"Ostatnia rodzina": Leben im gleichmäßigen Fatalismus

24. Oktober 2016, 16:26
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Jan P. Matuszynskis polnisches Familienkammerspiel "Ostatnia rodzina"

Ein Arbeitszimmer mit Aussicht – so viel immerhin kann der real existierende Sozialismus in Polen dem Künstler Zdzislaw Beksinski geben. 1977 zieht er mit seiner Familie in ein Hochhaus in Warschau. Es ist eines dieser Quartiere, in denen die einst utopischen Hoffnungen einer anderen Gesellschaftsordnung konkret – und banal – geworden sind.

foto: viennale
Vater, Mutter und Sohn: Jan P. Matuszynskis "Ostatnia rodzina" porträtiert die Beksinskis, die in einer Neubauwohnung die Zeiten überdauert haben.

Beksinski kommt mit seiner Familie (Ehefrau, Mutter, Schwiegermutter), weiter unten im Haus findet der labile Sohn Tomasz (Tomek) eine Bleibe. Vor allem bringen die Beksinskis ein riesiges Archiv: Tonbänder, Videos, Bücher, Schallplatten. Bald wächst der Materialienwust weiter, auf den Jan P. Matuszynski für seinen Film Ostatnia rodzina (The Last Family) zurückgreifen konnte.

Er erzählt die Geschichte der Künstlerfamilie Beksinski nach. Die freie Welt im Westen, das Leben in Paris oder London, ist bei den Beksinskis immer schon präsent – vor allem in Form von Kulturgütern. Wenn ein Besucher kommt, bringt er Schallplatten mit. Die werden dann sorgfältig ins Regal gepackt, wenn Tomek sie nicht gerade auf einen Inlandsflug nach Rszeszów mitnimmt, wo er als DJ die jungen Leute mit Ultravox zum Tanzen bringt.

Mit seinem Rauschebart und der Mähne (später Glatze) ist Tomek unsteter Gegenspieler seines Vaters, der zu den Dingen des Lebens eine eher sarkastische Distanz hält. Beksinski legt alles in seine Bilder, eine Variante des phantastischen Realismus, von der Matuszynski deutlich macht, dass es sich bei diesen Traumgebilden um eine Kehrseite des technologischen Fortschritts handelt.

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Denn Beksinski war auch ein "early adopter", er verwendete früh die neuen Geräte, die damals in Polen sehr teuer gewesen sein müssen – um Fragen der Ökonomie kümmert sich Ostatnia rodzina allerdings auffällig wenig. Dass Beksinski als Maler bei einfachen Leuten populär war, legte aber wohl die Grundlage für das vergleichsweise luxuriöse Leben der Familie in einer Neubauwohnung.

Ostatnia rodzina ist ein merkwürdiges "period piece" in Innenräumen, zwischendurch gibt es dann aber eine überraschende, surreal wirkende Katastrophensequenz. Das Drehbuch von Robert Bolesto folgt meist tatsächlichen Ereignissen. Eine Verbindung zwischen dem inneren Leben des Meisters und seinen Bildern gibt es nicht. Stattdessen herrscht ein gleichmäßiger Fatalismus, der die tableauhaften Bilder des Films prägt: Medien kommen, Menschen gehen, Konflikte erschöpfen sich, die Gebäude bleiben.

Dass draußen in der Welt zwischen 1977 und 2005 die Systeme stürzen, bekäme man kaum mit. Auch das kann man als Sieg der Kunst lesen. (Bert Rebhandl, 25.10.2016)

  • 28.10., Urania, 18.00
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