"Stille Reserven": Wenn selbst das Sterben unbezahlbar wird

27. Oktober 2016, 13:59
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In dem Zukunftsdrama von Valentin Hitz ist die Überwindung des Todes nichts mehr, was es anzustreben gilt. Eine originelle Idee, die der Film nur ansatzweise auszuwerten vermag

Wien – Das Duell zwischen Leben und Tod entscheidet in der Regel das Leben für sich. Es stellt den Wert da, für den es sich auch in den utopischen Ausläufern des Kinos zu kämpfen lohnt. In Flucht ins 23. Jahrhundert (Logan's Run), einem Scifi-Klassiker von 1976, ist die "Erneuerung" des Lebens nach 30 Jahren beispielsweise ein systemischer Betrug. Wer alt werden will, der muss davonlaufen.

Stille Reserven, der neue Film des in Österreich arbeitenden Schweizers Valentin Hitz, stellt dieses Szenario mit einiger Berechtigung um. Versicherungskonzerne machen in der nachtschwarzen Zukunft von Wien ihr Geld damit, dass sie Todesversicherungen verkaufen. Das Zeitliche segnen, von einem Tag auf den anderen, das war einmal. Nun gilt es in das eigene Ableben zu investieren, andernfalls wird man künstlich als Ersatzteillager am Leben erhalten. Hitz denkt in seinem Szenario die biopolitischen Möglichkeiten der Gegenwart um ein Paar Kältegrade weiter.

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Die Figur, mit der man in diese streng regulierte Gesellschaftsform eintritt, kommt von der Seite der Macht und wirkt wie ein Verwandter jener sinistren Wächter, die einst in Matrix aktiv waren. Vincent Baumann (Clemens Schick) ist ein Versicherungsagent mit kantiger Miene und ebensolchem Auftreten, das er mittels Impulskontrolle am Armgelenk optimiert. Gefühllos jagt er potenten Kunden hinterher. Sein jüngster Fall, der Unternehmer Wladimir Sokulov (Daniel Olbrychski), erweist sich jedoch als renitent. Baumann droht die Degradierung, so es ihm nicht gelingt, noch an einer weiteren Front zu bestehen. Er soll eine Rebellentruppe enttarnen helfen, bei der wiederum der androgynen Lisa (Lena Lauzemis), Sokulovs Tochter, eine Schlüsselrolle zufällt.

Valentin Hitz hat sich schon einmal, vor 18 Jahren, mit einer solchen dystopischen Parabel befasst. Rat Race, sein Abschlussfilm an der Wiener Filmakademie, und Stille Reserven verbindet die Lust an der Verfremdung von Originalschauplätzen. Arbeitete er sich im Debüt noch expressiv an Wiener Topoi (mit Anspielungen auf Der dritte Mann) ab, so grundiert Hitz mit Kameramann Martin Gschlacht das Geschehen nunmehr mit unbehaglich leeren Lichthallen, monumentalen Betonwohnsilos und einer zwielichtigen Schattenwelt dazwischen. Daraus ergeben sich die Gegenpole eines gelackten Unternehmertums, das keine Individuen (und entsprechende menschliche Regungen) mehr kennt, und einem Untergrund, in dem die Manierismen einzelner Personen ohne Tageslicht dahinwuchern.

Zu viele falsche Fährten

Stille Reserven gelingt es allerdings zu selten, die Dynamik dieser visuellen Gegensätze erzählerisch auszuwerten. Die in den Plot gestreuten falschen Fährten, die abrupten Wendepunkte und Finten der verfeindeten Figuren sind zu verworren angelegt und zu wenig verdichtet, um viel Spannung zu generieren. Baumanns wachsender Zweifel an seiner Mission bemisst sich wiederum recht altmodisch – und auch zu repetitiv – an der Faszination für die mysteriöse Rebellin und Nachtclubsängerin Lisa. Manch schöne Idee, wie die Macht eines simplen Ohrwurms, geht unter ungelenken Momenten verloren. (Dominik Kamalzadeh, 27.10.2016)

Ab Freitag im Kino

  • Die Zukunft als nachtdunkler Ort, an dem man in eine eher ungemütliche Zukunft als menschliches Ersatzteillager blickt: Clemens Schick mit Lena Lauzemis in Valentin Hitz' Filmdrama "Stille Reserven".
    foto: filmladen

    Die Zukunft als nachtdunkler Ort, an dem man in eine eher ungemütliche Zukunft als menschliches Ersatzteillager blickt: Clemens Schick mit Lena Lauzemis in Valentin Hitz' Filmdrama "Stille Reserven".

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