Mossul: Leichen von 70 Zivilisten gefunden

25. Oktober 2016, 21:15
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Irakische Eliteeinheit unterbricht Vormarsch und wartet auf Verstärkung– Verteidigungsminister beraten in Paris ohne Irak und Türkei

Region Mossul/Bagdad– Eine Eliteeinheit der irakischen Armee hat ihre Offensive gegen die Extremistenmiliz Islamischer Staat (IS) kurz vor der Großstadt Mossul unterbrochen. Die Truppen warteten am Dienstag östlich der Stadt auf Verstärkung. Ein Kommandeur der Anti-Terror-Einheit CTS sagte, der Vorstoß sei angehalten, bis andere Truppenteile ähnliche Fortschritte erzielten und die Front begradigt werden könne. Den UN liegen unterdessen Berichte vor, wonach der IS in der Region Massaker an Zivilisten begeht.

Die Armee und kurdische Peschmerga-Kämpfer hatten vor einer Woche ihre Offensive gegen die radikalen Islamisten begonnen. Die 30.000 Mann starke Truppe wird dabei von einer internationalen Koalition unter Führung der USA unter anderem mit Luftangriffen unterstützt. Im Osten sind die Soldaten nur noch wenige Kilometer von Mossul entfernt, während es im Süden 30 Kilometer sind. Bei ihrem Vormarsch mussten sich die CTS-Elitekräfte offenbar von Haus zu Haus kämpfen. Ein Reuters-Korrespondent sah etwa im Dorf Chasen ausgebrannte Gebäude und Zimmer, die durchsucht wurden.

IS weicht aus

Weitere Kämpfe gegen den IS gibt es auch in der Wüstenstadt Rutba in der Provinz Anbar etwa 450 Kilometer von Mossul entfernt. Dort versuchen die Extremisten, eine Offensive der Armee und von sunnitischen Kämpfern zurückzuschlagen. Dabei konnten sie ihren Einflussbereich nach Angaben aus Sicherheitskreisen sogar ausbauen. Die Regierung will deswegen Verstärkung schicken. Rutba liegt an der Straße, die Bagdad mit der jordanischen Hauptstadt Amman verbindet.

Leichen von 70 Zivilisten gefunden

Bei der Schlacht um Mossul begeht der IS nach UN-Erkenntnissen offenbar Gräueltaten an der Bevölkerung. Im Dorf Tulul Naser südlich der Millionenstadt seien die Leichen von 70 Zivilisten gefunden worden, sagte ein UN-Sprecher in Genf. Sie hätten Schusswunden aufgewiesen. Auch sollen 50 frühere Polizisten nahe Mossul umgebracht worden sein. Der Sprecher betonte, es sei schwierig, die Berichte zu verifizieren.

Nach UN-Informationen wurden im Dorf Safina südlich von Mossul 15 Zivilisten getötet und ihre Leichen in einen Fluss geworfen, um Angst und Schrecken zu verbreiten. Sechs mutmaßliche Angehörige von Anti-IS-Kämpfern wurden demnach an ein Auto gebunden und durch das Dorf geschleift. Dem Sprecher zufolge gibt es auch Berichte, wonach IS-Kämpfer drei Frauen und drei Mädchen erschossen und vier weitere Kinder verletzten. Sie sollen bei einer Vertreibung nicht schnell genug mitgekommen sein, weil eines der Kinder behindert war.

Der IS hatte bereits auf seinem Vormarsch vor zwei Jahren Gräueltaten an der Bevölkerung begangen. So wurden viele Angehörige von Minderheiten getötet, versklavt oder vertrieben.

Verhandlungen ohne irakische Beteiligung

Nach Beginn der Schlacht um Mossul kam die internationale Koalition gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) ohne den Irak und die Türkei zusammen. Die beiden Länder saßen bei dem Treffen der Verteidigungsminister am Dienstagnachmittag in Paris nicht mit am Tisch sitzen.

Ankara und Bagdad liegen miteinander im Clinch. Die Türkei will bei der Offensive auf die letzte IS-Hochburg Mossul mitmachen und erklärte, bereits zahlreiche IS-Kämpfer im Nordirak durch Artilleriebeschuss getötet zu haben. Die irakische Regierung lehnt eine Beteiligung der Türkei allerdings kategorisch ab. Aus Ankara verlautete, die Türkei werde sich keine Erlaubnis dafür holen, gegen Terroristen "sowohl im Land als auch außerhalb des Landes" vorzugehen.

"Sollte sich eine Bedrohung für die Türkei ergeben, werden wir alle unsere Möglichkeiten einschließlich einer Bodenoffensive nutzen", sagte der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu in einem Interview des Senders TV 24. Man werde weder eine Bedrohung durch den IS noch durch die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK im Irak dulden. Das Hauptquartier der PKK liegt in den nordirakischen Kandil-Bergen. PKK-Kämpfer sind auch im Sinjar-Gebirge im Irak aktiv.

Hollande warnt

Der französische Präsident François Hollande sagte am Dienstag zum Auftakt des Treffens, die mögliche Rückkehr von Kämpfern der Jihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) nach Europa sei Grund zur Sorge. "Wir müssen sehr wachsam sein", betonte Hollande.

In Paris kommen daher vor allem Europäer und die USA zusammen, um über das weitere Vorgehen im Irak und Syrien zu beraten. Die Leitung der Runde haben der französische und der US-Verteidigungsminister, Jean-Yves Le Drian und Ashton Carter, übernommen. Erwartet werden noch elf weitere Ressortchefs. Bereits vergangene Woche hatten in Paris 20 Außenminister über die Lage in Mossul gesprochen. (Reuters, 25.10.2016)

  • Irakischer Kämpfer nahe Mossul.
    foto: afp photo / ahmad al-rubaye

    Irakischer Kämpfer nahe Mossul.

  • Artikelbild
  • Lebensmittelpakete für Flüchtlinge in al-Qayyara.
    foto: apa/afp/bulent kilic

    Lebensmittelpakete für Flüchtlinge in al-Qayyara.

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