Raubüberfall in der Garderobe

Glosse25. Oktober 2016, 11:25
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Haben Sie schon einmal einen fremden Mantel vom Haken genommen, ganz versehentlich und keineswegs in räuberischer Absicht?

Nein, das ist nicht der Titel der nächsten "Tatort"-Serie. Der Sommer ist vorbei, T-Shirts und Leinenhosen sind verstaut. Jetzt ist es an der Zeit, unsere Garderobe zu inspizieren (auch lexikalisch!) und sie den für die nasskalte Jahreszeit typischen Temperaturen anzupassen.

Ob Sie Ihre Garderobe in einem begehbaren Schrank aufbewahren oder ob Ihre Garderobe aus einem Schuhschrank, ein paar Paneelen mit Haken und einem Spiegel besteht, wir merken schon, die Bedeutung des Wortes Garderobe hat sich im Laufe der Zeit von "Kleiderkammer" auf die dort aufbewahrte Kleidung ausgedehnt.

Nicht nur Richter tragen eine Robe, auch wenn wir ins Theater gehen, putzen wir uns ein wenig heraus, und trotz gelockerter Kleidervorschriften sieht man noch immer Herrschaften in sehr eleganter Robe in den ersten Reihen im Parkett sitzen. Wir geben also unsere Oberbekleidung in der Garderobe ab, und die Garderobiere hat hoffentlich ein wachsames Auge darauf und wartet geduldig das Ende der Vorstellung ab.

Übrigens, ist Ihnen das schon einmal passiert, dass Sie beim Weggehen nach einer Veranstaltung nicht den eigenen Mantel vom Haken genommen haben, sondern einen fremden, ganz versehentlich und keineswegs in räuberischer Absicht?

Sie ahnen jetzt, wohin die Spur uns führt? Das Nomen Garderobe wird im 17. Jahrhundert aus dem Französischen rückentlehnt, denn seine beiden Bestandteile (garde[r] + robe) sind geraubtes germanisches Gut, also heimische Wörter.

Zum einen zeigt Garderobe ein befehlerisches Wortbildungsmuster (Pass aufs G’wand auf!), das im Italienischen auf die Spitze getrieben wurde. Apribottiglia ist ein Flaschenöffner (Öffne die Flasche!), reggiseno ein BH (Stütze den Busen!), portafortuna ein Glücksbringer (Bring Glück!), portamonete das Portemonnaie (Trag das Geld!)1.
Zum anderen interessiert uns das Nebeneinander von –w– und –g– in neuenglisch wardrobe einerseits und "Bodyguard" andererseits.

Da ist ein kleiner Exkurs nötig. Doch hören Sie sich vorher den unvergesslichen Titelsong des Films an: "I will always love you".

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Die Normannen, die dem Wortsinn nach aus dem Norden als "Nordmänner" gekommen waren und sich in den Kanalinseln und der heutigen Normandie (daher der Name) niederließen, eroberten nach der Schlacht von Hastings 1066 England und nahmen ihre Sprache mit, die eine romanische Sprache war, nämlich das Anglonormannische, das sich vom Altfranzösischen des Festlandes jedoch unterschied. Die Anglonormannen haben jedenfalls ihre Garderobe als wardrobe im frühen 14. Jahrhundert nach England mitgenommen. Auf dem altfranzösisch sprechenden Festland wurde dem –w– in *ward-, weil es ein systemfremder Laut war, ein –g– vorangeschlagen, und das erklärt, weshalb es heute französisch garder "aufpassen, bewachen, schützen" heißt. Und neuenglisch guard weist eben auf die Übernahme aus dem Zentralfranzösischen2. Auch die anderen romanischen Sprachen waren diebisch unterwegs und haben nicht lange zugesehen und zugewartet. So heißt es italienisch guardare "hinsehen, schauen", spanisch und portugiesisch guardar "aufbewahren, verstauen, bewachen".

Wie entwickelt sich nun jemand, der nur schaut und beobachtet, zu einem, der wartet, und das im doppelten Sinne des Wortes?

Germanisch *ward- hatte wohl die Ursprungsbedeutung "schauen, auf etwas achten". Im Althochdeutschen deckt wartēn hauptsächlich das visuelle Wahrnehmen ab ("aufmerksam beobachten, spähen"), also das, was wir tun, wenn wir auf einer Aussichtswarte stehen und das wunderbare Panorama genießen. Altenglisch weardian "ein Auge auf etwas/auf jemanden haben, hüten" lebt noch fort in neuenglisch warden "Aufseher, Wächter". Im Tiergarten und im Gefängnis achten Wärter auf ihre Schützlinge, und der "Bahnwärter Thiel" sitzt in seinem Wärterhäuschen an der Spree, beobachtet die vorbeifahrenden Züge.

Im Mittelhochdeutschen reichen die Bedeutungsnuancen von warten von "schauen, wahrnehmen, beobachten, Ausschau halten nach, lauern auf, sich verlassen auf" hin bis zu "sorgen für, pflegen". Und somit der war der Grundstein für die zwei Bedeutungsstränge und Verwendungsweisen (intransitiv und transitiv) in der Gegenwartssprache gelegt.

