Uno: 22 Kinder bei Luftangriff auf syrische Schule getötet

27. Oktober 2016, 22:31
310 Postings

Unicef-Generaldirektor spricht von möglichem Kriegsverbrechen – Treffen der Außenminister Russlands, Syriens und des Iran am Freitag

Damaskus – In einer Schule in Syrien sind 22 Kinder und sechs Lehrer bei einem Bombenangriff getötet worden. Diese Zahl nannte der Generaldirektor des UN-Kinderhilfswerks Unicef, Anthony Lake, am Mittwoch. Er sprach von dem wohl schwersten Angriff auf eine Schule seit Beginn des Syrienkriegs. "Sollte der Angriff vorsätzlich ausgeführt worden sein, wäre er ein Kriegsverbrechen", sagte er.

Nach Angaben der Syrischen Zivilverteidigung wurden mindestens 26 Menschen getötet, darunter 20 Kinder. Die oppositionsnahe Syrische Beobachterstelle für Menschenrechte sprach ihrerseits von 15 getöteten Kindern.

Die Schule in der von Rebellen kontrollierten Provinz Idlib sei wiederholt angegriffen worden, beklagte Lake. "Es ist eine Tragödie, es ist eine Schande." Der Vorfall müsse die internationale Gemeinschaft aufrütteln. Es reiche nicht aus, Abscheu angesichts solcher "barbarischer Taten" zu zeigen. Die Welt müsse darauf bestehen, dass das aufhört.

Die syrische Zivilverteidigung berichtete, die Angriffe syrischer oder russischer Jets seien am Mittwoch auf Ziele in Haas in der Provinz Idlib geflogen worden. Nach Darstellung der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte hatten syrische oder russische Kampfflugzeuge mindestens sechs Luftangriffe auf Haas geflogen. Die in Großbritannien ansässige Beobachtungsstelle bezieht ihre Informationen von Aktivisten in Syrien. Ihre Angaben sind von unabhängiger Seite kaum zu überprüfen.

Rotes Kreuz will sich nicht festlegen

Der Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK), Peter Maurer, hat allen Konfliktparteien in Syrien vorgeworfen, das humanitäre Völkerrecht zu verletzen. Zum Angriff auf eine Schule im Dorf Hass meinte Maurer am Donnerstagabend in der "ZiB2", es sei "zu früh, darüber Urteile zu fällen". Oppositionsnahe Aktivisten lasten den Angriff russischen oder syrischen Flugzeugen an.

Solche Angriffe seien "inakzeptabel", betonte der Schweizer Diplomat. Er beklagte, "mit welcher Leichtfertigkeit von den Waffen Gebrauch gemacht wird und mit welcher Nachlässigkeit das humanitäre Völkerrecht respektiert wird".

Russland weist Verantwortung zurück

Die Sprecherin des Moskauer Außenministeriums, Maria Sacharowa, sagte hingegen am Donnerstag: "Wir haben nichts zu tun mit dieser furchtbaren Attacke." Der russische UN-Botschafter Witali Tschurkin hatte eine russische Beteiligung zuvor nicht ausgeschlossen. "Es wäre jetzt einfach für mich zu sagen: Nein", sagte Tschurkin. "Ich bin aber ein verantwortungsvoller Mensch. Ich muss nun erst einmal abwarten, was unser Verteidigungsminister dazu sagt."

Im Ringen um eine politische Lösung trifft sich der iranische Außenminister Mohammed Javad Zarif am Freitag mit seinen russischen und syrischen Kollegen in Moskau. Auch ein bilaterales Gespräch zwischen Zarif und dem russischen Außenminister Sergej Lawrow ist demnach geplant.

Ban Ki-moon fordert Ermittlungen

Uno-Generalsekretär Ban Ki-moon forderte "sofortige und unparteiische Ermittlungen". Sollte es sich um einen absichtlichen Angriff handeln, "könnte es sich um ein Kriegsverbrechen handeln", erklärte Bans Sprecher Stephane Dujarric am Donnerstag in New York.

Solche "Horror-Akte" kämen immer wieder vor, vor allem, weil die Urheber nicht verfolgt würden, kritisiert der Sprecher. Dies müsse sich ändern. Die oppositionsnahe Beobachtungsstelle für Menschenrechte machte russische oder syrische Flugzeuge für die insgesamt sechs Luftangriffe auf die Schule im Dorf Hass verantwortlich. Dabei sollen laut dem UNO-Kinderhilfswerk UNICEF 22 Kinder und sechs Lehrer getötet worden sein.

UNICEF-Generaldirektor Anthony Lake sprach von dem wohl schwersten Angriff auf eine Schule seit Beginn des Syrien-Kriegs. Russland, das in dem Bürgerkrieg Syriens Machthaber Bashar al-Assad mit Luftangriffen unterstützt, weist eine Verantwortung für das Schul-Bombardement zurück.

Erdogan will Armee nach Raqqa schicken

Im Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) plant die türkische Armee offenbar den Vormarsch auf deren Hochburg Raqqa. "Jetzt rücken wir auf Al-Bab vor", sagte Erdogan am Donnerstag im türkischen Fernsehen. Die vom IS besetzte Stadt Al-Bab liegt nahe der türkischen Grenze. "Danach werden wir Richtung Manbij vorstoßen und Richtung Raqqa", sagte Erdogan. Während Al-Bab und Raqqa im Norden Syriens zu den letzten und wichtigsten Städten in den Händen des IS zählen, steht Manbij unter Kontrolle syrischer Kurden. Ankara betrachtet die syrische Kurdenpartei Demokratische Union (PYD) und deren bewaffneten Arm, die Volksverteidigungseinheiten (YPG), als Terroristen.

Wie Erdogan weiter sagte, hat er US-Präsident Barack Obama am Mittwochabend in einem Telefonat über seine militärischen Absichten und seine Ablehnung einer Kurden-Beteiligung informiert. Im Kampf gegen den IS betrachtet Washington die YPG bisher als Partner. "Wir brauchen keine Terrorgruppen wie die PYD oder YPG", sagte Erdogan in seiner TV-Ansprache. "Kommt, lasst uns gemeinsam den IS aus Raqqa vertreiben. Zusammen schaffen wir das."

Sanktionen verschärft

Die Europäische Union hat ihre Sanktionen gegen das Regime von Machthaber Bashar al-Assad indes nochmals verschärft. Zehn weitere Mitglieder der syrischen Führung und ihres Umfelds sind nun von Vermögenssperren und Einreiseverboten in die EU betroffen, wie der EU-Ministerrat in einer Aussendung am Donnerstag mitteilte.

Den "hochrangigen Militärs und bedeutenden Persönlichkeiten mit Verbindungen zum Regime" wird unter anderem gewaltsames Vorgehen gegen die syrische Zivilbevölkerung vorgeworfen. Insgesamt stehen nun 217 Syrer auf der Sanktionsliste der EU. Zudem wurden laut EU-Angaben die Vermögenswerte von 69 Einrichtungen, darunter auch der Zentralbank, eingefroren. (APA, AFP, 27.10.2016)

  • Ein zerstörtes Klassenzimmer nach dem Angriff auf eine Schule in Haas in der syrischen Provinz Idlib.
    foto: apa/afp/omar haj kadour

    Ein zerstörtes Klassenzimmer nach dem Angriff auf eine Schule in Haas in der syrischen Provinz Idlib.

  • Artikelbild
    foto: apa/afp/omar haj kadour
Share if you care.