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Reportage27. Oktober 2016, 07:21

Eines kann Richard Ojeda gar nicht leiden. Wenn sich jemand lustig macht über West Virginia und dessen Bewohner, schwillt ihm der Kamm. Dann ballt er, so wie er es jetzt in einem Footballstadion tut, die Fäuste und beugt sich angriffslustig nach vorn, während er mit dröhnender Stimme das Klischee von den Hillbilly-Hinterwäldlern zerpflückt.

"Der Stahl, mit dem diese Nation aufgebaut wurde, wurde mit der Kohle aus unseren Bergen erzeugt", sagt er zornig. "Und wenn Amerika Krieg führte, hat niemand mehr Leute in diese Kriege geschickt als wir." Pro Kopf der Bevölkerung, versteht sich. Es gibt unzählige Witze über West Virginians, die vom Rest der USA etwa so behandelt werden wie hierzulande die Burgenländer. Weil der Demokrat Ojeda glaubt, dass auch Parteifreunde wie Barack Obama und Hillary Clinton seinesgleichen insgeheim belächeln, will er demnächst Donald Trump im Weißen Haus sehen.

"Wild und wundervoll"

Ein lauer Freitagabend im Oktober, der 46 Jahre alte Ex-Soldat muss ein bisschen schreien, weil zur Pause eine Blasmusikkapelle über den Rasen marschiert. Highschool-Football, der gesellschaftliche Höhepunkt der Woche. Während die Mingo Miners den Gästen aus Chapmanville keine Chance lassen, schwärmt Ojeda von den Naturschönheiten ringsum. Als "wild und wundervoll" lobt sich der Staat in den Appalachen, und tatsächlich ist die Landschaft grandios. Schluchten, Wildbäche, bewaldete Bergkuppen.

Ojeda ist hier aufgewachsen, und als nach der Schule die Weichen fürs Berufsleben zu stellen waren, stand er – mangels Alternativen – vor einer einfachen Wahl. Kohle oder Armee? Nahezu alle Männer in seiner Familie waren in den Schacht eingefahren, ein Opa bezahlte es mit seinem Leben, fast alle rieten ihm: bloß nicht in die Kohle! Er nahm es sich zu Herzen und ging zur Marineinfanterie, die ihn nach Deutschland, Südkorea und Haiti beorderte und zweimal in einen Krieg schickte, in Afghanistan und im Irak. Nach 24 Jahren beim Militär kehrte er zurück ins Coal-Country, wo er nun für einen Sitz im Bundesstaatensenat kandidiert. Im Mai wurde Ojeda brutal zusammengeschlagen, im Auftrag eines Rivalen, glaubt er. Die Attacke hat ihn nur angestachelt: Major Ricky, wie viele ihn nennen, versteht sich als Rebell, der die alten Seilschaften aufmischt. Und das, sagt er, verbinde ihn mit Donald Trump.

foto: frank herrmann
Der Demokrat Richard Ojeda im Footballstadion der Mingo Miners. Der Kandidat für den Bundesstaatensenat empfiehlt ausdrücklich Donald Trump zur Wahl.

Natürlich nehme er dem Mann nicht alles ab, was er verspreche. Doch zumindest wisse Trump, wo West Virginia liege. Letzteres, schimpft Major Ricky, könne man von Obama ja nicht behaupten. Der führe regelrecht Krieg gegen die Kohle, seine Umweltpolitik habe die Region in den Ruin getrieben. Im Irak, blendet Ojeda zurück, habe sich Uncle Sam mit vielen Milliarden verschuldet, um die kaputte Infrastruktur zu reparieren. "Wieso können wir nicht ein paar Milliarden auftreiben, damit jeder Landkreis im Coal-Country ein sauberes Kohlekraftwerk bekommt?" Das Weiße Haus, wettert Ojeda, habe West Virginia abgeschrieben, als gehöre es schon nicht mehr zu den Vereinigten Staaten. "Wer dieses Desaster verlängern will, der soll Clinton wählen."

foto: frank herrmann
"Wir sind nur noch ein Schatten dessen, was wir einmal waren", glaubt Ed Shepard, der eine Autowerkstatt in Welch betreibt.

Verdecktes Elend

Die Kleinstadt Welch liegt gut eine Autostunde vom Stadion der Mingo Miners entfernt. Die Fahrt führt durch malerische Täler, weiße Kirchturmspitzen leuchten in der Sonne. Das Postkartenidyll verdeckt das Elend in den Trailerparks, wo die verarmte Unterschicht in besseren Campingwagen haust. In Welch hat ein Künstler blühende Stadtlandschaften an eine Hauswand gemalt, was wohl aufmuntern soll, aber schnell wie Hohn wirken kann. Gegenüber betreibt Ed Shepard eine kleine Autowerkstatt und freut sich schon, wenn einmal pro Woche ein Kunde aufkreuzt. "Wir sind nur noch ein Schatten dessen, was wir einmal waren, nur noch ein Geist. Eine Geisterstadt", sagt der alte Mann in einem Tonfall, der mehr nach nüchterner Bilanz klingt als nach Wehklagen. Zur Blütezeit, hat Shepard irgendwo gelesen, gehörte Welch zu den zehn reichsten Städten des Landes. Heute ist aller Wohlstand verschwunden. United Cigars, Sterling Billiards, Flat Iron Drug Store, all die Läden auf dem Wandbild – aufgegeben, verwahrlost, zugenagelt.

foto: frank herrmann
Hillary Clinton sei nicht ehrlich, sagt die 24-jährige Studentin Trista Lester.

