Garton Ash: "Internet ist die größte Kloake der Weltgeschichte"

27. Oktober 2016, 11:44
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Der britische Historiker erklärt in seinem neuen Buch, wie man mit Hass im Netz umgehen sollte

"Ist jemand im Saal gegen die Redefreiheit? Ist da jemand ohne Handy?", fragt der britische Historiker Timothy Garton Ash in den prall gefüllten Saal des Wien-Museums.

Sein neues Buch "Redefreiheit. Prinzipien für eine vernetzte Welt" befasst sich mit einer Welt, die durch die Vernetzung zu einer globalen Großstadt geworden ist. "Das Buch ist ein Manifest. Es ist ein Versuch einer besseren, stärkeren Zivilgesellschaft, in der wir eine gemeinsame Bühne aufbauen müssen", sagt der Historiker der Universität Oxford. "Wir müssen uns einig werden, wie wir uns uneinig sein können."

"Ignorieren Scheiße viel zu oft"

Durch das Internet seien wir mit der Hälfte der Welt verbunden, sagt Ash, Autor zahlreicher Bücher über europäische Geschichte und Politik, bei der Diskussion am Dienstagabend. Nach Wien kam Ash auf die Einladung des Instituts für die Wissenschaft vom Menschen (IWM).

Derart große Möglichkeiten für eine freie Meinungsäußerung habe es bisher nie gegeben. "Das Internet ist aber auch die größte Kloake der Weltgeschichte, voller Beschimpfungen, schädlicher und dummer Inhalte. Wir sollten auf schlimme Meinungsäußerungen mit mehr und besseren Meinungsäußerungen oder, kurz gesagt, mit Gegenrede reagieren. Wir ignorieren die Scheiße leider viel zu oft."

Das Buch stelle deshalb zwei grundlegende Fragen, sagt Ash: "Wie frei sollte die Rede sein, und wie sollte die freie Rede sein? Redefreiheit ist ein Lernprozess. Wir sind gerade erst am Anfang."

Große Hunde, große Katzen und Mäuse

Die Welt definiert Ash, zugleich regelmäßiger Kolumnist des "Guardian", mit einem Gleichnis: Es gibt große Hunde, große Katzen und Mäuse. Die Hunde sind Staaten, der stärkste darunter die USA. Die Katzen sind mächtige Unternehmen wie Facebook und Google. Wäre beispielsweise Facebook ein Land, hätte es viel mehr Einwohner als China. "Und die Mäuse sind wir Menschen. Aber auch gut vernetzte Mäuse können viel bewirken und auf große Hunde zugehen", sagt Ash in perfektem Deutsch.

Nach seinem Studienbeginn in Oxford hatte Ash kurz vor der Wende zuerst in West- und dann in Ostberlin weiterstudiert. In "Die Akte 'Romeo'" gab er seine Erfahrungen mit der selbst erlebten Stasi-Überwachung wieder. Sein 1997 erschienenes Werk nennt das nazistische Erbe als den Grundstein für die "zweite Runde der Diktatur" und die moderne Überwachung in Großbritannien.

"Gegenrede legitimiert Populismus"

In diesem Zusammenhang wirft die Philosophin Isolde Charim bei der Diskussion im Wien-Museum Ash ein zu enges Verständnis des Staates vor: "Der Staat nimmt in Ihrem Werk meistens die repressive Rolle an. Ihr Subjekt ist ein Subjekt der Aufklärung, eine etwas heroische Figur, welche die Gegenrede leistet und von keinen Gesetzen ermächtigt wird." Genau darin sieht die freie Publizistin und wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky-Forum das Problem: Die Gegenrede gegen die von Ash geortete "Scheiße" im Internet schaffe eine Legitimation für Phänomene wie Populismus und sei an sich nicht wirkungsvoll. "Nehmen wir zum Beispiel die Hasspostings auf Straches Facebook-Seite vor zwei Wochen: Die Gegenrede hatte keinen Einfluss. Erst als der Staat eingriff, wurden die Kommentare gelöscht."

Ash bleibt dabei, dass nicht jede "dangerous speech", jede Hassrede, an sich eine Hasspropaganda sein muss. "Es gibt so viel Quatsch, so viel Dummheit, aber nicht alles ist ernst gemeint. Vieles davon ist einfach nur Unsinn. Wir sollten die Hassrede nicht per se verurteilen. Vielmehr sollten wir eine gemeinsame Plattform schaffen, eine Art 'public space' wie im antiken Griechenland, der allen eine freie Meinungsäußerung ermöglicht", sagt er. Im Jahr 2011 hat er deshalb die Plattform freespeechdebate.com, die sich für eine globale Redefreiheit einsetzt und Inhalte in 13 Sprachen anbietet.

Die Gefahr der "Echokammern"

Das Internet habe mittlerweile sehr viele unterschiedliche Plattformen, Ash nennt sie Echokammern, in denen sich jeder austoben könne. In diesen Communitys von Gleichgesinnten würden Vorurteile bestätigt und verstärkt. Eine Möglichkeit der Gegenrede in Echokammern existiere hingegen kaum. Sie bringen die Gesellschaft damit weiter auseinander, darüber sind sich Ash und Charim einig. "Das Problem ist, dass wir nicht auf dem gleichen Feld spielen. Die Gegenrede funktioniert nicht wie eine der zwei Mannschaften beim Fußball. Wir brauchen eine gemeinsame Plattform und nicht noch mehr Polarisierung", sagt Charim.

Politische Korrektheit und Humormangel bedrohen Redefreiheit

"Beleidigt? Was soll daran schlimm sein?", heißt ein Kapitel in Ashs Buch. Auch in der Diskussion kritisiert er eine übertriebene politische Korrektheit in der heutigen Zeit. "Wir werden schnell sehr beleidigt." Das sei vor allem in den USA und in Großbritannien schon in die Absurdität getrieben worden. "An einer amerikanischen Universität hat ein Student zu einer gemischten Gruppe 'You guys' gesagt. Jetzt darf er sie nicht mehr so nennen – die Frauen in dieser Gruppe könnten sich ausgeschlossen fühlen."

Auch im Humormangel sieht Ash eine Bremse für die Redefreiheit. "Das sogenannte Veto des Mörders ist eine große Gefahr für die Redefreiheit und für die Satire. Wenn jemand sagt: 'Ich bringe dich um, wenn du das schreibst', und du schreibst es trotzdem, bist du immerhin nicht am eigenen Tod schuld." Ein Beispiel dafür sieht er im Anschlag auf das französische Satiremagazin "Charlie Hebdo" im Jänner 2015. "Das ist einfach ein verzerrtes Opfer-Täter-Verständnis und leider ziemlich verbreitet", sagt Ash. "Amos Oz hat mir einmal erzählt: 'Ich habe nie einen Fanatiker getroffen, der Humor hatte. Und nie jemanden, der Humor hatte und zugleich ein Fanatiker war.'" (Anja Malenšek, 27.10.2016)

Timothy Garton Ash
Redefreiheit
Prinzipien für eine vernetzte Welt

Verlag Hanser 2016
688 Seiten, 28,80 Euro

  • Der britische Historiker Timothy Garton Ash plädiert für Gegenrede gegen Hass im Netz.
    foto: iwm

    Der britische Historiker Timothy Garton Ash plädiert für Gegenrede gegen Hass im Netz.

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