Geyrhalters "Homo Sapiens": "Die Orte sind die Protagonisten"

Interview6. November 2016, 12:00
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Locationscout Simon Graf über die Detektivarbeit bei der Suche nach vergessenen Orten

Der österreichische Regisseur Nikolaus Geyrhalter zeigt in seinem Film "Homo Sapiens" einen von Menschen verlassenen Planeten. Gedreht wurde an realen Schauplätzen auf der ganzen Welt. Locationscout Simon Graf erzählte dem STANDARD, warum er Hilfe aus der Urban-Exploration-Szene hatte, warum vergessene Orte faszinieren und was Außerirdische über die Spezies Mensch denken würden.

STANDARD: Urban Explorer schleichen sich bei ihren Stadterkundungen oft unerlaubt ein. Haben Sie sich bei den Dreharbeiten als Urban Explorer versucht?

Simon Graf: Das unerlaubte Einschleichen haben wir weitgehend vermieden. Das unterscheidet einen Filmdreh vom privaten Fotografieren. Wir haben Drehgenehmigungen eingeholt, wo immer es möglich war, und uns nie gewaltsam Zutritt verschafft (entsprechend dem Urban-Explorer-Ethos, Anm.). Aber ein paar Locations haben sich nicht klären lassen, da spaziert man dann einfach hin und schaut, ob die Tür offen steht. Einmal wurde ich mit einem Revolver bedroht, weil der Mann offenbar öfter Probleme mit Leuten hat, die auf seinem Grundstück herumgehen. Ich war dann ganz glücklich, dass ich mein Französisch aktivieren und ihm erklären konnte, dass wir bei seiner Lebensgefährtin um Erlaubnis gefragt hatten.

STANDARD: Sie haben auf der ganzen Welt gefilmt. Wie fängt man die Locationsuche für ein so großes Projekt an?

Graf: Es ging uns vor allem darum, Orte des öffentlichen Lebens zu finden: Transport, Krankenhäuser, Fernsehsender, Kinos. Industrieruinen waren schnell redundant. Der größte Teil war Internetrecherche. Viele interessante Locations waren online in Urbex-Foren (kurz für Urban Exploration, Anm.) schon bekannt, aber die Szene ist sehr protektiv, was die Ortsangaben angeht, weil die Orte sonst verwüstet werden oder Kupfer gestohlen wird. Unabhängig von der Urbex-Szene hatten wir auch andere Informationsquellen, und irgendwann haben wir angefangen, uns ins Auto zu setzen und Runden durch Europa zu fahren.

STANDARD: Sie hatten auch Hilfe von Urban Explorern.

Graf: Es war manchmal unumgänglich nachzufragen, weil wir einfach nicht herausfinden konnten, wo das ist. Ich kann dem Urban-Exploration-Ethos "Take nothing but pictures, leave nothing but footprints" viel abgewinnen. Ich habe ein paar Fotografen aus der Szene, deren Arbeiten mir gefallen haben, angeschrieben. Manche kannten Nikolaus Geyrhalter schon und schätzten ihn. Das war ein guter Start. Nachdem sie Vertrauen gefasst hatten, dass wir die Orte geheim halten werden, haben sie uns einige Sachen verraten. Vieles konnte ich aber auch ohne Hilfe lokalisieren, weil ich auf einige Tricks draufgekommen bin.

STANDARD: Welche?

Graf: Reverse Image Search. Oder, wenn vorhanden, die Bildbeschreibung zu den Fotos googeln. Es ist auch Detektivarbeit: Du siehst ein Bild von einem Krankenhaus, da steht etwas auf Italienisch. Du weißt, in welchem Sprachraum du bist – und suchst nach Zeitungsartikeln über geschlossene Krankenhäuser. Wenn die Einrichtung nach 90er- oder Nullerjahren aussieht, gibt es im Internet wahrscheinlich schon etwas dazu. Oder du arbeitest mit Google Earth, wenn du weißt, in welchem Bereich die Location ungefähr liegt und wie sie von oben aussehen könnte.

STANDARD: Ist das Teil der Faszination, dass man im Film nicht erfährt, wo die Schauplätze sind?

Graf: Es beschäftigt das Publikum sehr. Aber das ist das Schöne, dass man keine Info bekommt, wo oder was das ist. Das muss man sich selbst zusammenreimen. Manches ist offensichtlich, aber der eine oder andere Ort bleibt wohl im Unklaren.

STANDARD: Etwa die Halle, in der unzählige Metallobjekte von der Decke hängen.

