"Lumpenloretta": Caliban wonnegrunzt auf der Wohlstandsinsel

28. Oktober 2016, 08:00
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Details machen keine große Aufführung: Nöstlingers Geschichte im Kasino am Schwarzenbergplatz

Wien – Konrads ("Glatzes") Lebensumstände sind eines Zwölfjährigen eigentlich unwürdig. Die Frau Mama (Petra Morzé) ist leidenschaftliche Weißwäscherin. Die Heißhungerattacken ihres biederen Gemahls (Robert Reinagl) wehrt sie ebenso ab wie die Zudringlichkeit neuer Nachbarn in der schmucken Reihenhaussiedlung.

Im Kasino am Wiener Schwarzenbergplatz ehrt man sehr zu recht eine der großen Kinderbuchautorinnen dieses Landes. Christine Nöstlinger hat Lumpenloretta geschrieben. Gezeigt werden mehrere Familien am Rande der Dysfunktionalität. Die Zuzügler sind Trödler, Alternative, die sich mit Kleinkram wie Kindererziehung nicht groß abgeben.

Die Angestammten hingegen verteidigen als Siedlungsbewohner ihre Wohlstandsfestung. Und weil der himmelhohe Saal des Burg-Kasinos die bauliche Regsamkeit befördert, hat sich auch Ausstatterin Jura Gröschl nicht lumpen lassen. Zwei Wohneinheiten grenzen opulent aneinander. Ein Rasenstreifen bildet die Demarkationslinie zwischen Arm und Reich, Hui und Pfui.

Es gehört zu den schönen Erfolgen dieser epischen Bemühung (Regie: Martina Gredler), die Fragwürdigkeit aller sozialen Zuschreibungen im Nu zu erweisen. Loretta (Sarah Viktoria Frick), die "Neue", beschämt die Bedenkenträger. Sie gibt das Kraftpaket, das sich wonnegrunzend wie Caliban durch die Gefilde der Wohlanständigen bewegt. Loretta punktet im Handumdrehen als Kraftsportlerin sowie als angehende Zirkusartistin. Sie erregt das Wohlgefallen Konrads (Simon Jensen), der seine Widerspenstigkeit durch Denkerposen am Granitstein unter Beweis stellt.

Für jede einzelne Figur führt die Regie eine Geschichte im Angebot. Da ist die blondierte Mutter (Dunja Sowinetz) von Nachbarsmädchen "Locke". Die Dame führt mit einem offenbar unzuverlässigen Herren (dem "Ernstl") eine Fernbeziehung via Handy. Wie Sowinetz mit einem kleinen Verrutschen der Sprachmaske ihr unsägliches Leid kundgibt – das ist wunderbarstes Burg-Theater.

Einen ähnlichen Punktesieg landet Morzé als Mama. Klimakterielle Reizbarkeit ertränkt dieser Drache der Vorstadt in Prosecco. Ganz behutsam zeigt Gredler die Kosten auf, die das sorglose Leben den Menschen abverlangt. Sie ist damit der Lebensklugheit von Autorin Nöstlinger ganz nahe. Es gibt coole Videos; das Knightrider-Motiv ist wohl eher für die Begleitpersonen der Kinder ab acht Jahren gedacht, als Erinnerung an eine tendenziell würdelose Pubertät. Leider hängt der Abend erzählerisch dennoch grausam durch. (Ronald Pohl, 28.10.2016)

  • "Glatze" (Simon Jensen) spürt, wie die Hormone spuken.
    foto: apa / neubauer

    "Glatze" (Simon Jensen) spürt, wie die Hormone spuken.

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