Der Slowenen traditionelle Lust auf Siebenschläfer-Gulasch

Blog28. Oktober 2016, 05:30
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Andere Europäer veranstalten Stierkämpfe oder jagen Elche, die Slowenen haben es auf Siebenschläfer abgesehen

Nebelschleier ziehen am Mond vorbei. Die Buchen fallen in mehreren Stämmen auseinander, die Wipfel scheinen den Himmel zu berühren. Auf dem weichen Erdboden liegen rote Früchte, die von den Büschen gefallen sind. An einem Baumstamm ist ein Bild des gekreuzigten Christus zu sehen. Ein Rauschen zieht durch die Luft, ein großer Vogel schwebt in die Nacht. Jure Kordiš zieht einen Stecken von einem Buchenast herunter. Er will wissen, ob er heute noch Siebenschläfer-Gulasch zubereiten kann. Es ist Mitternacht. Und wie jedes Jahr im Herbst ziehen slowenische Jäger wie Kordiš in der Region Krain dreimal in der Nacht aus, um zu sehen, ob ihnen die Tierchen, die im Fachjargon Glis Glis heißen, in die Falle gegangen sind. Die Siebenschläfer-Jagd hat in Slowenien seit Jahrhunderten Tradition.

Bereits im Jahr 1460 wurde die Jagd nach den Bilchen, wie man die Siebenschläfer auch nennt, im Landregister erwähnt, aber es gab schon im 13. Jahrhundert Berichte darüber, dass sie in der Region gegessen wurden. Die Felle wurden ab dem 17. Jahrhundert verkauft – auch ins Ausland, etwa nach Deutschland und England. In den 1930er-Jahren waren Mäntel und Mützen aus Siebenschläferfell sogar modern. Allerdings benötigte man für einen Hut 30 Siebenschläfer, für eine Jacke 350, für einen Mantel 500, erzählt Kordiš. Und der bärtige Mann in dem karierten Hemd, der übrigens ausgezeichnet Eintöpfe kochen kann, weiß, wie mühsam es ist, Siebenschläfer zu häuten.

Schon für die Römer eine Delikatesse

Etwa 60 Kilometer südlich von Ljubljana, in den tiefen Buchenwäldern auf den Karstbergen, kommen sie besonders häufig vor. Eigentlich findet man sie in ganz Europa. Die Jagd nach den Siebenschläfern ist allerdings nur in Slowenien und Kroatien erlaubt, in der italienischen Lombardei gilt ihr Fleisch zwar ebenfalls als Spezialität, fangen darf man sie dort allerdings nicht. Schon für die Römer waren die Siebenschläfer eine Delikatesse, sie züchteten sie in Tontöpfen.

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Jure Kordiš präsentiert ein Siebenschläferfell.

1849 wurde die Jagd auf die Siebenschläfer in der österreichisch-ungarischen Monarchie für alle Bürger freigegeben. Davor kam es regelmäßig zu Streitereien um das Jagdrecht, die auch vor Gericht ausgetragen wurden. Vom 16. bis zum 18. Jahrhundert gab es in Slowenien sogar eine eigene "Siebenschläfer-Justiz", ein Gericht, das eine gerechte Verteilung der Jagdgründe ermöglichen sollte. Unter Maria Theresia wurde dann alles fein säuberlich notiert. 1873 wurden amtlich gezählte 800.000 Siebenschläfer erlegt. Vor allem für ärmere Menschen war es eine Möglichkeit, billig zu Fleisch zu kommen.

Mit Erdäpfeln oder Kraut serviert

Siebenschläfer wurden damals geröstet, gekocht, gebacken, mit Erdäpfeln oder auch mit Kraut serviert. Es gibt Rezepte, nach denen sie in Salz eingelegt wurden. Je nachdem, was die Bilche selbst fressen, schmecken sie auch anders, wegen der Bucheckern ist der Geschmack meist ein bisschen süßlich. Im Zweiten Weltkrieg ernährten sich auch Partisanen von den grauen, flinken Nagetieren. Das Fett sollen sie für das Schmieren der Waffen verwendet haben. Im Siebenschläfer-Land Slowenien werden die Tiere heute nicht nur zu Gulasch gemacht, das Fett, das sie sich für den Winterschlaf anfressen, wird auch zu einem Öl verarbeitet, das angeblich nicht nur Wunden heilt, sondern auch Magen und Darm sanieren soll.

"Wenn der Siebenschläfer merkt, dass die Buche nicht blüht, pflanzt er sich gar nicht fort", erklärt Kordiš, der hier oben auf den Bergen eine Pension betreibt. Er kann, sagt er, jedes Geräusch in der Nacht zuordnen, weiß, welches Tier welche Beeren isst, und er kennt die Luchse, Bären und Dachse – und natürlich auch die Siebenschläfer – ganz persönlich. Sein Hof liegt auf einer Lichtung im tiefen Wald, manchmal kommen die Füchse hierher und stehlen seine Trauben von der Laube.

