Tauwetter lässt die Berge bröckeln

27. Oktober 2016, 05:30
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Durch den Klimawandel steigen die Temperaturen. Das hat Folgen für den Permafrostboden – in der Arktis wie in den Alpen

Innsbruck – Es waren gewaltige Felsmassen, die im April dieses Jahres in Prags in Südtirol zu Tal stürzten. 300.000 Kubikmeter Geröll lösten sich vom Gipfel der 2860 Meter hohen Kleinen Gaisl. Als Grund dafür nannten die Landesgeologen auftauenden Permafrostboden. Immer wieder kam es in den vergangenen Jahren in den Alpen zu großen Felsstürzen. Und immer mehr Zeichen deuten darauf hin, dass dies mit dem Klimawandel zu tun hat.

Der Paläoklimatologe Marc Luetscher vom Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung in Innsbruck ist den Auswirkungen steigender Temperaturen auf den Permafrostboden auf der Spur. Dazu forscht er in Höhlen: "Weil dort die Sedimente vor Oberflächenerosion geschützt sind." Im Fokus seiner Arbeit stehen die vergangenen 10.000 Jahre der Erdgeschichte. In dieser Zeit kam es immer wieder zu sogenannten Warmphasen. Luetscher will herausfinden, wie sich der Permafrost angesichts solcher Temperaturschwankungen verhalten hat.

Hinweise finden

"Es gibt Hinweise, dass es Extremereignisse gab, die mit dem Tauen des Permafrosts zu tun hatten", sagt der Experte. Die Schwierigkeit seiner Arbeit besteht nun darin, Hinweise auf solche Ereignisse zu finden. Denn historische Daten seien auf die vergangenen 500 Jahre begrenzt. Und in dieser Zeit habe ein vergleichsweise "kälteres Klima" in unseren Breiten geherrscht. Aktuell, so Luetscher, steigt die atmosphärische Temperatur sehr schnell, was dem Klimwandel geschuldet sei.

Durch die rasche Erwärmung verändert sich die sogenannte Null-Grad-Isotherme, also jene Höhe, auf der die Temperatur null Grad Celsius beträgt. Sie startet derzeit bei rund 2300 Metern Seehöhe. Allerdings ist diese Grenze je nach Faktoren wie etwa Hangausrichtung variabel, sagt Luetscher. Steigt diese Isotherme, so taut auch der Permafrostboden, der wie ein Kitt wirkt und die Berge zusammenhält. Im Montblanc-Massiv haben Forscher mittlerweile nachgewiesen, dass die Zunahme an Steinschlägen ursächlich mit dem tauenden Permafrost zusammenhängt.

Für die Alpen hat das gravierende Auswirkungen, obwohl Permafrost nur rund fünf Prozent der Fläche ausmacht. So kommt es immer häufiger vor, dass sich Seilbahnstützen plötzlich bewegen, weil der Untergrund taut. Aber auch Hütten und Hochgebirgsstraßen bröckelt förmlich der darunterliegende Boden weg. Darauf zu reagieren ist in erster Linie eine technische Herausforderung.

Zunahme von Felsstürzen

So gibt es Versuche mit Bauten, die auf hydraulischen Fundamenten stehen und sich so den Bewegungen des Bodens anpassen können. Auch im Umweltministerium hat man sich bereits mit dem Thema auseinandergesetzt. Unter dem Titel "Rock 'n' Roll am Berghang" wurde im Vorjahr eine Broschüre herausgegeben, die die Menschen mit "Ursachen, den Risiken und dem Umgang mit Steinschlaggefahr vertraut machen soll". Wegen des abschmelzenden Permafrostbodens sei in Zukunft mit einer Zunahme von Felsstürzen zu rechnen.

Noch dramatischer sind die Effekte des tauenden Permafrostbodens in der Arktis. Denn abgesehen von technischen Problemen, wie versinkenden Pipelines und Straßen, schloss der gefrorene Boden dort bisher riesige Mengen organischer Ablagerungen ein, die nun freigesetzt werden. Luetscher versucht mit seiner Arbeit Rückschlüsse auf die Folgen der Remobilisierung von Kohlendioxid und Methangas zu ziehen.

Die Forschungen zur Geschichte des Permafrostbodens stehen noch am Anfang. "Wir haben bisher nur sehr wenige Informationen", sagt Luetscher. Umso wichtiger sei es zu verstehen, wie sich diese klimatischen Veränderungen in der Vergangenheit auf den Permafrostboden ausgewirkt haben: "Denn dieses Thema wird uns noch lange beschäftigen." (Steffen Arora, 27.10.2016)

  • Im Koschutamassiv in den Kärntner Karawanken ereignete sich 2012 ein Felssturz: 1500 Quadratmeter brachen aus einer Felswand aus.
    foto: apa/polizei

    Im Koschutamassiv in den Kärntner Karawanken ereignete sich 2012 ein Felssturz: 1500 Quadratmeter brachen aus einer Felswand aus.

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