Diese Wohnung ist ein Ufo!

31. Oktober 2016, 05:30
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Marina Klobucar wohnt in einer Wohnung, die seit den 1970er-Jahren unverändert blieb

James Bond wäre neidisch! Marina Klobucar wohnt in einer 1970er-Jahre-Wohnung in Wien, die bis heute gänzlich unverändert ist. Das gesamte Mobiliar ist im Originalzustand. Das gibt ihr Schutz und Geborgenheit.

"Hier sind viele, viele Erinnerungen drin. Ich kann mich noch erinnern, wie meine Eltern die Wohnung übernommen haben. Das war 1966. Wir hatten davor im selben Haus gewohnt, allerdings zwei Stöcke tiefer. Die alte Wohnung war dunkler und kleiner. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion haben wir begonnen, unsere Möbel in den dritten Stock hinaufzutragen. Mit dieser Wohnung in einem Hinterhaus in der Argentinierstraße sollte ein neues Leben beginnen. Die Wohnung hat 220 Quadratmeter. Schon kurz nach dem Einzug war klar, was damit passieren soll.

foto: lisi specht
"Meine Freunde fragen mich immer wieder: Wie kannst du da nur wohnen? Ich kann." Marina Klobucar in ihrem Zottelteppichwohnzimmer.

Mein Vater Berislav war Dirigent, meine Mutter Natalie war Pianistin. Gemeinsam waren sie bei einem Gastspiel in Argentinien. Dort lernten sie den Architekten Hermann Loos und den Künstler Oswald Stimm kennen. Beide lebten damals in Buenos Aires im Exil. Meine Eltern waren von den Arbeiten der beiden begeistert. Nachdem Hermann und Oswald immer wieder nach Österreich zu Besuch kamen, kam die Idee auf, sie könnten doch die Wohnung renovieren und einrichten. Und so kam es dann auch.

Der Umbau hat acht Jahre gedauert – von meinem zehnten Lebensjahr bis zu meiner Matura. Ich habe diese Zeit geliebt und gehasst zugleich. Geliebt, weil ich wusste, dass hier etwas ganz Besonderes entsteht. Und gehasst, weil meine Schulfreundinnen, die alle im Biedermeier mit schönen Möbeln und Bildern aufgewachsen sind, diese Wohnung regelmäßig als Schock empfunden haben. Das war ein Ufo! Das war ein Gesamtkunstwerk, das den Eindruck vermittelte, man dürfe es weder berühren noch benützen. Viele waren befremdet.

fotos: lisi specht

Seit damals ist die Wohnung unverändert. Meine Mutter war auf sie sehr stolz und hat sie liebevoll gepflegt. Keine unserer Putzfrauen durfte in all den Jahren die Möbel jemals feucht wischen. Niemals! Dem – und der hohen handwerklichen Qualität – ist zu verdanken, dass die meisten Möbel so aussehen, als wären sie von gestern. Da steckt ein Vermögen drin. Unlängst habe ich alte Rechnungen gefunden. Allein die Tischlerarbeiten haben sich auf circa 250.000 Schilling belaufen. Und das damals!

fotos: lisi specht

Das Sofa und die Fauteuils von Wittmann sind wie neu – abgesehen davon, dass das Leder ausgeblichen ist. Der Couchtisch ist eine Einzelanfertigung mit Plattenspieler, Tonbandgerät und integrierter Bar. Die Schiebewand vor der Bibliothek gleitet wie am ersten Tag. Sogar der hochflorige Zottelteppich ist original. Bloß die Farbe war noch knalliger und quietschiger. Einfach alles in dieser Wohnung ist original. Vieles wirkt auch heute noch exotisch.

fotos: lisi specht

Meine Freunde fragen mich immer wieder: Wie kannst du da nur wohnen? Ich kann. Auch wenn das alles hier nicht mein Stil ist – denn es ist der Stil meiner mittlerweile verstorbenen Eltern -, liebe ich diese Wohnung. Ich kenne jedes Möbel, jede Untertasse, jede Anekdote. Es ist wie ein Leben in der Geschichte, und wahrscheinlich brauche ich diesen Schutz zurzeit. Das wird sich vielleicht bald ändern, dann werde ich endlich loslassen können, aber noch ist es nicht so weit.

Ich weiß nicht, wie es mit der Wohnung weitergehen wird. Eines Tages werde ich ausziehen müssen, weil ich mir die Miete nicht mehr werde leisten können. Man kann ja nicht mit der Axt reinkommen, alles kaputtschlagen und in den Schuttcontainer schmeißen. Das Architekturzentrum Wien bemüht sich um eine Unterschutzstellung. Es gab schon die Idee, die Wohnung an Architects in Residence zu vergeben. Und dann? Dann schließe ich dieses Kapitel, gehe nach Berlin und starte noch mal neu durch." (31.10.2016)

Marina Klobucar, geb. 1958 in Wien, studierte Kunstgeschichte und Theaterwissenschaft. Sie arbeitete als Theaterassistentin u. a. in München, Berlin und Nizza. Seit 2002 leitet sie in Wien das künstlerische Betriebsbüro im Raimundtheater. Am 9. November wird im Architekturzentrum Wien (AzW) die Ausstellung "Wiens unbekanntes Juwel" über die Wohnung Klobucar eröffnet. Mit Fotos von Christoph Panzer. 19 Uhr. Zu sehen bis 5. Dezember.

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Architekturzentrum Wien

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