Erdbeben in Mittelitalien: Häuser zerstört, Tausende übernachteten im Freien

27. Oktober 2016, 11:15
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Mann starb an Herzinfarkt, Kind schwer verletzt – Erdstöße in jener Region, in der im August 298 Menschen starben

Rom/Macerata – Rund 3.000 Menschen haben nach drei schweren Erdbeben in der mittelitalienischen Region Marken am Mittwochabend ihre Wohnungen verlassen und im Freien, im Auto oder in Notunterkünften die Nacht verbracht. "Wir suchen nach Unterkünften. Wir können in dieser Jahreszeit keine Zelte aufschlagen", sagte der Chef des Zivilschutzes der Region, Cesare Spuri.

Ein Kind wurde in der Kleinstadt Camerino beim Einsturz der Wohnung seiner Eltern schwer verletzt, bestätigte Bürgermeister Mauro Riccioni. Das Kind sei ins Krankenhaus gebracht worden. Ein 73-Jähriger starb in der Stadt Tolentino an einem Herzinfarkt, wahrscheinlich infolge des Bebens. Er sei das erste "indirekte" Todesopfer des Bebens, sagte der Chef der Provinzbehörde, Stefano Di Iulio. Einige Menschen seien wegen leichter Verletzungen behandelt worden, berichtete Zivilschutzchef Fabrizio Curcio bei einer Pressekonferenz in der Stadt Rieti.

Rettungsteams im Dauereinsatz

An die 1.000 Kräfte von Rettungsmannschaften waren im Einsatz. "Der Rettungseinsatz hat gut funktioniert, vor allem wenn man bedenkt, dass das Erdbebengebiet besonders groß ist. Wir werden niemanden allein lassen", betonte Innenminister Angelino Alfano. Er versprach Hilfe für den Wiederaufbau der zerstörten Gemeinden.

Die Rettungsteams standen im Dauereinsatz, um sich einen Überblick über das Ausmaß der Schäden zu verschaffen. Ein Hubschrauber der Feuerwehr wartete noch auf besseres Wetter, um fünf Menschen in Sicherheit zu bringen, die in der Kleinstadt Acquasanta wegen eines vom Beben ausgelösten Erdrutsches eingeschlossen waren. Die Betroffenen seien aber unverletzt.

Laut Zivilschutzchef Curcio wurden zwar viele Gebäude zerstört oder beschädigt, doch war die Lage nicht so kritisch, wie es angesichts der Stärke der Erdstöße zu erwarten gewesen wäre.

Dutzende Nachbeben

Nur zwei Monate nach dem verheerenden Erdbeben in Mittelitalien, bei dem 298 Menschen starben, wurde die Region damit am Mittwochabend erneut von schweren Erdstößen erschüttert. Drei Erdbeben wurden gemessen, das Epizentrum lag in allen drei Fällen in der Ortschaft Visso, wo mehrere Gebäude einstürzten. Die Stärke variierte nach Angaben unterschiedlicher Erdbebenwarten zwischen 5,9 und 6,1 auf der Richter-Skala. Das Hypozentrum lag demnach in einer Tiefe von rund 8,4 Kilometern. Nach dem ersten Erdstoß um 19.11 Uhr wurden dutzende Nachbeben gemeldet. 30 davon wiesen eine Magnitude über 3,0 auf, teilte das nationale Institut für Geophysik und Vulkanologie mit.

In den Marken haben die Behörden die Räumung von drei Krankenhäusern angekündigt. Betroffen seien die Spitäler in Tolentino, Matelica und Cingoli, teilte Regionalpräsident Luca Ceriscioli in der Nacht auf Donnerstag auf Facebook mit. Die Patienten sollten in andere Einrichtungen in der Region gebracht werden. "Zurzeit werden Einstürze registriert", schrieb er.

Heftige Niederschläge

Wegen der Erdstöße, die auch in Rom und Neapel deutlich zu spüren waren, wurde das Personal des Außenministeriums in Rom evakuiert.

Vor allem in Macerata kam es zu Einstürzen von Häusern, berichteten italienische Medien. Hier kam es auch zu Stromausfällen, die Telefonleitungen waren unterbrochen. Die Feuerwehren erhielten zahlreiche Anrufe verängstigter Bürger. Viele von ihnen rannten auf die Straße. "Wir konnten nicht mehr aufrecht stehen. Alles zitterte. Es war fürchterlich", berichtete ein Zeuge in Visco. Trotz heftiger Niederschläge haben die Menschen die Nacht aus Angst vor weiteren Erdbeben im Auto verbracht.

Nach dem dritten Erdbeben gab es weitere Einstürze in der Ortschaft Visso. In der Kleinstadt San Ginesio nahe Macerata stürzten zwei Kirchen ein. Die Bürger rannten auf die Straße und wollten trotz heftiger Regenfälle die Nacht in ihren Autos verbringen. In der Stadt Camerino stürzte ein Kirchenturm auf ein Haus. Der Erzbischof von Spoleto-Norcia, Renato Boccardo, berichtete, dass die Kirche San Salvatore in Campi di Norcia, rund 20 Kilometer südlich von Visso, eingestürzt sei. Der Sender RAI zeigte Bilder von Trümmern vor einer Kirche in Visso.

Straßen gesperrt

Wegen Einstürzen entlang der Konsularstraße Via Salaria, die Rom mit den Marken verbindet, wurde die Verkehrsachse unterbrochen, was für erhebliche Verkehrsprobleme sorgte. Auch in Amatrice, Accumuli und Arquata, drei bereits beim Erdbeben am 24. August zerstörten Gemeinden, kam es erneut zu Einstürzen. Das neue Erdbeben löste Angst in der wegen des letzten Beben bereits schwer mitgenommenen Bevölkerung aus. Mehrere Städte wurden damals komplett zerstört. Das Epizentrum lag damals im Ort Amatrice in der Region Latium.

Laut der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik wurden die Erdbeben am Mittwochabend vereinzelt auch in südlichen Teilen Österreichs in höheren Stockwerken als langsames Schwanken des Gebäudes wahrgenommen. (APA, red, 27.10.2016)

Dieser Artikel wird laufend aktualisiert.

  • Eingestürzte Gebäude ...
    foto: apa / afp / tiziana fabi

    Eingestürzte Gebäude ...

  • ... in Borgo Sant'Antonio in der Nähe von Visso.
    foto: apa / afp / tiziana fabi

    ... in Borgo Sant'Antonio in der Nähe von Visso.

  • Menschen versuchen sich einen Überblick zu verschaffen.
    foto: ap//ansa/matteo crocchioni

    Menschen versuchen sich einen Überblick zu verschaffen.

  • Eine zerstörte Tankstelle in Visso.
    foto: apa/afp/tiziana fabi

    Eine zerstörte Tankstelle in Visso.

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