Illegales Lager von Calais wird abgerissen

25. Oktober 2016, 19:21
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Arbeitern rückten mit Presslufthämmern an – Innenminister: Sichere Unterkunft für rund tausend Migranten

Calais – Frankreich hat mit dem Abriss des Flüchtlingslagers nahe der Hafenstadt Calais begonnen, das seit Wochenbeginn geräumt wird. Rund 20 Arbeiter machten sich am Dienstag mit Presslufthämmern an den provisorischen Behausungen zu schaffen, wie Reporter berichteten. Etwa tausend Flüchtlinge erhielten eine sichere Unterkunft, teilte Innenminister Bernard Cazeneuve in der Pariser Nationalversammlung mit.

Zwei Planierraupen standen in der Nähe des Lagers bereit. Einige Hütten gingen in Flammen auf. Auch am zweiten Tag der Räumungsaktion warteten mehrere hundert Migranten mit ihren Habseligkeiten darauf, in die rund 450 Aufnahmezentren im gesamten Land gefahren zu werden. Am Montag waren die ersten rund 2300 Personen mit Bussen aus dem Lager gebracht worden. Das aus Zelten, einfach gezimmerten Hütten und alten Wohnwagen bestehende Camp ist auch als "Dschungel" bekannt. Es gilt als Sinnbild einer gescheiterten Flüchtlingspolitik in Europa.

Einzelne Rangeleien

Die Räumung verlief den Behörden zufolge weitgehend friedlich, nachdem in der Nacht zu Montag zunächst Gruppen von Migranten Feuer gelegt und Steine auf Sicherheitskräfte geworfen hatten. Auch am Wochenende war es vereinzelt zu Rangeleien gekommen. Am Dienstag waren für kurze Zeit schwarze Rauchwolken über dem Lager zu sehen. Ein Sprecher des Innenministeriums in Paris sagte, beim Abriss würden nicht sofort Bulldozer eingesetzt. Die Abbrucharbeiten würden per Hand begonnen, um Spannungen zu vermeiden.

Das nahe der französischen Hafenstadt am Ärmelkanal gelegene Lager soll bis zum Wochenende evakuiert werden. In dem Camp lebten nach Regierungsangaben zuletzt rund 6500 Menschen, vornehmlich aus Syrien, Afghanistan und Eritrea. Ihr Ziel ist eigentlich Großbritannien, das die Aufnahme der Migranten aber mit Verweis auf das EU-Asylrecht verweigert. Danach muss ein Antrag in dem Land gestellt werden, in dem die Flüchtlinge erstmals den Boden der Europäischen Union (EU) betreten. Seit Monaten versuchen die Bewohner des "Dschungels" daher, illegal auf Lastwagen oder Züge zu gelangen, die über Calais auf die britische Insel fahren. Großbritanniens Innenministerin Amber Rudd hat zugesagt, ihr Land werde etwa die Hälfte der rund 1300 Kinder und Jugendliche aufnehmen, die ohne Eltern in dem Camp lebten.

Flugblätter

Um die Räumung zu beschleunigen, gingen Sozialarbeiter und Übersetzer durch die in den Sanddünen gelegene Zeltstadt, um Flugblätter zu verteilen. "Alles in allem haben die Migranten verstanden, dass die Zeit für den Dschungel abgelaufen ist", sagte Sozialarbeiter Serge Szarzynski. Die meisten hätten sich einsichtig gezeigt. Auch der 21-jährige Afghane Aarash sieht das so. Allerdings will er nach eigenen Worten darauf bestehen, in eine gute Stadt umgesiedelt zu werden, etwa nahe Paris. Ansonsten werde er zurückkommen. Der 32 Jahre alte Afghane Khan zeigte sich dagegen entschlossen, zu bleiben und "einen anderen Dschungel aufzubauen". Er wolle nicht in Frankreich leben.

Ärzte ohne Grenzen kritisierte, dass nur sehr grob anhand eines Gesichtschecks überprüft werde, wer minderjährig sei und damit auf das spezielle Asylverfahren hoffen dürfe. Die Regierung will das Entstehen neuer illegaler Camps in Calais und an der Küste verhindern. "Die Ordnungskräfte vor Ort werden Kontrollen durchführen, vor allem an den Bahnhöfen", hatte Cazeneuve angekündigt.

