Kassandra, Teil 2

Glosse26. Oktober 2016, 10:00
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Ich bin zu keiner Zeit so schön, dass mir griechische Götter nachstellen und mir die Gabe der Hellseherei zusammen mit dem Fluch des Unglaubens bescheren. Manchmal ergeht es mir trotzdem wie Kassandra. Besonders als der Krieg das Denken der Menschen verwüstete

Die Familie von Radica ist eine der ersten aus Serbien, die in den späten 1950er-Jahren ein Sommerhaus in Sutivan bauen. Es gerät eng und ungelenk, weil das schlauchförmige Grundstück zwischen zwei viel ältere Häuser eingezwängt ist. Die Fassade ist nur sechs bis sieben Meter breit, das Haus jedoch fast 20 Meter lang. Es ist dunkel, verwinkelt und nur für die Erbauer (irgendwie) schön. Dafür sieht man direkt auf die Adria, wenn man aus der Türe tritt. Und niemand kann diesen Ausblick je zubauen, weil dieses Haus in der "ersten Reihe zum Meer" steht, wie das so schön in der Sprache des Grundbuchs heißt.

Der Schutzengel

Später, in den 1960ern, ist Radica eine schöne junge Frau. Und ein Stivanjanin buhlt um ihre Gunst. Leider erfolglos. Was vielen Männern und überall auf der Welt widerfährt. Doch im Sommer 1993 holt diese Zurückweisung Radica ein. Der verschmähte Liebhaber aus den 1960ern – so behauptet es Radica, als sie mir ihr Leid klagt – nimmt die Gelegenheit wahr, die ihm die Zeit des Krieges bietet, um sich zu rächen. Er drangsaliert, wo und wie er nur kann: mit gezischten Beleidigungen, Schmierereien an der Fassade und peinlichen Zurufen bei zufälligen Begegnungen. Den Idioten, um den es in dieser Klage geht, kennt man im Dorf: Ein notorischer Nörgler, Querulant und Ungustl, den die anderen Stivanjani nur "Der Würger" nennen. Nicht weil er ein Serienkiller wäre, sondern weil er jeden, der nicht schnell genug entkommt, in dümmliche Monologe verwickelt, die seinem Opfer die Luft abschnüren.

Um den Würger loszuwerden, entwickeln die Stivanjani zwei Methoden. Eine ist plump, und die andere kostet den Preis eines Pelinkovac. Entweder man geht kurz aufs Klo und biegt heimlich ab, oder man spendiert ihm einen Pelinkovac. Er läuft dann zur Bar, um persönlich zu überwachen, ob die Kellnerin sein Glas auch ja bis zum 2-cl-Strich abfüllt, bevor sie die Eiswürfel dazufügt. Diesen Moment nutzt man dann zum Abgang. Die meisten Stivanjani aber ignorieren "den Würger" einfach. Und genau das – so sage ich Radica – sollte sie auch.

Der Wachhund aus Vitez

Aber Radica hat eine andere Idee. Eine bessere. Eine von jenen besseren Ideen, die am Ende zum Feind der guten Idee wird: Radica will einen Wachhund. Doch keinen, der nur bellt und beißt, sondern einen, der notfalls auch schießt. Es ist ein Polizist aus Vitez in Bosnien. Er soll kostenlos bei Radica wohnen, sie wird für ihn kochen und seine Wäsche waschen. Dafür soll er sie vor dem "Würger" beschützen. Dieser Polizist ist bosnischer Kroate und verbringt je eine Woche an der Front bei Vitez und eine Woche in Sutivan. In Sutivan ist er, weil sein Dorf in Bosnien schon am Beginn des Krieges von den nichtkroatischen Einwohnern des Nachbardorfes eingeäschert wird. Und nach Vitez kehrt er jede Woche zurück, nicht um die Asche seines Dorfes zurückzuerobern, sondern um bosnische Kroaten gegen Geld aus dem Kriegsgebiet nach Kroatien zu schmuggeln. Was hinter vorgehaltener Hand jeder in Sutivan weiß.

Ihr ahnt nun schon, wohin diese Geschichte geht: Ich warne Radica, dieser "Polizist" werde ein Wachhund sein, der sie böse beißen wird, Radica hört nicht auf meine Prophezeiung, die selbstverständlich prompt eintritt. Ja! Genauso kommt es. Und sogar schlimmer: Der Polizist aus Vitez nötigt Radica nicht nur ihr gesamtes Erspartes ab, sondern zwingt sie mit Psychoterror und Pistolenfuchteln, ihren Sohn, der in den USA lebt, dazu zu bringen, auch seine Konten zu plündern. Nach nur zwei Monaten zieht der Polizist nach Supetar um. Weil er ein Apartment mit Meeresblick kauft.

