"Népszabadság"-Journalist: "Das wäre eine Leichenschändung"

Interview27. Oktober 2016, 10:56
6 Postings

Vizechefredakteur Mártos Gergely über den Verkauf der ungarischen Mediengruppe und die Wiederkehr der regierungskritischen Zeitung

Am Dienstag hat die Wiener Investmentgesellschaft VCP ihre ungarische Zeitungsholding Mediaworks der Opimus Holding des ungarischen Oligarchen Lőrinc Mészáros verkauft, die Wettbewerbsbehörden haben im Eiltempo zugestimmt. Vor zwei Wochen hat VCP die regierungskritische Tageszeitung "Népszabadság" überfallsartig eingestellt und die Redaktion ausgesperrt. Márton Gergely ist Vizechefredakteur des "Népszabadság" und in diesen Tagen ein Sprecher der Belegschaft.

STANDARD: Was bedeutet der Verkauf der großen Zeitungsgruppe Mediaworks an einen Vertrauensmann von Regierungschef Viktor Orbán für den unabhängigen Journalismus in Ungarn?

Gergely: Ganz konkret bedeutet das für den Oligarchen Lőrinc Mészáros: Er bekommt jetzt ein Archiv in die Hände, das dokumentiert hat, wie er reich geworden ist. Vom Schulkameraden Viktor Orbáns und Installateur zum milliardenschweren Oligarchen. Die Redaktion und insbesondere eine – inzwischen verstorbene – Kollegin hat über zehn Jahre Machenschaften um Orbán und seine Oligarchen aufgedeckt und dokumentiert. Wir verlangen, unser Archiv herauszugeben.

STANDARD: Und für den regierungskritischen Journalismus insgesamt in Ungarn?

Gergely: Es gibt immer weniger Möglichkeiten, immer weniger Medien, um ihn zu betreiben. Wir gehen davon aus, dass die zwölf reichweitenstarken Regionalzeitungen von Mediaworks bis zum Frühjahr für einen publizistischen Dauerwahlkampf ausgerichtet werden: Man will die breite Bevölkerung mit dem Thema Migration einlullen – auch wenn es die praktisch nicht gibt. Und was Ungarn wirklich bedroht, die Korruption, wird totgeschwiegen.

STANDARD: "Népszabadság" berichtete ausführlich über Korruptionsfälle – und wurde zwei Wochen vor dem Verkauf der gesamten Zeitungsgruppe noch von den österreichischen Eigentümern eingestellt.

Gergely: Wir waren vermutlich nur der Knochen im großen Filet der Mediaworks: den reichweitenstarken Regionalzeitungen, einer Wirtschaftszeitung und einer Sportzeitung, die Orbán wegen der Olympiabewerbung sehr wichtig ist. Olympische Spiele wären die wirtschaftliche Krönung für Orbán und seine Oligarchen. Den lästigen Knochen hat man einfach rasch noch weggeschmissen. Es war offenkundig ein seit langem abgekartetes Spiel: Die Wiener VCP hat schon im Juni eine Anwältin in der Mediaworks eingestellt, die nun, nach der Übernahme durch Opimus, Mitglied des Verwaltungsrats wurde.

STANDARD: Die Opimus Holding gehört dem Orbán-Vertrauten Lörinc Mészarós ...

Gergely: ... den der Parteichef liberalen Partei Együtt, Péter Juhász, Orbáns Vermögensverwalter nennt. Mészarós setzt jedenfalls viele Wunschprojekte von Orbán um.

STANDARD: Was ist von der Ankündigung zu halten, dass Opimus "Népszabadság" wieder herausbringen könnte?

Gergely: Sie tun damit nur der Wiener VCP den Gefallen, ihre Kommunikationslinie fortzusetzen, die überfallsartige Einstellung wäre nur vorübergehend. Wenn Opimus die "Népszabadság" wieder herausbringt, wäre das nur eine Leichenschändung. Das hätte nichts mehr mit "Népszabadság" zu tun.

STANDARD: Wird es ein neues Medium der "Népszabadság"-Redaktion geben?

Gergely: Wir sind vorerst weiterhin Angestellte der Mediaworks, nun quasi von Opimus. Wir wollen die Ansprüche unserer Kollegen durchsetzen, die teils existenziell darauf angewiesen sind. Dann erst können wir an ein neues Medium denken. Und wir wissen, wie schwierig es wird in einem Land, in dem so viel Furcht herrscht – und so mit Medien umgegangen wird. (Harald Fidler, 27.10.2016)

Márton Gergely (39) kam mit 24 zur "Népszabadság" und blieb mit kurzen Unterbrechungen bei der ungarischen Tageszeitung. Ab 2008 war er Onlinechef, seit zwei Jahren ist er stellvertretender Chefredakteur.

Nachlese

Wiener VCP verkauft ungarische Zeitungsholding an regierungsnahen Oligarchen

"Népszabadság"-Vize sieht Bestrafung des kritischen Journalismus

  • Artikelbild
    foto: imago
Share if you care.