"Die älteren Siebenschläfer schlafen schon im August ein", erzählt Kordiš. "Zu früh darf man deshalb nicht zu jagen beginnen, sonst fängt man nur die jungen, die noch klein sind und die kann man nicht essen", kritisiert Kordiš einen unachtsamen Umgang mit den Tieren. "Die Jagd ist ab dem 1. Oktober erlaubt, so lange, bis sie alle schlafen gegangen sind." Normalerweise ist das Mitte November der Fall. Kordiš befestigt einen Stecken an der Falle, mit diesem hängt er sie dann auf einen Ast und kann so kontrollieren, ob ein Tier gefangen wurde, ohne auf den Baum klettern zu müssen. Es gibt auch Fallen, die direkt vor den Erdlöchern der Siebenschläfer aufgestellt werden.

Tod mittels Schnappmechanismus

Auch heute kann übrigens jeder in Slowenien Siebenschläfer-Fallen aufstellen. Allerdings ist die Jagd eher so etwas wie ein Volksfest geworden. Früher hatte sie durchaus eine sozioökonomische Bedeutung, nun ist sie Sport und Unterhaltung. Zur Siebenschläfer-Nacht Anfang Oktober reisen Leute aus Ljubljana an. Man sitzt am Lagerfeuer, trinkt Schnaps, singt, tanzt, redet sehr viel und schaut ab und zu nach den Fallen. Diese – von denen es Dutzende verschiedene Ausführungen gibt – töten die Siebenschläfer mittels eines Schnappmechanismus. Es handelt sich um schachtelartige Holzboxen – etwas größer als Mausefallen –, in die Drähte gespannt sind.

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Eine Siebenschläferfalle.

Die Jäger, die sich in ihrem Vereinshaus in Kozarišče bei herrlichem Hirschgulasch treffen, haben ihre Rucksäcke mit all den Fallen mitgebracht. Seit drei Jahren, als der Eisregen viele Bäume in der Region zum Bersten brachte, gebe es kaum mehr Siebenschläfer, erzählen sie. Denn das beschädigte Holz wurde von Borkenkäfern heimgesucht, und die Siebenschläfer hatten nicht ausreichend zu essen. Beobachtet man Bilche, sieht man, wie sehr sie sich dauernd abmühen, ausreichend Bucheckern zu finden und in sich hineinzustopfen. Bucheckern sind das Lebenselixier für die Siebenschläfer. Denn nur mit den Bucheckern können sie ausreichend Fett anlegen.

Heuer gebe es erstmals wieder mehr Bilche, erklären die Jäger, während sie die kürzlich erbeuteten grauen Tierchen mit den schwarzen Knopfaugen und den buschigen Schwänzen begutachten, die auf einem Tablett liegen. Ein Erwachsener, so die Jäger, muss etwa "zehn von denen" essen, damit er halbwegs satt wird.

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Erbeutete Siebenschläfer.

Angst vor der Eule

Wie viele man pro Nacht fangen kann? "Mein Rekord war 130", sagt ein anderer. Die meisten Jäger ziehen pro Nacht dreimal aus, um die Fallen aufzustellen. Die Siebenschläfer klettern nach Einbruch der Dunkelheit auf die Bäume. Dann raschelt und schmatzt es zwischen den Ästen und im Laub. Nur wenn eine Eule kommt, hören sie auf, die Früchte in sich hineinzustopfen. Denn die Eule ist ihre Hauptfeindin, Siebenschläfer sind eine Delikatesse für sie. "Der größte Fehler der Bilche ist", erklärt ein Jäger in gutem Deutsch, "dass sie so neugierig sind." Diese Eigenschaft nutzen auch die Jäger aus. Sie geben Früchte oder etwas auffällig Riechendes – zum Beispiel Schnaps – in die Falle, und die wissbegierigen Tiere, die alles erkunden wollen, werden erwischt.

Im Siebenschläfer-Museum im Schloss Snežnik (Schneeberg) gleich nebenan erfährt man, dass früher der Teufel dafür verantwortlich gemacht wurde, wenn keine Siebenschläfer in die Fallen gingen. Die Menschen dachten, dass dieser die Tiere entführen würde. Eine andere Legende aus der Gegend besagt, dass ein Mann in eine "Drachenhöhle" fiel – gemeint ist wohl eine Karsthöhle, die es in Slowenien zuhauf gibt – und monatelang überlebte, weil er Siebenschläfer aß, die dort überwinterten. (Adelheid Wölfl aus Stari trg pri Ložu, 28.10.2016)

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