Die Auflösung soll nach Angaben der Präfektur etwa eine Woche dauern. Wie mit den sogenannten Widerspenstigen umgegangen werden soll, die unbedingt bleiben wollen, wird nicht offen gesagt. Inoffiziell ist zu hören, dass am Ende auch Polizei eingesetzt werden könnte. (APA, Reuters, 25.10.2016)

Internationale Pressestimmen

"Times" (London): "Der drohende Zusammenbruch des europäischen Flüchtlingsregimes, bei dem Asylbewerber ihren Antrag im ersten sicheren Ankunftsland stellen müssten, sowie der Druck durch Kriege, Dürren und Armut hat den gesamten Kontinent erheblichen Belastungen ausgesetzt. Im Dschungelcamp kamen die Folgen dieser gesellschaftlichen Probleme in geballter Form zusammen. Das Areal mit Bulldozern plattzumachen wird daher kaum eine echte Lösung sein. Solange man nicht die Ursachen des Problems bekämpft, wird lediglich ein Dschungel von einem anderen abgelöst werden. Großbritannien und Frankreich müssen daher zusammenarbeiten, um zu erreichen, dass die nordfranzösische Küste kein Magnet für Migranten ist. Vor allem müssen die Außengrenzen der visafreien Schengen-Zone gestärkt werden. Nicht allein durch intensivere Patrouillen auf See und High-Tech-Barrieren an Land, sondern auch durch verbesserte diplomatische Zusammenarbeit mit schwächelnden Ländern der Nachbarregion wie der Türkei, Ägypten, Libyen, Marokko und Tunesien."

"El Pais" (Madrid): "Das erste Lager wurde in Calais im Jahr 2002 geräumt. Seitdem wurden dort mehrere weitere Lager aufgelöst. Das hat aber nicht verhindert, dass Flüchtlinge immer wieder dorthin zurückgekehrt sind und neue Siedlungen gebildet haben. Jetzt ist es zuallererst wichtig, dass man diesen Menschen Hilfe zukommen lässt und ihnen eine würdige Unterkunft zur Verfügung stellt. Ein Migrationsphänomen und eine humanitäre Krise, wie sie Europa zur Zeit erlebt, bedürfen aber einer gemeinsamen Politik, die sich auf eine gerechte Verteilung der Flüchtlinge und auf eine Kontrolle der Migrationsflüsse in den Herkunftsländern stützt."

"De Telegraaf" (Amsterdam): "Dass die Räumung des sogenannten Dschungels nun begonnen hat, ist kein Zufall. Frankreich liegt das improvisierte Elendslager – das größte in Europa – schwer im Magen. (...) Hinzu kommt, dass im kommenden Jahr Präsidentenwahlen stattfinden und Francois Hollande sich wieder für seine Sozialistische Partei als Kandidat aufstellen lassen will. Unter seiner Regierung ist das Lager aus allen Nähten geplatzt. Ihm wurde vorgeworfen, dass er nie einen Fuß nach Calais setzte. Erst als sein Rivale Nicolas Sarkozy dorthin fuhr, zog er nach und gab bekannt, dass der Dschungel geräumt wird. Sollte er 2017 Präsidentschaftskandidat sein, kann er stolz erklären, das Problem gelöst zu haben. Wenngleich sich das erst noch zeigen muss. Helfer erklären, dass nur die Hälfte der Migranten in Frankreich Asyl beantragen wollen. Der Rest habe Pläne für eine Überfahrt (nach Großbritannien) längst nicht aufgegeben. Diese Menschen ziehen in kleinere Lager an der Nordseeküste – oder kommen zurück in den Dschungel, sobald die Lage ruhiger ist."

"Hospodarske noviny" (Prag): "Der Dschungel von Calais ist zu einem Symbol der kranken französischen Gesellschaft geworden. Es ist eine Gesellschaft, der das Zuwanderungsproblem über den Kopf gewachsen ist, weil sie die schwierigen Vorstädte jahrzehntelang ihrem Schicksal überlassen hatte. Es ist eine Gesellschaft, die an hoher Arbeitslosigkeit leidet, nicht wegen eines Mangels an Produktivität, sondern wegen des inflexiblen Arbeitsmarkts. Es ist eine Gesellschaft, deren Sicherheitskräfte durch die ständige Mobilisierung seit den Terroranschlägen überlastet sind. Das alles sind Gründe, warum es in einigen der Städte, in denen die Flüchtlinge aus Calais untergebracht werden sollen, Proteste gibt. Die Mehrheit derjenigen, die vor dem Tunnel durch den Ärmelkanal angelangt waren, wird den Glauben nicht aufgeben, dass das Glück auf sie hinter den Felsen von Dover wartet."

"Magyar Nemzet" (Budapest): "Der 'Dschungel' nahe der französischen Hafenstadt ist schon längst zum Risiko für die nationale Sicherheit, zum blinden Fleck der Migration nach Europa geworden. (...) Zugleich übernimmt die Regierung Valls mit der Verteilung der Problemmasse von Calais über mehrere hundert französische Ortschaften eine enorme Verantwortung. Auch wenn die französischen Medien nicht darüber berichten: Zahllose lokale Proteste künden eindeutig davon, dass man dort keine Migranten haben will. (...) Und das alles noch dazu mitten im französischen Wahlkampf, was eine hinreichende Garantie dafür ist, dass es zu überhaupt keiner Lösung des Problems kommen wird. Betrachtet man die letzten anderthalb Jahre, dann ist das aber die gängige Praxis nicht nur in Frankreich, sondern in der gesamten EU."

  • Aus Calais abreisende Migranten.
    foto: apa/afp/philippe huguen

    Aus Calais abreisende Migranten.

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