwa in der Langeweile der Wartezeit, desto langsamer vergeht die Zeit in der momentanen Wahrnehmung. In der Rückschau empfinden wir hingegen intensive Erlebnisse wie eine Reise viel ausgedehnter als die Alltagsroutine.

STANDARD: Apropos Alltagsroutine: Warum gilt Pünktlichkeit in unserer Gesellschaft als Tugend, obwohl niemand große Freude dabei verspürt, strikt nach seinem Terminkalender zu leben?

Wittmann: Die Uhrzeitorientierung ist der Erfolg der Industrienationen. Früher war diese Synchronisierung nicht so genau, man hat etwa vereinbart "Wir treffen uns, wenn die Sonne am Zenit steht". Heute dagegen werden wir nervös, wenn der Bus auch nur eine Minute Verspätung hat. Wir sind mit den anderen Menschen und mit der Umgebung auf die Minute genau getaktet. Diese Pünktlichkeit trägt zum Erfolg unserer Gesellschaft bei, geht aber zulasten des persönlichen Erlebens. Durch die Zukunftsorientierung verliert man das Gefühl für den Jetztmoment, viele leben in dem Gefühl, dass die Zeit immer schneller vergeht und überall Hektik herrscht.

STANDARD: Was sind die Gründe für das Gefühl, dass sich alles beschleunigt?

Wittmann: Psychologisch gesehen ist die Zeit immer die subjektive Zeit, das Zeitempfinden kann also für verschiedene Menschen unterschiedlich sein. Dass die Zeit immer schneller vergeht, ist in unserer Gesellschaft ein Mittelwertsphänomen, das sehr viele Leute betrifft. Der Grund dafür ist ein Technologieschub durch die neuen Kommunikationsmedien.

STANDARD: Ist das eine gänzlich neue Entwicklung?

Wittmann: Nein, Technologieschübe gab es auch schon früher, etwa am Ende des 19. Jahrhunderts. Damals wurden die Städte elektrifiziert, die Straßenbahnen und ersten Züge nahmen ihren Betrieb auf. So wurde die Gesellschaft viel dynamischer. Die Leute hatten auch damals das Gefühl, dass die Zeit immer schneller vergeht. Noch davor gibt es Aufzeichnungen von Johann Wolfgang von Goethe, der den Umbruch von einer handwerklich, bäuerlich organisierten Gesellschaft in eine Industriegesellschaft miterlebte. Er bemerkte, dass die jungen Leute immer schneller und rasender werden.

STANDARD: Technologisierung geht oft mit dem Versprechen einher, dass sie uns Zeit spart. Tatsächlich haben wir aber das Gefühl, dass Zeit immer knapper wird.

Wittmann: Absolut. Wir haben verlernt, leere Zeit auszuhalten oder zu warten. Vor der Erfindung der Waschmaschine sind Frauen täglich mehrere Stunden in der Waschküche gewesen. Heute ist die Wäsche in eine paar Minuten erledigt. Diese Stunden wären nun eigentlich frei, aber man füllt sie wieder mit anderen Aktivitäten. Es liegt an uns, was wir aus unserer Zeit machen.

STANDARD: Warum fällt es uns so schwer, leere Zeit auszuhalten?

Wittmann: Durch die neuen Kommunikationstechnologien kommt es zu Verstärkerprozessen. Sie machen uns neugierig und belohnen uns. Wir sind soziale Tiere, die durch soziale Reize belohnt werden. E-Mails von Freunden und Geliebten sind positive Signale, und danach werden wir ein wenig süchtig. Wenn man stundenlang nicht online ist, bekommt man das nervöse Gefühl, es könnten tolle Belohnungen warten. So ist das Erste, was viele Menschen tun, wenn sie in den Bus steigen, das Smartphone zu zücken. Dabei könnten wir auch sagen, dass wir diese leere Zeit nun für uns nutzen, um über uns nachzudenken. Stattdessen suchen wir Ablenkung, auch von uns selbst. Erst wenn wir von dieser Ablenkung herausgerissen werden, bemerken wir uns selbst und unsere Körperlichkeit – dann vergeht die Zeit ganz langsam. Die Momente, in denen wir Zeit wahrnehmen, sind genau die Momente, in denen wir uns selbst erleben.

STANDARD: Es gibt also Zusammenhänge zwischen Zeit- und Selbstwahrnehmung?

Wittmann: Ich habe in meiner Forschung Menschen in einem Gehirnscanner untersucht und mir angesehen, welche Areale aktiv sind, während sie die Zeit einschätzen. Dabei konnte ich zeigen, dass die Gehirnareale, die für unser Körperempfinden zuständig sind, dieselben sind, in denen wir Zeit wahrnehmen – sie liegen im insularen Cortex. Die Körpersignale und damit ein ganzes Netzwerk sind verantwortlich für unser Gefühl von Zeit. Das wird zum Beispiel im Floating Tank deutlich. Das ist eine Kabine mit körperwarmem Salzwasser. Wenn man hineinsteigt, lösen sich quasi die Körpergrenzen auf – das ist wie eine Art Instantmeditation. Zunächst hat man das Gefühl, dass die Zeit ganz langsam vergeht, doch etwas später stellt sich ein Zustand von Zeitlosigkeit ein.

STANDARD: Warum ist so ein Zustand von Zeitlosigkeit für immer mehr Menschen anziehend?

Wittmann: Der Grund, warum in unserer Gesellschaft Yoga, Tai-Chi und Ähnliches plötzlich so beliebt geworden und mittlerweile im Mainstream angekommen sind, hat damit zu tun, dass die Leute merken, wie alles immer schneller abläuft. Durch diese Entspannungsmethoden bekommen sie eine Technik, um intensiver wahrzunehmen und die Zeit wieder langsamer vergehen zu lassen. (Tanja Traxler, 29.10.2016)

Marc Wittmann (50) ist Psychologe und Humanbiologe am Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene in Freiburg, Baden-Württemberg. Er hat mehrere Bücher und Aufsätze zum Thema Zeitwahrnehmung geschrieben.

Marc Wittmann
Wenn die Zeit stehen bleibt

Kleine Psychologie der Grenzerfahrungen
C.-H.-Beck-Verlag 2015
173 Seiten, 12,95 Euro

Marc Wittmann
Gefühlte Zeit

Kleine Psychologie des Zeitempfindens
C.-H.-Beck-Verlag 2012
189 Seiten, 12,95 Euro

  • "Die Pünktlichkeit trägt zum Erfolg unserer Gesellschaft bei, geht aber zulasten des persönlichen Erlebens."
    foto: getty images/istockphoto /brauns

    "Die Pünktlichkeit trägt zum Erfolg unserer Gesellschaft bei, geht aber zulasten des persönlichen Erlebens."

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