Während wir an der Supermarktkassa stehen und schauen, wie die, die vor uns in der Schlange stehen, ihre Sachen aufs Band legen, vergeht Zeit. Wartezeit. Wenn der Installateur unsere Kombitherme wartet, dann schaut er sich das Gerät genau an und trägt Sorge, dass es nach der Wartung funktioniert. Und während er das Gerät wartet, warten auch wir, bis er uns dann die Rechnung präsentiert.

Der zweite Wortbestandteil von Garderobe, französisch robe "Kleid, Gewand", ist ebenfalls aus dem Germanischen entlehnt und verweist dem ursprünglichem Wortsinn nach auf räuberisch erbeutetes, dem Feind entrissenes Gewand, wenn wir von der Vorstellung ausgehen, dass das Erste, das einem Feind auf kriegerischen3 Raubzügen abgenommen und als Kriegsbeute entrissen wird, Rüstung und Kleidung ist. Und eben diese Bedeutungsnuancen klingen in den Einzelsprachen noch an.

So bezeichnet althochdeutsch roub vorrangig das Erbeutete, mittelhochdeutsch roup deckt in etwa den heutigen Bedeutungsumfang von Raub4 ab, und altenglisch rēaf listet neben "Raub und Beute" auch "Rüstung und Kleidung" auf. Spanisch ropa bedeutet "Kleidung, Klamotten, Garderobe", aber italienisch roba bezeichnet nur mehr, was man halt so erbeutet, wenn man raubt, also "Sache, Ding, Zeug", roba invernale hingegen bezeichnet "Wintersachen", also was wir in der kalten Jahreszeit anziehen.

Das Schicksal selbst kann auch manchmal ein Räuber sein und uns einen geliebten Menschen wegnehmen. Wer einen Todesfall in der engsten Familie zu betrauern hat, der kann in englischsprachigen Ländern bereavement counselling (Trauerbegleitung) in Anspruch nehmen (von bereave – bereft – bereft "berauben").

Womit könnte ich jetzt noch aufwarten? Mit der Schweizergarde, die den Vatikan beschützt? Oder wir marschieren mit dem "kleinen Gardeoffizier" stolz im Gleichschritt. Aus der Militärsprache stammt auch die Avantgarde, ursprünglich jener Truppenteil, der als Erster mit dem Feind in Berührung kommt, die sogenannte Vorhut, aber heute sind Avantgardisten ganz und gar entmilitarisierte Vorreiterinnen und Wegbereiter neuer Ideen in Bildender Kunst, Musik, Film und Theater.

Das Theaterstück ist zu Ende. Ob Sie nun "Warten auf Godot" von Samuel Beckett oder Schillers "Räuber" gesehen haben, es drängen alle zur Garderobe. Adieu! (Sonja Winkler, 25.10.2016)

Sonja Winkler beschäftigt sich seit mehr als 40 Jahren mit der Etymologie von Wörtern. Sie studierte Germanistik und Anglistik im Lehramt in Wien, übte mehr als 20 Jahre eine Lektorentätigkeit am Germanistischen und Anglistischen Institut der Uni Wien aus und war 18 Jahre im Schuldienst. Seit fünf Jahren ist sie in Pension.

1 Diesem Wortbildungsmuster entspricht auch Shakespeare (Schüttel den Speer!) und neuenglisch stopgap "Lückenbüßer" (Stopfe das Loch!) und spoilsport "Spielverderber". Ein Imperativ steckt auch im Familiennamen Schoißwohl (Schieß gut!).

2 Diese beiden Varianten spielen bei der Übernahme ins Mittelenglische eine große Rolle, denn wir finden im heutigen Englisch oftmals beide Varianten, allerdings mit Bedeutungsdifferenzierung, siehe Wortspur "Topp, die Wette gilt".

3 Das Verb kriegen bedeutete ursprünglich "stark nach etwas streben, sich anstrengen, etwas erstreiten", da ist der Schritt zum Krieg nicht weit.

4 Einhellig ist die Bedeutung der Verben: althochdeutsch roubōn, mittelhochdeutsch rouben, gotisch bi-raubōn, altenglisch rēafian, italienisch rubare, spanisch robar: "(be)rauben, stehlen, fladern".

  • Im Wort Garderobe versteckt sich ein Imperativ: Pass auf's G'wand auf!
    foto: standard/fischer

    Im Wort Garderobe versteckt sich ein Imperativ: Pass auf's G'wand auf!

  • "Und eines Tages mit Sang und Klang
    Da zog ein Fähnrich zur Garde."

  • Hat normalerweise ein Auge auf seine Schützlinge: der Zoowärter, aus dem Film "Der Zoowärter".
    foto: sony

    Hat normalerweise ein Auge auf seine Schützlinge: der Zoowärter, aus dem Film "Der Zoowärter".

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