Big Data, Donald Trump und ein bisschen Kiffen

25. Oktober 2016, 16:54
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Österreichische Wissenschafter trafen einander in Toronto und sprachen zum Thema Big Data. Das liberale Kanada spielte als Gastgeber eine entscheidende Rolle

Eine Stadt, die im Verkehr erstickt. Zum Bild passen Verkehrspolizisten, die an den Straßenkreuzungen versuchen, Ordnung ins Chaos zu bringen, und Fahrzeuge weiterleiten, obwohl sie nicht einmal wissen, wie die Verkehrssituation an der nächsten Kreuzung ist. Was liegt also näher, in dieser Stadt, es ist Ho-Chi-Minh-Stadt in Vietnam, die Verursacher des Verkehrschaos mit Sensoren zu tracken, sodass darauf besser reagiert werden kann?

Sensoren wurden ausgewählt und mit einer auf Big Data basierenden Ampelsteuerung verbunden. Allerdings zählten sie nur Autos und nicht die tatsächliche Mehrheit der Fahrzeuge, denn die Vietnamesen fahren in der 8,2-Millionen-Megacity hauptsächlich auf zwei Rädern.

Die österreichische Stadttechnologie-Expertin Katja Schechtner, Research Fellow am MIT Media Lab und Gastprofessorin an der TU Wien und an der Universität für angewandte Kunst, erzählte diese Geschichte vergangenen Samstag in ihrem Vortrag beim diesjährigen Austrian Research and Innovation Talk (ARIT) in Toronto.

Zum zweiten Mal in Kanada

Dieses alljährliche Netzwerktreffen österreichischer Wissenschafter, die in Nordamerika leben und arbeiten, fand zum zweiten Mal nach Vancouver 2010 in Kanada statt, ansonsten trifft man einander in Städten wie Boston, San Francisco, Los Angeles oder Washington.Veranstalter sind das Wissenschafts- sowie das Verkehrsministerium und das Office of Science and Technology (OSTA).

Schechtner griff für ihre Geschichte aus Vietnam zu einem markanten Sprachbild, um diese beschriebenen Missverhältnisse zwischen Technologie und tatsächlichem Nutzen für die Menschen zu beschreiben: Culture eats technology for breakfast. In ihrem Vortrag sagte sie auch, es sei ein großer Irrtum, dass jeder überall und jederzeit auf wichtige Daten zugreifen könne, um die Welt für sich verständlicher zu machen. Big Data sei ein Privileg der Reichen. Für 30 Prozent der Weltbevölkerung entspreche ein Smartphone einem Jahreseinkommen.

Nichts zu verbergen

Werte wie soziale Gerechtigkeit werden im Zusammenhang mit Big Data ja selten beprochen. Privacy ist da schon viel populärer. Die kanadische Datenschützerin Anne Cavoukian sprach beim ARIT über die Notwendigkeit, die eigenen Daten zu schützen und stets selbst alle Rechte auf deren Inhalte zu haben. Privacy bedeute nicht, etwas verbergen zu wollen, sagte sie in Richtung jener politischen Mächte, die im Bestreben nach Datenschutz eine Verschleierungstaktik sehen könnten. Privacy sei eine Grundvoraussetzung für individuelle Freiheit.

Cavoukian, die 15 Jahre lang Information and Privacy Commissioner der Provinz Ontario war, ist für eine Resolution bekannt: Privacy by Design fordert Technologieentwickler auf, die Kontrollmöglichkeit des Users über eigene Daten schon in der Konzeption der Technik mitzudenken. Seit 2010 gilt dieser Wunschkatalog als internationaler Standard.

Doch Cavoukian sieht immer wieder neuen Handlungsbedarf: Das Internet der Dinge, die Vernetzung von Alltagsgegenständen mittels Sensoren und Prozessoren, sei ein großer Gefahrenherd. Man habe bei der Nutzung keine Kontrolle über eigene Dateninhalte. Der jüngste Internetausfall als Folge eines Angriffs auf das Internet der Dinge beweist, dass sie mit ihrer Analyse richtig liegt.

Mangelnde Sicherheit

Cavoukian, heute Direktorin am Privacy and Big Data Institute der Ryerson University, verwies während ihres ARIT-Vortrags auch auf mangelhafte Datensicherheit bei Gesundheits- und Fitnessapps. Die U.S. Federal Trade Commission (FTC) habe festgestellt, dass die Entwickler von zwölf solcher Apps die Informationen der User mit 76 anderen Interessengruppen teilten.

Aber es gebe auch positive Nachrichten: Apple habe für die Nutzung des HealthKit strenge Richtlinien erstellt – für User, die der Weitergabe von Daten an Entwickler zustimmen müssen, genauso wie für Entwickler selbst, die ihre App damit verknüpfen wollen.

Wer immer da glücklich und zufrieden abheben wollte: Carvoukian sagte einen Satz, der sicher zur Erdung beigetragen hat: Gar kein Risiko im Netz, das gibt es nicht. Eine kleine Gefahr bleibt immer bestehen.