Trista Lester genügt ein einziger Satz, um die Perspektivlosigkeit zu beschreiben. "Alle meine Freunde sind entweder im Knast oder auf Drogen", sagt die 24-Jährige, die in einer Apotheke aushilft, um ihr Fernstudium zu finanzieren. Auch Trista Lester wird wohl für Trump stimmen, obwohl sie verstörend findet, wie er sich über Frauen auslässt. "Na ja, Hillary mag ich noch weniger. Sie ist nicht ehrlich, sie sagt immer nur, was die Leute hören wollen."

"So einem sind wir doch herzlich egal"

Ed Shepard begegnet dem Wunderglauben an die Unternehmerqualitäten des schrillen Baulöwen mit der Skepsis eines Mechanikers, der etwas von technischen Prozessen versteht. "Was hat denn der ganze Zirkus mit unserer Wirtschaftslage zu tun?", fragt er genervt. Dass in den Kohletälern Zehntausende ihren Job verloren hätten, liege doch vor allem an den Maschinen, die massenhaft Menschen ersetzten. Ihm sei schleierhaft, was ein Donald Trump dagegen tun wolle, sagt Shepard und zieht sich mit einem Ruck seine Baseballkappe tief in die Stirn. "Und überhaupt, einem Milliardär, der an der Fifth Avenue in Manhattan wohnt, so einem sind wir doch herzlich egal." Es ist eine Stimme, wie man sie selten hört im Süden West Virginias. Die meisten klammern sich an die Hoffnung auf ein Trump-Wunder.

Rick Abraham hat auf ein fünf Meter breites Poster drucken lassen, was er von Hillary Clinton hält. Stabile Gitterstäbe, dahinter ihr Konterfei. Wegen der Sache mit den E-Mails, will Abraham damit kundtun, gehört die Kandidatin hinter Schloss und Riegel. Zwar sind die Vorwürfe, Recht gebrochen zu haben, weil sie für ihre dienstliche Korrespondenz einen privaten Server benutzte, erst einmal vom Tisch. Abraham sieht das anders: "Hätte ich so etwas getan, säße ich heute bestimmt im Knast". Eine Zeitlang hat er sogar überlegt, eine Gefängniszelle nachzubauen und aufs Dach seiner Firma zu stellen.

foto: frank herrmann
Der Kleinunternehmer Rick Abraham will Hillary Clinton lieber hinter Gittern sehen als im Weißen Haus.

Der wuselige Mittelständler macht gute Geschäfte, seit er den Einfall hatte, Seile aus Stahl mit einem Plastemantel in grellen Signalfarben zu umhüllen, sodass Bergleute in Not an der Leine entlang den Weg aus der Grube finden können. Ins Hillbilly-Raster passt er nicht recht, schon gar nicht mit seiner Einwanderergeschichte. Seine Großväter kamen Anfang des 20. Jahrhunderts aus dem heutigen Libanon, damals noch Teil des Osmanischen Reichs, in die Neue Welt. Beide waren Muslime. Wenn Abraham von den Altvorderen erzählt, betont er als Erstes, dass sie einen Atlantikdampfer bestiegen, um Amerikaner zu werden. Nicht, um Libanesen oder Osmanen oder was immer zu bleiben. "Schaue ich heute nach Europa und sehe, wer alles aus der islamischen Welt kommt, nur um zu bleiben, was er immer war, dann sehe ich Leute, die sich nicht anpassen wollen." In Abrahams Weltsicht ist Trump der Garant dafür, dass sich die "Multikulti-Naivität" der Europäer in den USA nicht wiederholt.

foto: frank herrmann
Welch, einst die wohlhabendste Stadt West Virginias, ist heute eine Geisterstadt.

Woher aber kommt die Wut auf Clinton? Spricht man mit Ojeda, dessen Vorfahren übrigens aus Mexiko stammen, klingt es nach einem Scheidungskrieg, der umso erbitterter ausgetragen wird, weil die Ehepartner so lange miteinander verheiratet waren. Über Generationen war es das Blau der Demokratischen Partei, das die politische Landschaft West Virginias beherrschte. Eine gewisse Entfremdung hatte sich abgezeichnet, schon früher hat der "Mountain State" für republikanische Präsidentschaftsbewerber gestimmt, 1984 für Ronald Reagan, 2000 und 2004 für George W. Bush, 2008 für John McCain, 2012 für Mitt Romney. Doch auf so verlorenem Posten wie diesmal standen die Blauen noch nie. Die Schuld sieht Ojeda bei jenen Demokraten, die heute in Washington den Ton angeben. Als Clinton neulich vom Korb der Beklagenswerten sprach, in den man die Hälfte der Trump-Anhänger sortieren könne, klang es in seinen Ohren nach einem besonders gemeinen Hillbilly-Witz. Seine Eltern haben ihm eingeschärft, "du bist Demokrat, weil nur die Demokraten etwas für arbeitende Menschen tun". Republikaner, das habe sich damals angehört wie ein Fluch. Es wird Zeit, sagt Ojeda, dass seine Partei sich wieder auf ihre Wurzeln besinne. (Frank Herrmann aus Welch, 27.10.2016)