Das Gehirn eines Lügners verändert sich, was zu immer dreisteren Unwahrheiten führt

29. Oktober 2016, 20:41
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Britische Forscher untersuchten Gehirnaktivität von Schwindlern

London – "Die Lüge ist wie ein Schneeball: Je länger man ihn wälzt, desto größer wird er." Dieses rund 500 Jahre alte Zitat wird Martin Luther zugeschrieben – und es nimmt im Grunde vorweg, was nun britische Wissenschafter in einer psychologischen Studie belegt haben.

Die Forscher um Neil Garrett vom University College London untersuchten, wie sich Unwahrheiten auf das Gehirn des Lügners auswirken, und konnten dabei zweierlei feststellen: Zum einen wird die mahnende Stimme, die auf Unehrlichkeit reagiert, allmählich immer leiser, zum anderen werden die vorgebrachten Lügen mit der Zeit immer dreister. Mit anderen Worten: Lügen lassen das Gehirn abstumpfen.

Für ihre Untersuchung stellten die Wissenschafter 80 Probanden eine Schätzaufgabe. Die Testpersonen sollten beziffern, wie viele Geldstücke sich in einem Glas befinden und ihr Ergebnis einem anderen Teilnehmer mitteilen. In einer Variante profitierten die Probanden davon, wenn sie die Anzahl der Münzen bewusst übertrieben hoch schätzten. Dabei stellte sich heraus, dass die eigennützigen Lügner bei ihren Falschangaben immer unverschämter wurden.

Blick ins Gehirn der Lügner

Mithilfe der funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT) erhielten die Wissenschafter ein Bild davon, was sich im Gehirn der Schwindler abspielte: Je öfter sie die Unwahrheit sagten, umso geringer war die Reaktion der Amygdala, einer Gehirnregion, die eine wichtige Rolle bei der emotionalen Bewertung spielt und insbesondere für die Entstehung von Angst zuständig ist.

Während die Reaktionen des auch als Mandelkern bekannten Gehirnbereiches schwächer wurden, stieg bei den einzelnen Durchgängen die Bereitschaft zu dreisteren Überschätzungen der Geldmenge, schrieben die Forscher im Fachjournal "Nature Neuroscience". Offenbar öffnete das schwindende Unwohlsein beim Lügen immer größeren Schwindeleien Tür und Tor. "Dieser Ablauf führt schließlich zur sprichwörtlichen 'schiefen Bahn', wo kleine Akte der Unredlichkeit in immer schwerwiegendere Lügen eskalieren", sagt Tali Sharot, Koautor der Studie.

Diese Entwicklung ließ sich im Experiment allerdings nur dann nachweisen, wenn die Testpersonen eigennützig Lügen erzählten. Erwuchs den Probanden aus ihrer Schwindelei kein unmittelbarer persönlicher Vorteil, kam es auch nicht zu einem Abstumpfungseffekt. Die Wissenschafter vermuten, dass diese Eskalationsspirale auch in anderen Bereichen eine Rolle spielt. "Das gleiche Prinzip könnte auch bei Risikoverhalten oder Gewaltbereitschaft zu Eskalationen führen", meint Garrett. (red, 29.10.2016)


Abstract
Nature Neuroscience: "The brain adapts to dishonesty."

  • Zwar wird im realen Leben die Nase eines Lügners nicht größer, dafür aber schrumpft seine Bereitschaft immer mehr, auf Schwindeleien zu verzichten.
    foto: tristan schmurr

    Zwar wird im realen Leben die Nase eines Lügners nicht größer, dafür aber schrumpft seine Bereitschaft immer mehr, auf Schwindeleien zu verzichten.

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