Graf: Das war eine Mine, in der Kohle abgebaut wurde. Statt normaler Spinde haben die Arbeiter diese Käfige, in die sie ihre Sachen hineintun und mit einer Kette nach oben ziehen. Unten blockieren sie mit einem Vorhängeschloss die Kette. Das hat Vorteile. Die Sachen sind sicher. Und für den Fall, dass zum Schichtwechsel jemand nicht zurückkommt, bemerkt man das sofort, weil sein Kästchen noch oben hängt. Das ist ein verrückter Ort, den es inzwischen so nicht mehr gibt.

STANDARD: Wie viel ist in den Filmszenen inszeniert?

Graf: Wir haben manchmal gemerkt, dass Leute vor uns inszeniert haben. Das hat teilweise so offensichtlich gewirkt, dass wir uns erlaubt haben, ein Objekt aus dem Bild herauszustellen – wenn etwa jemand Tassen aus den Schränken räumt und so aufstellt, als ob jemand gerade noch Tee getrunken und dann fluchtartig das Haus verlassen hätte. Im Wesentlichen existierten die Orte alle so, wie sie im Film zu sehen sind. Die Präsenz der Natur war ein wichtiges Thema, deswegen haben wir zum Beispiel beim Wind nachgeholfen. Auch aktuelle Fußspuren haben die Erzählung gestört und wurden vor Ort oder später digital entfernt. Eine Kröte, die wir beim Drehen gefunden haben, haben wir gezielt ins Bild gesetzt.

STANDARD: Warum wurde der Ton zu einem großen Teil nachgebaut?

Graf: Die wenigsten Orte sind frei von menschlich verursachten Klängen. Man hat immer irgendwo eine Baustelle oder ganz normalen Straßenlärm gehört. Eine Interpretation des Films ist ja, dass man eine von Menschen verlassene Welt sieht, ein mögliches Zukunftsszenario. Da darf es nicht das geringste von Menschen verursachte Geräusch geben, sonst bricht die Illusion zusammen.

STANDARD: Jede Szene im Film erzählt eine Geschichte, die man sich als Zuschauer aber selbst denken muss. Kennen Sie die reale Geschichte jedes Schauplatzes?

Graf: Nein, für meine Arbeit war es auch gar nicht wichtig zu wissen, wie das im Endeffekt zusammengefügt wird. Wir haben an viel mehr Orten gedreht, als im Film vorkommen. Es sind die geblieben, wo es möglich war, eine Geschichte zu erzählen. Die Orte sind die Protagonisten. Eine Hypothese während der Recherche war: Alle Menschen sind weg, eine außerirdische Lebensform kommt auf die Erde. Was erzählen diese Orte, wenn man den Kontext nicht kennt? Was sagen sie über unsere Spezies aus? Zum Beispiel, dass wir uns selbst bekriegen, dass wir andere Lebewesen unterdrücken oder dass wir ein extrem ressourcenverschwendendes Leben geführt haben.

STANDARD: Sind die Szenerien in der Realität genauso schön wie im Film?

Graf: Manchmal sogar viel schöner, manchmal gänzlich unspektakulär. Ein sehr schöner Dreh war Villa Epecuén; die Stadt in Argentinien, die von einem Salzsee komplett überschwemmt wurde und nach 25 Jahren aufgetaucht ist, nachdem der Wasserpegel wieder gesunken ist. Oder das große Denkmal der Sozialisten in Bulgarien. Nachdem sie nicht mehr an der Macht waren, sind relativ schnell die Kupferschindeln gestohlen worden. Und man findet die Fenster des Monuments in den Neubauten rundherum. Die wurden einfach abmontiert. Es waren aber auch Enttäuschungen dabei. Wenn es ein heruntergekommener Ort war, wo Leute ihre Notdurft verrichtet haben, war es nicht immer ein Spaß, dort zu sein. (Christa Minkin, 6.11.2016)

foto: sebastian arlamovsky
Simon Graf (30) studierte audiovisuelle Gestaltung in Linz und arbeitet seit 2012 für die Nikolaus-Geyrhalter-Filmproduktion. Bei "Homo Sapiens" fungierte er als Locationscout und Kameraassistent. Seit Donnerstag ist der Film regulär im Kino zu sehen.
  • Bei den Dreharbeiten zu "Homo Sapiens".
    christoph grasser

    Bei den Dreharbeiten zu "Homo Sapiens".

  • Simon Graf fungierte als Kameraassistent und Locationscout.
    foto: sebastian arlamo

    Simon Graf fungierte als Kameraassistent und Locationscout.

  • Das Filmteam vor dem verlassenen sozialistischen Denkmal in Bulgarien.
    simon graf

    Das Filmteam vor dem verlassenen sozialistischen Denkmal in Bulgarien.

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