Ich kann nicht viel mehr tun, als die ausgeplünderte Radica für den Rest des Sommers alle paar Tage zu besuchen und ihr Mehl, Öl und Teigwaren zu bringen. Das und die Pakete ihres Sohnes sind nun der Grundstock ihrer Ernährung. Ich rede nie über den Polizisten, doch kurz vor meiner Abfahrt, bei meinem letzten Besuch, sagt sie beim Abschied nur: "Du hattest recht mit diesem Hund."

Der Fluch des Fremden

Im selben Sommer sitze ich mit Jadranka in der Caffe Bar Marina im Hafen, wir trinken Hochprozentiges. Jadranka feiert den Erwerb ihrer neuen Wohnung in Split. Und mit Erwerb ist Raub gemeint.

Jadranka nutzt die Gelegenheit, als sie zwei Wochen Urlaub von ihrer Einheit bekommt, und marschiert in Uniform und mit entsichertem Sturmgewehr in die Wohnung eines pensionierten Offiziers der Volksarmee. Der Pensionist ist längst von der kroatischen Militärpolizei vertrieben, die Wohnung steht seit Wochen leer. Die Adresse und die Erlaubnis, mit dem Stiefel die Tür aufzusperren, bekommt Jadranka von einem Cousin, der bei der Militärpolizei arbeitet.

Nun schwärmt sie vom Inhalt der Wohnung: neben Vollmöblierung auf 75 Quadratmetern auch eine wertvolle Sammlung historischer Schiffsmodelle und gleich zwei Amphoren. Hier, so schwärmt Jadranka, will sie eine Familie gründen, sobald sie die Uniform ablegt und die AK-47 der Republik zurückgibt. Der serbische Pensionist wird es nie wagen, zurückzukommen. Und wenn doch, dann hat Jadranka noch ihre Tokarew-Pistole. Die sie der Republik nicht zurückgibt.

Ein Ehemann ist ja auch da, Jadrankas unmittelbarer Vorgesetzter, Korporal Vladimir. Was kann da noch schiefgehen? So fragt Jadranka mich, sich und wahrscheinlich auch Gott. Ich gratuliere ihr zur Vermählung. Vor lauter Modellschiffen und Amphoren in "ihrer" neuen 75-Quadratmeter-Wohnung vergisst Jadranka, dieses "Detail" zu erzählen. Ich bin betrunken genug, um eine Gedankenwolke über ihrem Kopf zu sehen. Darin sitzen Soldatin Jadranka und Korporal Vladimir auf einer Couch. Vor ihnen ist ein großer TV-Apparat, links und rechts jeweils eine römische Amphore, in die Vladimir Lautsprecher einbaut. Zu ihren Füßen wuselt eine Schar Kinder in kroatischen Armeeuniformen.

"Tuđe je prokleto!"

Das Loch in dieser Wolke ist der Volksmund. Man sagt: "tuđe je prokleto!" – Fremdes ist Verfluchtes! Seit die Slawen hier siedeln (und sicher auch davor), gilt fremdes Eigentum, wenn man es zum eigenen macht, als vom Fluch belegt. Obwohl die Slawen Generation um Generation ihren Kindern eintrichtern, das Eigentum anderer nicht zu rauben, hält sich keine Generation daran. Schließlich kennt auf diesem Teil des Balkans jeder einen oder zwei Slawen, die Fremdes rauben und damit eine Bar eröffnen, ohne dass sie irgendein Fluch je trifft.

Deswegen sage ich zu Jadranka: "Schiffsmodelle? Amphoren? Fünfundsiebzig Quadratmeter und Vollmöblierung? Welchen Rang hatte dieser pensionierte Offizier, der (...) hm (...) weggelaufen ist?" Jadranka sagt, die feige Sau sei ein Oberst i. R. gewesen. "Ja – sage ich – das passt besser zu dieser Wohnung als ein Korporal und seine Frau (...) ". Diesen Satz sage ich mehr zu mir als zu Jadranka, weil sie gerade noch eine Runde bestellt und mich wahrscheinlich gar nicht hören kann. Oder will.

Als der Sommer zu Ende geht, treffe ich Jadranka wieder in der Caffe Bar Marina. Ihren Korporal hat sie noch. Die Wohnung mit den Amphoren und den Schiffchen hat jetzt ein Major einer Versorgungseinheit der kroatischen Armee. Jadrankas Cousin, der Militärpolizist, warnt sie rechtzeitig von der bevorstehenden "Delogierung". Um sich die Erniedrigung eines Hinauswurfs durch die Militärpolizei zu ersparen, ziehen Jadranka und Vladimir freiwillig aus. Einen Tag bevor der Major in "seine" neue Wohnung einzieht.

Jadranka lebt jetzt in Zagreb. Mit einem anderen Korporal. Nach Sutivan kommt sie nur noch selten. (Bogumil Balkansky, 26.10.2016)

  • Split. Hier hat Jadranka im Krieg ihre neue Wohnung erworben. Pardon, geraubt.
    foto: apa

    Split. Hier hat Jadranka im Krieg ihre neue Wohnung erworben. Pardon, geraubt.

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