Nach Hurrikan in Haiti: "Fragen Sie NGOs, bevor Sie spenden"

Interview27. Oktober 2016, 13:52
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Die Hilfe nach dem Erdbeben 2010 wurde scharf kritisiert. Jetzt läuft es besser, sagt Experte Mark Schuller, doch Defizite bleiben

Als Hurrikan Matthew am 4. Oktober auf Haiti traf, kamen mindestens 546 Menschen ums Leben. Viele Orte wurden komplett verwüstet, laut Uno benötigen 1,4 Millionen Menschen in dem Karibikstaat dringend Hilfe. Zahlreiche internationale NGOs sind bereits vor Ort, um Unterstützung zu leisten. Vor sechs Jahren, als es ein verheerendes Erdbeben in Haiti gab, wurde die Hilfe ausländischer Organisationen noch scharf kritisiert. Die Vorwürfe: Sie würden die haitianische Bevölkerung ignorieren und nur ihre eigenen Pläne verfolgen. Wie diesmal die Hilfsmaßnahmen aussehen, erklärt Experte Mark Schuller im STANDARD-Interview.

STANDARD: Vor etwas mehr als drei Wochen hat Hurrikan Matthew Haiti getroffen. Wie beurteilen Sie die bisherigen Hilfsmaßnahmen?

Schuller: Aktuell ist es Stückwerk. In einigen Regionen ist Hilfe bereits angekommen, in anderen noch gar nicht. Es ist eine riesige logistische Herausforderung, weil viele Straßen zerstört wurden und Kommunikation, Entscheidungsfindung sowie ökonomische Ressourcen ausschließlich über die Hauptstadt Port-au-Prince laufen. Die Hilfsmaßnahmen laufen aufgrund dieser extremen Zentralisierung nur sehr langsam an. Auf der anderen Seite agieren Provinzregierungen sehr gut. Evakuierungen wurden geordnet durchgeführt, und es wird sichergestellt, dass Ressourcen in der Bevölkerung geteilt werden. Doch die Mittel sind zu gering, deshalb müssen rasch Lebensmittel- und Trinkwasserlieferungen eintreffen.

STANDARD: Inwiefern gibt es hier Parallelen beziehungsweise Unterschiede zur Reaktion auf das Erdbeben 2010?

Schuller: Soweit ich gehört habe, respektieren NGOs dieses Mal Haitis Behörden, anstatt sie zu ignorieren und einen eigenen Plan zu verfolgen. Einige Organisationen haben auch explizit versprochen, sich zu bessern. Außerdem hat die Regierung bereits mehrere Lageberichte veröffentlicht. Sie versucht also, besser und transparenter zu arbeiten. Ganz wichtig: NGOs sind gut darin, zu helfen, wenn man ihnen sagt, was sie tun sollen. Das muss von der internationalen Staatengemeinschaft kommen, ein großer, transparenter Plan unter Einbeziehung der Bevölkerung, wer wie und wo helfen kann. Davon hängt alles ab.

STANDARD: Immer wieder wird kritisiert, dass die Fehler nach dem Erdbeben dazu geführt haben, dass Haiti nicht auf den Hurrikan vorbereitet war. War tatsächlich alles schlecht nach 2010?

Schuller: Wenn man bedenkt, dass sechs Jahre vergangen sind und rund 16 Milliarden US-Dollar gespendet wurden, kann man sagen, dass die Ziele nicht erreicht wurden und es stattdessen viele negative Folgen gab. Haushalte wurden geteilt, damit Menschen mehr Lebensmittelhilfe bekommen, und somit Familienverbände gesprengt. Ausländisches Personal, das nur halb so qualifiziert war wie einheimisches, hat weit mehr verdient. Eine wichtige Lehre von damals ist wohl: Nur weil du weißt, wie man ein Wasserverteilungssystem bauen kann, heißt das nicht, dass du entscheiden darfst, wo du es baust. Technisches Know-how beinhaltet nicht lokale Entscheidungsfindung. Man muss die Bevölkerung einbinden, um zu erfahren, wo man was benötigt. Und: Humanitäre Hilfe muss die Schulung von Einheimischen beinhalten, damit sie auf die nächste Katastrophe vorbereitet sind. Das Gesamtfazit: Zu viele Menschen sind im Notfallmodus geblieben, und das hat Abhängigkeiten geschaffen.

STANDARD: Haitianer warnen in sozialen Medien davor, NGOs, mit denen sie schlechte Erfahrungen gemacht haben, Geld zu spenden. Würde man helfen wollen: Welche NGO sollte man unterstützen?

Schuller: Das ist ein großes Thema in Haiti. Ich möchte keine NGOs beim Namen nennen, sondern Folgendes vorschlagen: Fragen Sie NGOs, welche Strategie sie haben. Fragen Sie, welche Projekte sie planen und welche Partner sie haben. Fordern Sie sie auf, die Verbreitung von Fotos zu stoppen, die die Würde von Katastrophenopfern verletzen, um Spenden zu generieren. Und dann entscheiden Sie, ob Sie spenden – oder eben nicht.

STANDARD: Sie fordern dazu auf, jenseits der klassischen Katastrophenerzählung zu blicken. Was genau meinen Sie damit?

Schuller: Es geht darum, wer aus welcher Perspektive die Katastrophenerzählung vorträgt. Im Fall Haitis sind Haitianer eigentlich keine Akteure, sondern lediglich Opfer ohne eigenen Willen. Dadurch wird die ausländische Einflussnahme legitimiert. Diese Erzählung hat beim Erdbeben vor sechs Jahren zwar 16 Milliarden US-Dollar an Spenden generiert, aber auch die Einheimischen von der Geschichte ausgeschlossen. Dieses Mal sollte die Erzählung lauten: Die haitianische Bevölkerung hat ihr Bestes getan, um auf die Katastrophe vorbereitet zu sein, doch es fehlt an Ressourcen. Und erst an diesem Punkt kommt ausländische Hilfe ins Spiel – nicht früher. (Kim Son Hoang, 27.10.2016)

foto: privat
Mark Schuller (42) ist an der Northern-Illinois-Universität Dozent für Anthropologie und NGO-Führung sowie -Entwicklung. Außerdem ist er Partner der ethnologischen Fakultät der Universität von Haiti. Er hat mehrere Bücher über die Arbeit von NGOs in Haiti geschrieben.
  • In Saint-Jean-du-Sud in Haiti wird dort, wo Lebensmittellieferungen verteilt werden, gedrängelt und gekämpft. Hilfe läuft nur sehr langsam an, es mangelt an Nahrung und Trinkwasser.
    foto: reuters/andres martinez casares

    In Saint-Jean-du-Sud in Haiti wird dort, wo Lebensmittellieferungen verteilt werden, gedrängelt und gekämpft. Hilfe läuft nur sehr langsam an, es mangelt an Nahrung und Trinkwasser.

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