Berliner Hexerei: Farben, hergestellt aus Algen

16. Jänner 2017, 16:25
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Algen gelten als ekliges Kraut – nicht für das Berliner Designduo Blond & Bieber, das Textilien mit Farben aus glitschigen Einzellern bedruckt

Als im Sommer 2013 Berlin von einer Algenplage heimgesucht wurde und Seen und Teiche unter dem grünen Unkraut zu ersticken drohten, brachte dies zwei junge Frauen auf eine Idee.

Mehr als drei Jahre später steht Rasa Weber im hohen Raum ihres Ateliers im Bezirk Weißensee, das nicht wie die klinische Entwicklungsstätte eines Industriedesigners wirkt, sondern wie ein Raum für wildes Werken. Kartons stapeln sich, Skizzen hängen an den Wänden, Farbflecken auf dem Boden. Sie greift nach einem Karton, öffnet ihn und holt ein cremefarbenes Hemd zum Vorschein. Es ist mit grün-blauen Ornamenten und Mustern bedruckt.Der Clou: "Wir sind damals auf die Idee gekommen, aus Algen Farben herzustellen. Erst ein wenig später haben wir festgestellt, dass diese Algen-Farben im Sonnenlicht oxidieren und somit ihre Farbe verändern. Aus Grün wird so zum Beispiel Blau. Und das hat dem Ganzen noch einmal diesen neuen Aspekt der biodynamischen Farben hinzugefügt. Die Stoffe verändern sich mit der Zeit. Das hat uns gefallen."

Die Frau mit den dunklen Haaren ist die Hälfte des Designstudios Blond & Bieber, das sie mit ihrer Partnerin Essi Johanna Glomb betreibt. Beide haben ein Designstudium an der Kunsthochschule Weißensee abgeschlossen. Und schon seit geraumer Zeit sind sie so etwas wie die Shooting-Stars der Berliner Designszene, um die sich auch Forschungsinstitute reißen. Mit ihrer Mischung aus Alchemielust, Forschungsgeist, Konzeptionstalent und Experimentierfreude hat sich Blond & Bieber einen Namen gemacht.

Druckpaste aus Algen

Weber hat sich an das Fraunhofer-Institut gewandt, wo mit Algen als Lieferant für Öl experimentiert wird. Dort hat sie sich das notwendige wissenschaftliche Rüstzeug zugelegt. Mit verschiedenen Sorten der Spirulina, auch Blaualge genannt, in der Tasche ging es dann nach Hause, wo experimentiert wurde und schließlich die Herstellung einer Druckpaste gelang, mit der sich Textilien besonders gut und auch ökologisch bedrucken lassen – mittlerweile sogar in fünf Farbtönen, darunter auch Rot. Hierzulande gilt die Alge ja immer noch als ekliges Kraut. "Für mich war es spannend zu sehen, wie kulturell unterschiedlich Algen wahrgenommen werden können", erzählt Weber, die in Osnabrück geboren wurde und in Wien aufwuchs. "In China gab es damals auch eine Algenplage. Und dort sind die Menschen an die Küste gegangen und haben ihre Körper mit Algen bedeckt, weil sie als gut für die Gesundheit gelten." Althergebrachte Wahrnehmungen durchbrechen, übliche Anwendungen hinterfragen, neue Geschichten erzählen – das sind die Designrezepte von Blond & Bieber.

Die Berliner Modedesignerin Ylenia Gortana kreierte eine erste Kollektion mit Kleidungsstücken, die mit den Algen-Pigmenten bedruckt wurden. Heute arbeiten Weber und Glomb mit verschiedenen Kreativen zusammen, auch mit Schuhdesignern wie Trippen, für die sie gerade an einer neuartigen Färbungsmethode forschen. "In der Saftindustrie bleiben Johannisbeerschalen als Abfallprodukt zurück", erklärt Weber. "Und die eignen sich sehr gut, um verschiedene Blau- und Violetttöne herzustellen."

Wer bedenkt, dass ethische und ökologische Wertvorstellungen für den Konsumenten immer wichtiger werden, wird erahnen, wie groß das Potenzial für eine rein ökologische Färbungsmethode in der Industrie sein müsste, vom Heimtextil bis zum Kleidungsstück. "Im Moment produzieren wir Einzelstücke für einen kleinen Markt von Leuten, die sich für die Geschichte hinter den Algen interessieren", meint Weber. "Aber wir sind überzeugt, dass das Potenzial der Algenfarben sehr groß ist. Also entwickeln wir unsere Farben in Zusammenarbeit mit Forschungsinstituten so weiter, dass sie auch in einem größeren Maßstab und in einem industriellen Kontext funktionieren würden. Wie auch zum Beispiel für Möbelanwendungen."

Neues Designverständnis

Längst sind die beiden Frauen für ihre innovative Arbeit mit zahlreichen Designpreisen ausgezeichnet worden. Sie kooperieren mit verschiedenen Institutionen, die nach neuartigen Materialanwendungen suchen. Der sogenannte "Algaemy", eine Maschine, die sie für das Bedrucken von Textilien mit Algen entwickelt und gebaut haben, wurde bereits im New Yorker Microsoft-Headquarter ausgestellt oder aktuell im Design-Museum von London. Zudem werden sie von Forschungseinrichtungen, Konferenzen und Unternehmen eingeladen, wo sie Vorträge über ihr neues Verständnis von Design halten.

Blond & Bieber arbeitet mit einem Designbegriff, der offener, vielleicht sogar philosophischer gefasst ist. "Design bedeutet nicht nur, dass man schöne und nützliche Dinge herstellt", erklärt Weber, "sondern auch, dass man eine Kooperation mit Instituten anstrebt, um in einem interdisziplinären Verfahren herauszufinden, ob es für bestimmte Materialien, Stoffe oder Produkte auch andere Verwendungsmöglichkeiten oder Geschichten gibt, auf die man in der Wissenschaft nicht unbedingt kommt." In diesem Falle wird der Designer zum Geburtshelfer. Weber: "Wir versuchen, das Potenzial aus diesen Dingen herauszukitzeln und sie so zu übersetzen oder anwendbar zu machen, dass Leute sie eben anfassen oder darüber reden können."

Im Falle der Algenfarben ist den Berlinerinnen die Geburtshilfe zweifelsohne gelungen. Ganz sicher war da auch Magie im Spiel. (Ingo Petz, RONDO, 16.01.2017)

  • Rasa Weber und Essi  Johanna Glomb beim  Farbenanmischen an  ihrer Maschine namens  "Algaemy".
    foto: lukas olfe, blond & bieber

    Rasa Weber und Essi Johanna Glomb beim Farbenanmischen an ihrer Maschine namens "Algaemy".

  • Nach unzähligen Experimenten gelingt es dem Duo Blond & Bieber, Textilien mit Substanzen aus Algen zu bedrucken.
    foto: lukas olfe, blond & bieber

    Nach unzähligen Experimenten gelingt es dem Duo Blond & Bieber, Textilien mit Substanzen aus Algen zu bedrucken.

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