Liberales Äußeres

Der kritische Geist der beiden Vortragenden, ihr liberales Denken fügte sich hervorragend in das Ambiente: Kanada gibt sich als besonders offen. Das spürt man als Besucher schon nach wenigen Tagen: Wenn im Smalltalk am Rande der Veranstaltung der 281 Meter hohe Trump Tower im Financial District der Stadt erwähnt wird, kann man zumindest von anwesenden kanadischen Forschungspolitikern eine Reaktion mit beruhigendem Unterton hören: "Keine Sorge, mehr Trump als diesen Turm haben wir hier nicht." Man wolle hier freundlich sein, eine Bastion für Toleranz und Fairness. Der Geruch des hier unter Justin Trudeau fast zu 100 Prozent legalisierte Marihuana mag für einige Touristen ein wichtiges Zeichen dieser Offenheit sein. Es gibt aber mehr als straffreies Kiffen. Das Land gibt sich offen für Einwanderer, allerdings mit recht strikten Vorgaben. Die Mehrheit der aufgenommenen Flüchtlinge ist daher bestens ausgebildet. Nach jüngsten Untersuchungen haben aber mehr als zehn Prozent keine Chance auf eine ihrer Ausbildung angemessene Arbeit, weil ihre Uni-Abschlüsse von vielen Unternehmenschefs nicht anerkannt werden.

"Wir haben Probleme", heißt es. "Wir wollen sie aber nicht so lösen, wie das Trump tun würde." Und ein Taxifahrer meint in Anspielung auf eine Aussage des Republikaners, wegen zahlreicher Einwanderer aus Mexiko eine Mauer an der Grenze zum südlichen Nachbarland bauen zu wollen: "Vielleicht sollten wir im Süden zu den USA eine Mauer bauen, damit er nicht zu uns kommt."

Ceta-Blockade kein Problem

Keine Barrieren gibt es auch in der Forschungsszene zu Europa: Das zuletzt von den belgischen Regionen Wallonien und Brüssel blockierte Freihandelsabkommen Ceta ist für die Wissenschaftspolitiker und Strategieentwickler kein Grund für schlechte transatlantische Stimmung. Man kann am Rahmenprogramm Horizon 2020 teilnehmen, das scheint wichtiger zu sein. Auch mit Österreich will man mehr als bisher kooperieren. Konkrete Ideen für eine Kooperation mit Österreich sollen spätestens im kommenden Jahr am Tisch liegen.

Die Freundlichkeit beruht auf Gegenseitigkeit. In der Strategie zur internationalen Forschungspolitik von Österreich gibt es Länder mit der sogenannten Priorität 1: Das sind die USA, Russland, Indien und China. Kanada ist immerhin Priorität 2. Das entsprechende Programm Beyond Europe war in der ersten Ausschreibung vor allem mit Nordamerika sehr erfolgreich und Kanada schnitt besser als die USA ab. Ein weiterer Call wird im November oder Dezember dieses Jahres starten. Auch in Kanada gibt es Förderprogramme für internationale Kooperationen: Über die Plattform SSHRC (Social Sciences and Humanities Research Council) werden Geistes- und Sozialwissenschafter unterstützt – immerhin 663 allein imm vergangenen Jahr.

Ähnlichkeit der Kulturen

Barbara Weitgruber, Leiterin der Forschungssektion im Wissenschaftsministerium, sieht Gründe für die Attraktivität Kanadas für österreichische Unternehmen und Forscher: eine Ähnlichkeit der Kulturen.

In den nicht unumstrittenen Uni-Rankings schlägt sich die Ähnlichkeit nicht nieder. Vier kanadische Unis sind im Times Higher Education Ranking unter den besten 100, die Uni Toronto als beste sogar auf Platz 19. In Österreich ist die Uni Wien die beste heimische Uni auf Platz 161. Auch bei den Forschungsausgaben kann Kanada einiges bieten. Das Land gab2014 rund 30 Mrd. kanadischen Dollar (rund 20,1 Mrd. Euro) aus. Zum Vergleich: In Österreich werden rund zehn Mrd. Euro für Forschung und Entwicklung aufgewendet. Kanada hat allerdings auch 4,5 mal so viele Einwohner wie Österreich.

Der nächste Austrian Research and Innovation Talk wird in Austin in Texas stattfinden. An der dortigen größten Universität ist man auf drei Nobelpreisträger stolz. Das Thema ist noch nicht bekannt. (Peter Illetschko, 25.10.2016)


Die Reise nach Toronto kam durch eine Einladung des Wissenschafts- und Wirtschaftsministeriums zustande.

  • Das Treffen österreichischer Forscher, die in Nordamerika arbeiten, fand heuer zum zweiten Mal in Kanada statt. Dabei wurden ver-gangene Woche die Zukunft von Big Data und Fragen zu Privacy und Datenschutz diskutiert. Im Bild: Chinatown in Toronto.
    foto: picturedesk / laif / paul hahn

    Das Treffen österreichischer Forscher, die in Nordamerika arbeiten, fand heuer zum zweiten Mal in Kanada statt. Dabei wurden ver-gangene Woche die Zukunft von Big Data und Fragen zu Privacy und Datenschutz diskutiert. Im Bild: Chinatown in Toronto.

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